DFL-Geschäftsführer Seifert über die Fifa "Wundern oder fremdschämen"

"Man weiß nicht mehr, ob man sich wundern oder fremdschämen soll": Christian Seifert leidet an der Fifa.

(Foto: dpa)

Der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga fühlt sich von der Fifa nicht mehr vertreten und bringt einen WM-Boykott ins Gespräch. Im SZ-Interview erklärt Christian Seifert außerdem, warum der Einfluss von Investoren klarer geregelt werden muss.

Von Moritz Kielbassa und Christof Kneer

Christian Seifert, der Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), hat den Weltverband Fifa und den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter scharf attackiert. "Man weiß nicht mehr, ob man sich wundern oder fremdschämen soll", sagte Seifert im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Wochenendausgabe).

Die Deutsche Fußball Liga fühle sich "von dieser Fifa nicht mehr vertreten", erklärte Seifert angesichts der dauernden Skandalnachrichten um die WM-Vergaben 2018 und 2022, "man fühlt sich auch nicht mehr zugehörig". Leider habe sich dieses Gefühl "noch nicht in allzu vielen Ländern durchgesetzt", denn viele Funktionäre der 209 Mitgliedsverbände "leben vom System Fifa seit Jahren hervorragend". Man müsse leider davon ausgehen, dass in vielen dieser Länder "andere Ethikmaßstäbe gelten als bei uns".

"Der einzige, der den Schlüssel in der Hand hält, ist Platini"

Der deutsche Fußball sehe Blatters erneute Kandidatur um den Fifa-Vorsitz "aus vielen, guten Gründen sehr, sehr skeptisch", sagte Seifert. Man müsse sich gegen die Fifa "dringend Maßnahmen überlegen", erklärte der 45-Jährige weiter und nahm den Präsidenten des europäischen Verbandes Uefa in die Verantwortung: "Der einzige, der wirklich den Schlüssel in der Hand hält, ist Michel Platini."

Christian Seifert im Wortlaut

Das vollständige Interview lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung oder in der digitalen Ausgabe auf dem Smartphone oder Tablet.

Zwar bringt auch Seifert einen möglichen WM-Boykott ins Gespräch ("das wäre die wirkungsvollste Waffe"), aber eine Umsetzung hält er für kaum möglich. Wenn die großen europäischen Fußballnationen einen Boykott planen würden, "dann wäre das Kapitalismus in Reinform", so Seifert. "Dann würde der europäische Fußball seine geballte ökonomische Macht ausspielen, und alle würden schreien: Europas Fußball nimmt Afrika und Asien in Geiselhaft!"

Dass der deutsche Fußball mächtig genug ist, um die Fifa unter Druck zu setzen, bezweifelt Seifert. Mit der Vorreiter-Rolle gebe es folgendes Problem: "Wenn der Vorreiter nur erreicht, dass er als erstes aus dem Sattel geschossen wird, weil ihm keiner hinterher reitet, dann bringt das der Sache relativ wenig." Deshalb, so Seiferts Appell, sei es "dringend nötig, dass sich der europäische Fußball schleunigst auf eine gemeinsame Position einigt".

Außerdem kündigt Seifert im Interview an, dass sich die DFL auf ihrer Mitgliederversammlung am 4.Dezember mit den Eigentumsstrukturen der Bundesligisten befassen wird. Erstmals werde man sich dabei auch "mit dem Thema mehrfacher Beteiligung beschäftigen" - also mit Investoren, die zwar Anteile unterhalb der 50-Prozent-Grenze besitzen, dies aber bei mehreren Klubs.

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Die DFL müsse "alles tun, um die Integrität des Wettbewerbs zu wahren", sagt Seifert, es dürfe "nie der geringste Zweifel aufkommen, ob der letzte Spieltag vielleicht unter fragwürdigen Voraussetzungen stattfindet". Das könnte passieren, wenn zwei Teams aufeinandertreffen, bei denen derselbe Investor Einfluss besitzt. Seifert verwies in diesem Zusammenhang auf das Modell der englischen Premier League, in der Investoren nur an einem einzigen Klub beteiligt sein dürfen.

Außerdem wirbt Seifert für die Einführung der Torlinien-Technologie, über die die 18 Erstligisten ebenfalls am 4. Dezember abstimmen werden. Die Fußballwelt habe sich "ein wenig gewundert, warum gerade Deutschland die neue Technik bisher nicht eingeführt hat", sagt Seifert. "Wenn ich Klub-Verantwortlicher wäre, würde ich wahrscheinlich dafür stimmen." Sollten die Klubs für die Torlinien-Technik stimmen, würde man sich "im nächsten Schritt" ernsthaft mit dem Videobeweis beschäftigen.