DFB und Ultras Wohlklingender Vorschlag - und nun?

Gehören Kollektivstrafen im deutschen Fußball tatsächlich der Vergangenheit an?

(Foto: dpa)

Der DFB verzichtet vorerst auf Kollektivstrafen. Das ist ein starkes Angebot an die Fanszene. Jetzt müssen beide Seiten zeigen, dass sie es ernst meinen.

Kommentar von Carsten Scheele

Jahrelang war die Situation verzwickt und die Fronten zwischen den Lagern verhärtet: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die organisierten Fußballfans standen sich gegenüber. Der letzte ernsthafte Dialogversuch wurde 2011 abgebrochen, weil der DFB nie in Erwägung gezogen hatte, auf Kernforderungen der Fans einzugehen: die Abkehr von Kollektivstrafen oder eine Rücknahme des Verbots von Pyrotechnik. Es folgten friedliche Proteste, aber auch Ausschreitungen, Schmähgesänge, Schmähplakate - auf vielen dieser Plakate stand in der jüngsten Vergangenheit: "Krieg dem DFB."

Und nun plötzlich: ein Zeichen der Anpassung, ein Schritt aufeinander zu. DFB-Präsident Reinhard Grindel kündigte in einem Statement an, der Verband werde vorerst auf Kollektivstrafen verzichten. Einen ganzen Fanblock sperren, weil sich einige wenige Krawallmacher daneben benehmen (wie im Frühjahr, als die Dortmunder Südtribüne gesperrt wurde) - das soll es bis auf Weiteres nicht mehr geben. "Es ist Zeit zum Innehalten. Es ist Zeit zum Umdenken", sagt Grindel nun. Der DFB werde seinem Kontrollausschuss empfehlen, von solchen Strafen abzusehen. Ja, der DFB wolle ein Zeichen setzen.

Die Rolle der Ultras in den Stadien und im Fußball ist so schwer zu definieren wie kaum eine andere im deutschen Sport. Was sie wollen und vor allem was nicht, hat längst nicht jeder verstanden. Und doch haben viele Ultras an diesem Mittwoch überrascht reagiert, manche sogar vorsichtig optimistisch. Es ist ein starkes Zeichen, dass der DFB hier sendet. Ein Zeichen des Deeskalation, das auch skeptische Ultras nicht einfach ignorieren können.

Aber: An diesen starken Worten wird Grindel sich messen lassen müssen, denn es wird sehr darauf ankommen, wie der wohlklingende Vorschlag seitens des DFB mit Leben gefüllt wird. Werden die Gespräche mit den Ultras auf Augenhöhe stattfinden? Werden die Strafen tatsächlich milder ausfallen (etwa für die Randalen beim Pokalspiel zwischen Rostock und Hertha BSC)? Und gibt es womöglich sogar Gesprächsbereitschaft beim Thema Pyrotechnik in Stadien? Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius deutete an, man könne das Feuerwerk in bestimmten Stadion-Bereichen erlauben.

Beide Seiten sind nun gefordert. Die Ultras müssen zeigen, dass sie sich ebenfalls auf die andere Seite zubewegen können und die Gewalt in den Stadien nicht weiter eskaliert. Und der DFB muss zeigen, dass er den Vorschlag wirklich ernst meint - und er das Angebot nicht beim erstbesten Zwischenfall in deutschen Stadien wieder publikumswirksam zurückzieht.

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