Von Jürgen Schmieder

Werder Bremen gewinnt das erste Spiel der Serie gegen den Hamburger SV, in der es für beide Vereine um die Bewertung dieser Saison geht. Vor allem emotional hatte die Partie viel zu bieten.

Es war ein wenig schade, dass niemand ein Lasso dabei hatte an diesem Abend, um Tim Wiese einzufangen. Wie ein Tasmanischer Teufel spurtete Bremens Torhüter nach dem dritten gehaltenen Elfmeter über den Platz, in handgestoppten 10,0 Sekunden absolvierte er die 100-Meter-Distanz von seinem Tor hin zu jener Kurve im Hamburger Stadion, in der sich die Anhänger von Werder Bremen versammelten. Diego, Claudio Pizarro, Mesut Özil - allesamt formidable Sprinter mit ansehnlicher 100-Meter-Zeit - waren nicht in der Lage, auch nur annähernd Schritt zu halten mit ihrem Torhüter.

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Thomas Schaaf beschwert sich über das Foul an mesut Özil. (© Foto: rtr)

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"Das war einer der größten Momente meiner Karriere und vor dem HSV-Fanblock kann ich ja schlecht jubeln. Also habe ich Gas gegeben, um schnell zu unseren Werder-Fans rüberzurennen", sagte Wiese nach dem Spiel. "Wir waren schon 120 Minuten unterwegs, und dann mussten wir auch noch ihm hinterher. Wenn wir frisch gewesen wären, hätte wir ihn vielleicht eingeholt, so hatten wir keine Chance", urteilte Mitspieler Sebastian Boenisch über die Sprinter-Qualitäten seines Torhüters.

Es war ein beeindruckender Moment an diesem Abend, an dem oberflächlich betrachtet nur der Gegner von Bayer Leverkusen für das Endspiel im DFB-Pokal am 30. Mai in Berlin ermittelt wurde - und oberflächlich betrachtet gewann Werder Bremen die Partie im Elfmeterschießen gegen den Hamburger SV, nachdem es nach 90 und 120 Minuten 1:1 gestanden hatte. Der Bremer Per Mertesacker und der Hamburger Ivica Olic hatten jeweils ein Mal für ihre Mannschaft getroffen. Im Duell vom Elfmeterpunkt dann konnte Wiese drei Mal parieren. "Ein Denkmal bauen wir ihm jetzt nicht, aber wer drei Elfer hält, der kann eigentlich nichts besser machen", sagte Clemens Fritz über die Leistung von Tim Wiese.

Freilich aber ging es um mehr in diesem Spiel, es war die erste Partie in einer Serie aus vier Spielen, die für beide Vereine bestimmen soll, wie sie diese Saison am Ende zu betrachten haben. Der HSV nämlich war vor diesem Spiel tatsächlich in Gefahr, nach 22 Jahren ohne Titel gar das Triple (DFB-Pokal, Uefa-Cup, deutsche Meisterschaft) zu gewinnen. Werder Bremen war in Gefahr, dass diese Spielzeit doch noch als überaus erfolgreiche in die Geschichte dieses Vereins eingeht.

Und natürlich sind diese Duelle auch Derbys. Rechnet man die norddeutsche Kühle und Gelassenheit heraus, dann mögen sich die Anhänger beider Mannschaften etwa so wie die von Schalke 04 und Borussia Dortmund. Es sind also auch vier Gelegenheiten innerhalb weniger Tage, sein Revier abzustecken.

Wahrscheinlich lagen deshalb in diesem Spiel Emotionen, die auch für vier Spiele reichen würden. Eine davon gab es am Ende der regulären Spielzeit, als der Hamburger David Jarolim dem die Linie hinuntereilenden Mesut Özil einen Bodycheck verpasste. Bremens Trainer Thomas Schaaf, dessen Sache markige Sprüche und große Worte normalerweise nicht sind, hüpfte an der Linie herum und auch ein Lasso hätte ihn wohl nicht gestoppt. Das freilich erregte die Gemüter der Hamburger Verantwortlichen, weil Schiedsrichter Knut Kircher Jarolim des Feldes verwies.

"Ich hatte Angst um Mesut Özil, da machte es eben Klick. Ob das eine gelbe oder rote Karte gibt, war mir in diesem Moment total egal", sagte Schaaf nach dem Spiel. Auch Hamburgs Trainer Martin Jol und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer nahmen Brisanz aus der Angelegenheit, indem sie sachlich über Jarolims Foul sprachen. Die Spieler beider Mannschaften versuchten nach dem Spiel, es zu reduzieren auf ein Pokal-Halbfinale.

Allein Tim Wiese war bereit - nachdem er sich von seinem Spurt und den Feierlichkeiten mit den Anhängern erholt hatte -, die Derby-Stimmung beizubehalten. "Hören Sie mal", raunte er einen Reporter an. "Das gehört doch dazu zum Fußball." Er meinte die markigen Sprüche, die er vor dem Spiel machte und sich dadurch den Unmut seines Trainers zugezogen hatte. "Ich musste heute etwas reißen, wenn ich schon vor dem Spiel die Sprüche mache", sagte Wiese. "Es war einfach nur ein geiler Abend."

Beim Hamburger SV dagegen war diese Partie schnell abgehakt. Piotr Trochowski sagte etwa: "Wir haben es leider nicht geschafft. Jetzt müssen wir sehen, dass wir in den beiden anderen Wettbewerben nach vorne kommen." Dass dies vor allem bedeutet, die nächsten drei Spiele gegen Werder Bremen erfolgreich zu gestalten, sagte er nicht - weil es ohnehin jeder weiß.

Am 30. April geht es weiter mit dem Hinspiel im Uefa-Cup. Dann wird auch bestimmt, ob jemand die 100-Meter-Zeit von Tim Wiese noch unterbieten kann.

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(sueddeutsche.de/gba)