Nach zwei spielerischen Offenbarungseiden gegen Udinese und 1899 Hoffenheim versucht Dortmunds Trainer Klopp, einen Rest von Aufbruchstimmung zu retten.
Jürgen Klopp ist nicht gerade der Typ, dem man Beschäftigung mit dem Übersinnlichen zutraut. Aber wenn die Ratlosigkeit groß ist, neigen selbst intellektuelle Naturen wie Borussia Dortmunds Trainer dazu, von "schwarzen Tagen" und einer "schwarzen Woche" zu sprechen. Nach zwei spielerischen Offenbarungseiden gegen Udinese Calcio im Uefa-Cup und Aufsteiger 1899 Hoffenheim in der Bundesliga geht in Dortmund die Angst um, die bösen Mächte könnten an diesem Mittwochabend gegen Hertha BSC Berlin auch noch den Knockout im DFB-Pokal bewirken.
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Dortmunds Trainer Jürgen Klopp fordert eine deutliche Steigerung seines Teams nach zuletzt schwachen Leistungen. (© Foto: dpa)
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Dortmunds Vorstands-Chef Hans-Joachim Watzke war am Dienstag bemüht, die Sorgen herunterzuspielen: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft, vor allem auf bestimmten Positionen. Da muss man Rückschläge in Kauf nehmen." Doch solche Engelsgeduld nimmt man dem BVB-Boss nicht wirklich ab. Mit acht Punkten aus vier Bundesliga-Partien war Dortmund so gut gestartet, dass man sich allzu gern schon zurück in standesgemäßen Tabellen- und Leistungsregionen empfand.
Denkzettel für den Kapitän
Doch schon am vorletzten Spieltag, beim Revier-Derby gegen Schalke 04, hatte Jürgen Klopp erhebliche spielerische Defizite und über weite Strecken unbedarftes Deckungsverhalten moniert. Die Sorgen allerdings waren durch die euphorische Schlussphase fortgespült worden, als Dortmund aus einem sogar noch schmeichelhaften 0:3-Rückstand mit etwas Hilfe des Schiedsrichters noch ein 3:3 machte. Selbst nur gefühlte Siege gegen Schalke verklären in Dortmund traditionell die Wahrnehmung.
Beim 0:2 gegen Udinese wurde die inzwischen wieder so kopflos wie unter Klopp-Vorgänger Thomas Doll wirkende Mannschaft regelrecht einem Intensivkurs in Sachen Spielkultur und Handlungs-Schnelligkeit unterzogen. Klopp fand es "stellenweise peinlich", wie seine Mannschaft vorgeführt wurde und rotierte für das Spiel in Hoffenheim neben den verletzten Hummels und Zidan gleich noch Blaszykowski, Hajnal und den eben erst verpflichteten koreanischen Neuzugang Lee aus der Startaufstellung.
Den dicksten Denkzettel bekam Kapitän Sebastian Kehl, seit Saisonbeginn nur noch ein Schatten seiner selbst, mit seiner Nicht-Aufstellung verpasst. Das Problem: Klopps mutiges Rotieren wirkte fast so hyperaktiv wie die Spielweise seines stets torlosen Stürmers Nelson Valdez: Beim spielstarken Neuling gab es die peinlichste Abreibung, die der BVB seit Jahren verpasst bekam. Kleinlaut muss nun Jürgen Klopp die herausrotierten Profis gegen Hertha BSC nun wieder ins Spiel bringen - denn allzu viel mehr als seine ersten Elf scheint er, nach den Eindrücken des Debakels von Hoffenheim, gar nicht in petto zu haben.
"Systemfußball vom Feinsten"
Die 1:4-Niederlage kommentierte ein Insider höhnisch: "Willkommen in Dortmund. Jetzt ist der Trainer hier wirklich angekommen." In den vergangenen Wochen hatte die positive, ansteckende Art von Klopp den substantiell nicht verstärkten Kader in eine beschwingte Stimmung versetzt. Da wurden Gegenspieler plötzlich aggressiv angelaufen, und die beiden 19-jährigen Innenverteidiger Mats Hummels und Neven Subotic spielten mit viel Glück fast schon wie die Alten. Spätestens seit Sonntag ist die Mainzer Laune allerdings passé. Borussia Dortmund, im letzten Jahr mit sensationellen 62 Gegentoren die Schießbude der Bundesliga, kassiert jetzt wieder fast beliebig. Die "Aufbruchstimmung" der ersten Klopp-Wochen dürfte mit einem Ausscheiden aus dem Pokal endgültig dahin sein. Und was dann?
Die Brachial-Rotation hat die Defizite bei der Borussia ebenso wenig kaschieren können wie die eiligen Nachhilfestunden im Taktik-Seminar. "Taktisches Verhalten", hatte Klopp nach dem Udine-Spiel gesagt, "ist leider nicht wie Fahrradfahren. Man muss es immer wieder neu üben." Wenn das Üben denn reichen würde. Doch nach drei Spielzeiten mit wechselnden Trainern und zum Teil kostspieligen Zukäufen drängt sich dem Dortmunder Publikum die Erkenntnis auf: Die Substanz, die versammelte Qualität in der Mannschaft, sie wird immer weniger, auch wenn Sportdirektor Michael Zorc nicht müde wird, das Gegenteil zu behaupten. Aber warum sonst hätte Klopp so wenig Möglichkeiten gehabt, durch personelle Maßnahmen die Mannschaft aufzumischen?
Immerhin darf der langjährige Mainzer Trainer Jürgen Klopp davon ausgehen, dass er auch beim BVB viel Zeit bekommt, den "Systemfußball vom Feinsten", den er bei den von Ralf Rangnick aufgebauten Hoffenheimern rühmte, auch in Dortmund zu etablieren. Ehe Klopp rausfliegt, so hört man beim BVB, würden eher Denkmäler wie Michael Zorc oder Sebastian Kehl gestürzt. Das immerhin ist neu in Dortmund. Typisch allerdings: Kehl ist selbst in der Formkrise noch am ehesten ein Anführertyp im ansonsten wahllosen Kader-Wirrwar des BVB.
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