DFB-Team Papierflieger im Wembley-Stadion

Marcel Halstenberg und Kieran Trippier kämpfen um den Ball.

(Foto: AP)
  • Beim 0:0 gegen England vergibt das DFB-Team vor allem in der ersten Halbzeit zahlreiche Großchancen und bleibt erstmals in diesem Jahr ohne Tor.
  • Debütant Marcel Halstenberg liefert ein gutes Spiel ab. Genau wie die zahlreichen englischen Talente.
  • Joachim Löw kritisiert nach der Partie vor allem das Umschaltspiel.
Von Markus Schäflein

Dreier- bzw. Fünfer- oder Viererkette? Mario Götze oder Ilkay Gündogan? Oder beide? Bundestrainer Joachim Löw hatte vor dem Gastspiel in England kaum eine Frage zur Aufstellung oder zur Taktik beantwortet. Nur eines hatte er vor dem "Testlauf" verraten - dass der Linksverteidiger Marcel Halstenberg mitwirken werde: "Den plane ich von Anfang an jetzt einfach mal ein, das mache ich auf jeden Fall."

Und so konzentrierte sich das Interesse vor dem Spiel natürlich auf den 26-jährigen Halstenberg. Die Fußballwelt erfuhr, dass der Leipziger seine Karriere irgendwann mal als Stürmer begonnen hatte, dann zum Innen- und schließlich zum Außenverteidiger umschulte. Dass er vor zwei Jahren noch in der zweiten Liga beim FC St. Pauli spielte. Dass er am 4. Juni 2017 in der St.-Gertruden-Kirche in Gleidingen seine Schulfreundin Franziska Dzienziol heiratete. Und dass er es nicht glauben konnte, als er Löws Stimme auf seiner Mailbox hörte: "Ich dachte, es sei ein Scherz. Ich hatte von Kollegen gehört, die veräppelt wurden, indem jemand mit verstellter Stimme bei ihnen anrief."

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Gündogan bestreitet sein erstes Länderspiel nach einem knappen Jahr

Es war kein Scherz, am Freitagabend wirkte Halstenberg beim 0:0 nachweislich mit. "Für den Einstand war es gar nicht schlecht", fand er, "es hat Spaß gemacht, die Laufwege offensiver zu spielen." Der Spätberufene auf der Problemposition hatte eine ordentliche Leistung gebracht in einem Spiel, das hinterher doch noch ein paar andere Geschichten zu bieten hatte. Zum Beispiel debütierten in der Startelf für die enorm ersatzgeschwächten Engländer nicht nur Torwart Jordan Pickford (Everton) sowie die Flügelstürmer Ruben Loftus-Cheek (vom Premier-League-Letzten Crystal Palace) und Tammy Abraham (vom Vorletzten Swansea City), sondern auch der Videobeweis, der erstmals offiziell auf der Insel zum Einsatz kam - im März soll dann entschieden werden, ob er bei der WM dabei ist.

Im 3-4-3-System der Deutschen kamen Mats Hummels, Matthias Ginter und Antonio Rüdiger in der Abwehr zum Einsatz; und Gündogan bestritt im zentralen Mittelfeld nach langwieriger Knieverletzung sein erstes Länderspiel nach einem knappen Jahr, während Götze auf der Ersatzbank saß (und sitzen blieb). "Ich bin natürlich glücklich, es hat gut getan", sagte Gündogan, "ich habe versucht, über die leichten Dinge reinzukommen und möglichst wenige Fehler zu machen." Fehlervermeidung stand allgemein auf beiden Seiten im Vordergrund. Dennoch ging es schwungvoll los, weil die neuen Formationen noch viele defensive Missverständnisse boten.

Zwei Debütanten standen gleich im Mittelpunkt: Erst verpasste Abraham eine flache Hereingabe knapp (2.), als die Abseitsfalle der deutschen Mannschaft nicht funktioniert hatte; dann setzte Halstenberg Leroy Sané in Szene, der das Außennetz traf (8.). Sané hatte in der 20. Minute dann auch die bis dahin größte Chance der Partie mit einem Schuss von der Strafraumgrenze; er traf im Wembley-Stadion die Unterkante der Querlatte. Eine Minute später scheiterte erst Timo Werner an Torwart Pickford, dann Sané im Nachschuss am vor der Linie postierten Abwehrspieler Phil Jones. Danach bot die deutsche Mannschaft noch geduldigen Ballbesitz, und in der 39. Minute eine weitere Möglichkeit: Werner schaffte es erneut nicht, Pickford zu überwinden.

Die Engländer konnten sich angesichts des torlosen Remis längst glücklich schätzen, da sorgten sie kurz vor der Pause auf der anderen Seite noch zwei Mal für Aufsehen: Abrahams von Rüdiger abgefälschter Schuss trudelte knapp am linken Pfosten vorbei (42.), Jamie Vardy scheiterte ungedeckt vor Deutschlands Torwart Marc-André ter Stegen mit einem Lupfer (45.).

Nach einer dominanten ersten Hälfte, in der einige von Löws Ideen aufgegangen waren, wackelte seine Mannschaft nun plötzlich. Direkt nach der Pause konnte ter Stegen zum ersten Mal eine Parade zeigen, bei einem Kopfball von Vardy. Danach verlegten sich die Engländer aber wieder stärker aufs Verteidigen, und das gelang ihnen nun konsequenter, so dass das Spiel deutlich weniger unterhaltsam wurde.

Die englischen Fans vertrieben sich die Zeit mal wieder mit dem Werfen von Papierfliegern, doch im Gegensatz zur vergangenen Partie gegen Slowenien (1:0) landeten diesmal weder der Ball noch einer der Flieger im Tor. Löw brachte Emre Can für Julian Draxler (67.) und Sandro Wagner für Werner (73.). Eine Chance hatte aber nur noch England, durch Jesse Lingard.

Löw kritisierte hinterher: "Wir sind eine Ballbesitzmannschaft, das geht oft gut. Aber wir müssen Richtung WM wieder lernen, dass wir, wenn wir den Ball erobern, schnell umschalten."

Fazit des Abends: Deutschland blieb zum ersten Mal in diesem erfolgreichen Jahr in einem Länderspiel ohne eigenen Treffer; Rückkehrer Gündogan absolvierte 85 Minuten; die jungen Engländer machten ihre Sache besser als von ihren Fans befürchtet; von den Debütanten nutzten Abraham und Halstenberg ihre Chance besser als der Videobeweis, der nicht in Erscheinung trat. Und Mario Götze muss weiter warten.

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