DFB-Quartier Löws neues Campo heißt Watutinki

Hat statt Meeresblick in Sotschi bald Birken am Wegesrand in Watutinki: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: dpa)
  • Der DFB zieht während der WM offenbar in ein Quartier nahe Moskau. Der Hotelkomplex liegt im Dorf Watutinki.
  • Das Gebäude ist noch nicht fertig.
  • Die Entscheidung gegen das von Bundestrainer Joachim Löw ursprünglich favorisierte Sotschi soll getroffen worden sein, weil geeignete Trainingsplätze fehlten. Auch die Reiselogistik wäre vom dezentralen Sotschi aus komplizierter zu bewältigen.
Von Johannes Aumüller

Wenn es stimmt, was in Legenden überliefert ist, so steht am Anfang der Geschichte von Watutinki eine Deutsche. Eines sonnigen Morgens soll die russische Zarin Katharina II. (1729 - 1796), eine geborene Prinzessin aus dem Hause Anhalt-Zerbst, vom Drang beseelt worden sein, mit ihrer Entourage ein wenig auszufahren. Just als sie ob der Strapaze der Kutschfahrt ein Päuschen einzulegen gedachte, passierte sie eine mächtige Eiche. Auf Russisch habe die Zarin den Befehl "Wot tut v tenke!" erteilt, gleichbedeutend mit: "Dort im Schatten." Aus dem Ausruf wurde der Legende zufolge über die Jahre die Bezeichnung Watutinki.

Nun lässt sich die Reiseroute der Zarin Katharina II. an jenem Tag nicht exakt rekonstruieren. Und so hat die Legende nicht nur die Schwäche, dass es vom Herrscherpalast bis nach Watutinki ein weiter Weg gewesen wäre. In jedem Fall aber scheint heute alles dafür bereitet zu sein, dass sich circa zweieinhalb Jahrhunderte später erneut ein Deutscher samt Entourage in den 40 Kilometer südwestlich vom Zentrum Moskaus gelegenen Vorort Watutinki (circa 12 000 Einwohner) begeben wird. Nur wird dieses Mal der Tross nicht von einer Frau aus dem Hause Anhalt-Zerbst angeführt, sondern von einem Abkömmling aus dem Geschlecht der Schwarzwälder, sein Name: Joachim Löw.

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An diesem Freitag endet die Frist, binnen derer die Teilnehmer der Fußball-WM 2018 mitteilen müssen, wo sie Quartier in Russland beziehen wollen. Vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gab es zwar vorab keinen offiziellen Kommentar, aber offenbar läuft es auf den Eintrag Watutinki hinaus.

Natürlich hat sich dieser Ort seit den Tagen von Katharina II. entwickelt. Entscheidend für die DFB-Wahl wären vor allem der Fußball- und Hotelkomplex, der wenige Kilometer entfernt von der mächtigen Eiche entstanden ist. Dieser Komplex qualifiziert sich nicht zuletzt durch sein Lage. Nur 30 Minuten sind es zu staufreier Zeit bis zum Flughafen Wnukowo, eine knappe Stunde bis zum Luschniki-Stadion, in dem die Deutschen am 17. Juni ihr Auftaktspiel gegen Mexiko bestreiten. Zudem nach Möglichkeit auch das letzte Spiel des Turniers, das Finale am 15. Juli. Zwar laufen noch Umbauarbeiten, aber es ist nicht so, dass der Komplex zur WM aus dem Boden gestampft würde, so wie es 2014 in Brasilien mit dem Campo Bahia war.

Watutinki liegt rund 40 Kilometer südwestlich von Moskau.

(Foto: Google Maps)

Watutinki wird seit geraumer Zeit von ZSKA Moskau als Vorbereitungsbasis genutzt. Der zuletzt erfolgreichste russische Klub sicherte sich drei nationale Meistertitel in den letzten fünf Jahren. Und weil in Russland nahezu nichts unpolitisch ist, schwingt auch hier die große Politik mit. ZSKA steht seit Sowjetzeiten dem Verteidigungsministerium nahe. Als Eigentümer hinter Watutinki stecken nicht nur die Fußball-Abteilung oder der komplette ZSKA-Verein, sondern das Ministerium selbst.

Dessen Chef Sergej Schojgu soll es ein Anliegen gewesen sein, eine bekannte Mannschaft zu beherbergen. Diesbezüglich hatte er einen guten Draht: Nur ein paar Meter weiter sitzt bei Kabinettssitzungen der Multifunktionär Witalij Mutko. Der war früher Sportminister und Mitglied im obersten Gremium des Fußball-Weltverbandes Fifa, heute ist er Vize-Premier, Präsident des nationalen Fußball-Verbandes und Chef des Organisationskomitees für die WM 2018. Und das alles trotz seiner Hauptrolle im russischen Staatsdoping-Skandal, wegen der Mutko lebenslang vom Besuch der Olympischen Spiele ausgeschlossen ist. Apropos Doping: Gemäß der eigenen Internetseite gehört zum Aufsichtsrat der ZSKA-Gruppe bis heute Jurij Nagornych, früher stellvertretender Sportminister, der ob seiner Beteiligung am Dopingskandal zurücktreten musste.

Als Vorrundenerster würde es nach Sankt Petersburg, Samara und Moskau gehen

Es hat in jedem Fall sehr lange gedauert, bis sich die Deutschen entschieden haben. In Moskau waren andere Quartiere schon durch andere Nationen blockiert, zum Beispiel die Basis in Ramenskoje. Es gilt auch als offenes Geheimnis, dass Bundestrainer Joachim Löw eine Unterkunft in Sotschi lieber gewesen wäre. Die Stadt am Schwarzen Meer hat Löw während des Confed Cup im Sommer als Basis schätzengelernt. Zumal das Test-Turnier mit einer besseren B-Elf eindrucksvoll gewonnen wurde.

Aber mit Sotschi gab es Probleme. Beispielsweise, dass es aufgrund der Fifa-Regularien nicht möglich ist, für die Dauer des kompletten Turnieres einen tauglichen Trainingsplatz zu bekommen. Die wenigen relevanten Plätze sind für jene Teams reserviert, die in Sotschi ihre Spiele bestreiten müssen. Zudem ist die zentrale Lage Moskaus auch für die Bewältigung der WM-Logistik geeigneter als das weit im Süden liegende Sotschi. Angesichts der Austragungsorte für die drei Gruppenspiele (Moskau, Sotschi, Kasan) mag der Unterschied nicht direkt einleuchten; vorausgesetzt aber, der Titelverteidiger kommt weiter, überwiegen die Vorteile. Im Fall des erwarteten Gruppensieges könnte es ab dem Achtelfinale so weitergehen: Sankt Petersburg - Samara - Moskau - Moskau.

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So entgeht Löws Mannschaft auch der Gefahr, im Strandbad Sotschi zu sehr in den Ferienmodus zu rutschen. Und wiedersehen werden die deutschen Spieler den Ort ja in jedem Fall, zum zweiten Gruppenspiel gegen Schweden. Zur Not lassen sich vorher und/oder nachher noch ein, zwei Nächte mehr als üblich dranhängen.