Das Comeback des Franzosen krönt den 2:0-Pokalsieg der Bayern gegen den 1. FC Nürnberg. Kapitän van Bommel muss zuschauen.
Scheinbar missmutig nahm Franck Ribéry an der Seitenlinie die letzten Anweisungen von Jürgen Klinsmann zur Kenntnis. Er wollte jetzt keine Taktikschulung hören - der Franzose wollte einfach nur spielen, drei Monate, nachdem ihm im EM-Spiel gegen Italien das Syndesmoseband im linken Fuß gerissen war. Und wer wäre besser geeignet, die apokalyptische Stimmung zu vertreiben, die den FC Bayern seit dem 2:5 gegen Bremen umgibt, als der Spaßvogel und Zauberkünstler Ribéry, Liebling der Münchner Zuschauer? Die murrten, weil Klinsmann in der 65. Minute für Ribéry den starken Miroslav Klose, Schütze des Führungstors, aus dem Spiel nahm. Doch vier Minuten später leitete Ribéry die Kombination zum 2:0 durch Tim Borowski ein. Und das Volk jubelte wieder. Die Bayern, Titelverteidiger, erreichten mit dem 2:0 gegen den 1.FC Nürnberg die dritte Runde des DFB-Pokals, und Ribéry machte ihnen zusätzlich Hoffnung. Aber gefestigt wirkte das Team in der Partie gegen den Zweitligisten noch nicht. Jürgen Klinsmann wird weiterhin unter strenger Beobachtung stehen, am Samstag schon wieder beim Bundesligaspiel in Hannover.
Bild vergrößern
Bayerns Franck Ribéry (oben) meldete sich nach langer Verletzungspause zurück. (© Foto: Reuters)
Anzeige
"Die größte Herausforderung meiner Karriere"
Klinsmann wollte den Sieg vor allem "den geduldigen Fans" widmen. Aber auch ihm selbst tat er sichtlich gut. Sein Nürnberger Kollege Michael Oenning, wie Klinsmann ein Neuling in der Funktion als verantwortlicher Vereinstrainer, trauerte den vergebenen Chancen seines Teams nach - es waren allerdings nicht allzu viele gewesen. Auf Zweitliga-Rang 14 hat Oenning das vorgegebene Ziel Wiederaufstieg schon ein wenig aus den Augen verloren. Er versuchte, den Bayern mit einem kompakten Mittelfeld und Angelos Charisteas als einziger Spitze den Saft abzudrehen. "Die größte Herausforderung meiner Karriere", so nannte er dieses Spiel. Michael Oenning ist zumindest nicht untergegangen.
Klinsmann hatte sich im Vergleich zum Bremen-Spiel zu umfassenden Umstellungen entschlossen: Vierer- statt Dreierkette mit Massimo Oddo anstelle von Christian Lell als rechtem Glied, Andreas Ottl anstelle von Mark Bommel im defensiven Mittelfeld, Tim Borowski im offensiven Mittelfeld, und im Sturm übernahm der von einer Oberschenkelverletzung genesene Miroslav Klose wieder den Part von Lukas Podolski. Vor allem das Fehlen von Kapitän Mark van Bommel gab Anlass zu Spekulationen: Wurde er geschont, oder wurde er bestraft, weil er in den Bremer Angriffswellen untergegangen war? Klinsmann sprach davon, es gebe fortan "ein Duell" zwischen van Bommel und Ottl, was dem Kapitän eindeutig die Laune verdarb.
Van Bommel, schon beim Bundesligaspiel in Köln aus dem Team rotiert, sah bei Spielbeginn grimmig drein, aber seine Kollegen vermissten ihn zunächst nicht. Im Gegenteil, das Tor zum 1:0 schon in der siebten Minute schien dem Fußball-Bilderbuch entnommen zu sein. Bastian Schweinsteiger legte den Ball am rechten Flügel in den Lauf von Oddo, und der zeigte in einer einzigen Bewegung jene Qualitäten, die Christian Lell fehlen: Übersicht und Präzision. Der Italiener stürmte zur Grundlinie, drosch den Ball aber nicht sogleich hoch vors Tor, sondern zog die Flanke nach einem Blick in den Strafraum halbhoch zurück Richtung Elfmeterpunkt. Dort lauerte Miroslav Klose. Der nahm den Ball mit der Brust an und schoss ihn hoch ins entfernte linke Toreck. Jürgen Klinsmann jubelte am Spielfeldrand, als hätte er selbst getroffen.
Der Bayern-Schwung verebbte
Der zunächst entfesselt aufspielende Klose begeisterte fortan das Publikum mit seinen Soli und seinen Zuspielen. Eines davon erreichte in der 25. Minute Schweinsteiger, der allein aufs Tor zustürmte, aber hauchdünn an Torwart Raphael Schäfer scheiterte. Das war die größte Chance für die Bayern zum befreienden 2:0 noch in der ersten Halbzeit. Die Nürnberger wackelten, aber sie brachen nicht auseinander, im Gegenteil. Daniel Gygax, dessen Schlenzer in der 14. Minute nur knapp am rechten Pfosten vorbeiflog, gab ein erstes Lebenszeichen im Namen des Clubs, und kurz vor der Pause grätschte Marek Mintal freistehend an einer Hereingabe von Javier Pinola vorbei. Die Bayern-Abwehr wirkte wieder so entblößt wie bei den fünf Toren der Bremer. Es drohte den Gastgebern nun eine 45-minütige Zitterpartie.
Torwart Michael Rensing, Oliver Kahns schwer in die Kritik geratener Nachfolger, war eine Halbzeit lang nicht ernsthaft geprüft worden - das besorgte gleich nach der Pause Abwehrchef Martin Demichelis mit einem tückischen Rückpass. Rensing nahm den Ball mit der Brust an und stocherte ihn mit dem linken Fuß wacklig zwischen zwei Nürnbergern hindurch aus dem Strafraum. Gerade noch einmal gut gegangen. Der Bayern-Schwung verebbte jetzt zusehends, und die wenigen Chancen wurden überhastet vergeben. Schweinsteiger zog den Ball, den er Verteidiger Goncalves am Fünfmeterraum abgejagt hatte, am rechten Pfosten vorbei, und Tim Borowski drosch den Ball, den ihm Oddo vorgelegt hatte, ebenso in die Fanmassen wie wenig später Luca Toni.
Dann endlich schlug die Stunde von Ribéry. Mit dem ersten Ballkontakt leitete er jene Ballstaffette ein, die über Luca Toni und Andreas Ottl dem freistehenden Tim Borowski den Abschluss leicht machte. "Wir haben uns einigermaßen rehabilitiert", sagte Manager Uli Hoeneß, der schon wieder den Humor für einen kecken Wunsch hatte: in Runde drei ein Heimspiel gegen die Löwen.
- DFB-Pokal kompakt Auch Stuttgart und Wolfsburg weiter 24.09.2008
- DFB-Pokal Alle Spiele, alle Tore 23.09.2008
- FC Bayern München Die schöne, böse Königin 17.05.2010
- Fußball: FC Bayern München Stichelei im Titelrausch 16.05.2010
- DFB-Pokal-Finale Das Biest bleibt trocken 16.05.2010
- Pokalsieger FC Bayern Euphorie in Rot-Weiß 15.05.2010
- DFB-Pokal-Finale Bayern demütigt Bremen 15.05.2010
(SZ vom 25.09.2008/mb)
Ungewöhnliche Energiegewinnung
Bedauerlicherweise muss ich ihrer These widersprechen.
3-5-2 war nicht das dominierende Spielsystem der Siebziger/Achtziger. Vor Franz Beckenbauer, der die Position eines Mittelläufers (z.B. Willi Schulz) zum freien Mann hinter der Abwehr umfunktionierte und damit Freiraum nach vorne bekam, gab es das 2-3-2-3 System und das war in keinem Fall mit der Dreierkette vergleichbar, die Wenger oder auch Klinsmann spielen lassen.
Das dominierende Spielsystem dieser Zeit war das 1-3-3-3 System und wurde von den Spielern Cruyff und Beckenbauer dominiert. Der Unterschied lag tatsächlich in der Funktion der damals alles überragenden zwei Spieler in Europa. Beckenbauer als Libero und Cruyff als zentraler Mittelfeldspieler.
Sorry!
Es ist zwar schon eine Weile her, aber wenn ich mich recht erinnere, war das führende Spielsystem der 70'er und 80'er das 5-3-3 oder 5-4-2 System, was mit dem heutigen 3-5-2 nicht ganz so viel gemein hat...
Jedenfalls ist das 3-5-2 deutlich offensiver ausgerichtet.
In einer Reihe mit Beckenbauer, Augenthaler und Matthäus? Große Schuhe, die Sie dem Demichelis da anziehen wollen - vor allem die ersten. Auch wenn die eine Rückgabe an den armen Rensing doch so ein wenig an die manchmal die Mitspieler technisch überfordernden Spielereien eines F.B. erinnerte.
Ansonsten habe ich schon einige Beiträge früher geschrieben, dass seine Spielweise mich an den guten alten Libero erinnert - das Copyright liegt also bei mir :-)
Stimmt nicht, Meisterfeier-Schloßplatz war angesagt.
Ansonsten stimme ich Ihrem Kommentar betreffend dem Spielsystem der Bayern voll und ganz zu.
Löwenfan und Realist - hartes Brot und fast der Widerspruch an sich.....
Aber die Einstellung gefällt mir. Letztlich ist mit einem "was wäre wenn" keinem geholfen. Es ist natürlich schwer für die Löwen, finanziell in einer Stadt wieder auf die Beine zu kommen, die mit dem FCB einen großen Teil der zur Verfügung stehenden Sponsorengelder abzieht. Die wenigsten infrage kommenden Sponsoren werden bei der Überlegung in München ein Sportverein zu fördern, der im bezahlten Fußball tätig ist, auf die 60er kommen. Es ist jammerschade, dass diesem Verein damals der Wildmoser-Skandal doch fast das Genick gebrochen hat. Da sieht man, wie sehr das ganze doch personenabhängig ist. Deshalb habe ich auch große Bedenken, was aus dem FCB wird, wenn Uli Hoeness sich in den Ruhestand verabschiedet. Sicher gibt es Leute, die seine Qualitäten haben, aber das Herzblut, das er investiert, ist von kaum einem zu erwarten, der von außen in den Verein kommt. Aber das dauert ja noch.....
Paging