Schiedsrichter Kempter darf wieder pfeifen, DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht keine Fehler bei sich: Mit viel Aufwand reformiert der DFB sein Schiedsrichterwesen.
Das Gespenst wurde kaum beim Namen genannt. Aber natürlich war es allgegenwärtig, als der Deutsche Fußball-Bund am Freitag in aller Eile zum Sonderkonvent in Frankfurt zusammenkam, um per Strukturreform just diesen bösen Geist aus seinem Schiedsrichterwesen zu vertreiben. Zwar wurde der vom neuen Schiedsrichterchef Herbert Fandel präsentierte Leitfaden für die künftige Arbeit von den 252 Delegierten durchgewunken. Doch blieb das exorzistische Bemühen, nebenbei die Affäre um den langjährigen Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell vergessen zu machen, erfolglos - und dafür hatte die Verbandsspitze wieder mal selbst gesorgt.
DFB-Präsident Zwanziger: von eigenen Fehlern keine Spur. (© Foto: ddp)
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Die überfallartige Berufung von Amerells (künftig auch strafrechtlichem) Widerpart Michael Kempter als Referee für das Drittliga-Spiel Sandhausen - Kiel am Samstag brachte das Thema auf den Tisch - auch im Frankfurter Flughafenhotel, wo Präsident Theo Zwanziger und Herbert Fandel keine Volte scheuten, um dem DFB-Plenum die Dringlichkeit dieser Reform zu verklickern. "Wir brauchen ein Schiedsrichterwesen, in dem der Begriff Unabhängigkeit wichtiger ist als Ämterhäufung", rief Zwanziger, Fandel dozierte über Dezentralisierung, Umverteilung und die "absolute souveräne Neutralität", die es zu wahren gelte.
Der offizielle Teil war schnell und routiniert abgearbeitet. Statt Schiedsrichterausschuss wird das Gremium künftig Schiedsrichter-Kommission heißen. Als deren Chef muss Fandel dem DFB-Bundestag Bericht erstatten, zudem ist er vom Präsidium abrufbar. Fandel, der den Fußballchef Volker Roth offiziell erst am 21. Mai beerben wird, will jedes erdenkliche Konfliktpotenzial eindämmen, auf dass jeder erkenne, "dass das Schiedsrichterwesen völlig unabhängig und neutral ist".
Deshalb sollen Referees professioneller betreut, die Schlüsselstellen mit neutralem Personal und eine transparente Kommunikation gepflegt werden. "Wer Schiedsrichter ansetzt, kann keine Beobachter ansetzen und umgekehrt", sagte der frühere Fifa-Referee.
Nur, braucht es für all das einen 400.000 Euro teuren Blitz-Konvent? Die Deutsche Fußball Liga meint Nein, dies mischte DFL-Chef Reinhard Rauball seinem Grußwort unter. "Die Ligavertreter waren dagegen, haben sich aber aus übergeordneten Erwägungen der Stimme enthalten", so Rauball, man hätte durchaus "einen anderen Weg wählen können".
Aber nicht mit Theo Zwanziger. In der Frankfurter Bütt, vor drei Hundertschaften grauer Anzüge, grauen Vorhängen, grauen Vertäfelungen, argumentierte der DFB-Chef damit, man habe diese Reform "klar und rechtlich sauber" durchziehen wollen, um sich später "nicht in Diskussionen zu verzetteln -dazu brauchen wir eine Satzungsänderung. Wenn die Reform zur neuen Saison in Kraft treten soll, muss es jetzt passieren." Und keineswegs sei es so, dass die Strukturfrage "in Zusammenhang mit einem bestimmten Vorgang aufgetaucht" sei, vulgo: der Affäre Amerell/Kempter.
Aber ein wenig befördert hat die über Wochen den Verband erschütternde Krise das Ganze schon: "Jetzt ist es zugegebenermaßen in eine höhere Dringlichkeitsstufe gekommen", meinte Zwanziger. Von eigenen Fehlern keine Spur: "Wir haben die Dinge korrekt und sachlich aufgearbeitet", nur sei leider einiges in der Öffentlichkeit nicht richtig dargestellt worden.
Braver Applaus
Der DFB habe sich auch "nicht rechtsstaatswidrig" verhalten, Amerell sei zu Kempters Vorwürfen der sexuellen Nötigung "Anfang Februar ausführlich angehört worden". Die Akten der internen Ermittlungen habe man nicht an Amerell rausgeben können, weil der sich ja "durch seinen Rücktritt aus unserem Verband verabschiedet hat".
Zwanziger erntete nur kurzen, braven Applaus. In den Fluren des Kongresshotels nämlich glaubte längst nicht jeder, dass die Affäre Amerell/Kempter mit dieser Schnellreform überstanden sei. Tatsächlich dürfte das größte Ungemach noch ausstehen, sowohl Amerell als auch Kempter wollen vor den Strafrichter ziehen. Dort, meint Amerells Anwalt Jürgen Langer, "wird es um die alles entscheidende Frage gehen: War diese Beziehung erzwungen, wie Kempter behauptet, oder freiwillig?"
Sollte sich letzteres, wie Amerell sagt, bewahrheiten, wäre der Vorwurf sexueller Nötigung obsolet, und das Problem müsste auf den DFB zurückfallen, der Kempter volle Glaubwürdigkeit schenkte - trotz Amerells früher Hinweise auf das Vorliegen einer bemerkenswert vertraulichen Kommunikation zwischen ihm und dem Referee. Anwalt Langer will hunderte Mails und SMS von Kempter an Amerell seit 2007 auf den Richtertisch legen, er sagt: "Aus der Frage, welcher Natur das Verhältnis der beiden wirklich war, ergibt sich dann logischerweise alles andere."
In Frankfurt gab sich Zwanziger von solchen Ankündigungen unbeeindruckt. "Es gibt nichts Erkennbares, was uns hätte hindern können, den jungen Mann wieder einzusetzen", meinte er, mental sei Kempter bereit, dies habe ein Psychologe bestätigt, und schließlich: "Alle waren in diese Entscheidung eingebunden. Natürlich haben wir auch beraten: Ist dies der richtige Zeitpunkt?"
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(SZ vom 10.4.2010/jüsc)
wann werden wir endlich von diesem unsäglichem Herrn Dr.Zwanziger erlöst?
"Wir haben die Dinge korrekt und sachlich aufgearbeitet", nur sei leider einiges in der Öffentlichkeit nicht richtig dargestellt worden.
Diese Aussage erinnert ja schwer an die rhetorischen Schaumschlägereien von Politikern nach Wahlen. Inhaltlich waren die Entscheidungen ok, sie sind nur nicht richtig verstanden worden.
Ich könnte ja jeden Tag Gras fressen, dass ich diesen Karnevalsverein mit seinem Festkomitee durch meine Vereinsbeiträge unterstütze.
"Zwanziger sieht keine Fehler bei sich"
Korrekter: "Zwanziger sieht wieder mal keine Fehler bei sich"