Von Ralf Wiegand

Tim Wiese hält im Elfmeterschießen drei Mal und sichert Bremen den Einzug ins Pokalfinale. Dann setzt der Torwart zum Sprint über den ganzen Platz an.

Am Ende war es einfach nur ein Pokalspiel. Die Serie, die der Hamburger SV und Werder Bremen vor sich haben in den verbleibenden 18 Tagen, diese noch folgenden drei Spiele in weiteren zwei Wettbewerben - sie zählten nicht in dem Augenblick, als es in einer Partie um das eine entscheidende Tor ging, das den Sieg und eine Reise nach Berlin verhieß.

Hamburger SV Werder Bremen Pokal Halbfinale dpa

"Elfmeterkiller" Wiese bei der Arbeit (© Foto: dpa)

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Und als ob sie sich nicht noch oft genug sehen würden, dehnten die ewigen Nordrivalen ihr erstes Date bis weit in die Nacht aus. Die spuckte dann, nach Verlängerung und Elfmeterschießen, Werder Bremen als Pokalfinalisten aus - am 30. Mai Gegner von Bayer Leverkusen.

Sollten allerdings die kommenden Ausgaben dieser norddeutschen Vier-Chancen-Tournee ähnlich intensiv werden wie der Auftakt, dann müssen sich die Bremer Spieler wohl liegend in die Hauptstadt transportieren lassen. Am Ende der 120 Minuten standen sich die Teams wie angeschlagene Boxer gegenüber.

Die Hamburger, ab der 90. Minute nach einem Platzverweis für Jarolim in Unterzahl, hofften auf den Lucky Punch - und Werder Bremen rannte, einen knappen Punktsieg vor Augen, ohne Deckung an. Der letzte Hieb aber, den setzten sie nicht. Den setzte Tim Wiese mit drei gehaltenen Elfmetern in letzter Instanz. Dem 3:1 im Elfmeterschießen (1:1, 1:1) folgte eine Stadionrunde des Bremer Keepers wie im Rausch.

Beide Mannschaften hatten sich diesem Saisonhöhepunkt auf sehr unterschiedlichen Wegen angenähert, die aber für den Spielverlauf von erheblicher Bedeutung waren.

Die gesamte Saison ein Vorspiel

Der Hamburger SV spielt schon die gesamte Spielzeit über konstant in der Spitze der Bundesliga, dominierte seine Gegner zumeist auch im Uefa-Cup und hatte im DFB-Pokal einen leichten Lauf, 1860 München zuhause, SV Wehen-Wiesbaden zuhause, solche Leichtgewichte.

Für die Hamburger war die gesamte Saison ein Vorspiel, jetzt kommen die Zahltage: Was bleibt von all den Läufen und Serien am Ende übrig? Titel oder nur Statistik? Der HSV steht unter dem Druck, in kurzer Zeit alles verlieren zu können.

Für Werder Bremen war dagegen die Saison schon gelaufen. In der Liga hatten sie nie den Kontakt zu den internationalen Plätzen, in die Winterpause gingen sie mit Pokalauslosungen, die das schnelle Aus verhießen: In Dortmund im deutschen Pokal, gegen den AC Mailand im Uefa-Cup. Aber Werder setzte sich in diesen Vergleichen durch und unverhofft auch in den folgenden, beim VfL Wolfsburg, in Udine.

HSV mit drei Stürmern

Plötzlich tat sich eine Tür auf, um die schon verlorene Saison noch mit einem womöglich historischen Doppel-Pokal-Triumph zu retten, ja sogar komplett zu drehen. Diegos Ex-Gespielin Sarah Connor hatte das mal so besungen: From Zero to Hero. Werder sieht die Chance, unverhofft alles zu gewinnen.

Druck kann Angst erzeugen, eine Chance Mut machen - so ließ sich das Spiel auch an in der Hamburger Arena. HSV-Trainer Martin Jol setzte zwar augenscheinlich auf totale Offensive, in dem er Guerrero, Olic und Petric gleichzeitig aufbot, bremste seine Elf aber im Mittelfeld aus, weil er Trochowski aus der Elf nahm und es dreifach defensiv besetzte.

Jol korrigiert seine Aufstellung

So blieben von den drei Angreifern nur zwei, weil Guerrero hinter die Spitzen rücken musste, wo er sich so schnell in Zweikämpfen verschliss, dass er schon nach einer halben Stunde ernsthaft in die Nähe eines Platzverweises geriet. Zur Pause ersetzte ihn Jonathan Pitroipa.

Die HSV-Elf war eine, die überraschte, die aber nicht so funktionierte, wie Jol sich das wohl erhofft hatte. Denn Werder-Coach Thomas Schaaf, kein Tüftler, sondern ein Gewohnheitstier, ignorierte jedes Aufstellungsexperiment des Kollegen und bot stattdessen einfach seine elf besten Spieler in altbewährter Raute auf mit dem Auftrag, möglichst schnell zu gewohnter Ballsicherheit zu kommen und damit Dominanz über das Spiel zu erlangen.

Und das gelang ihr. Die Angriffe von Diego, Özil und Pizarro endeten häufig mit Hamburger Fouls, David Jarolim tat sich dabei hervor - so auch in der elften Minute gegen Claudio Pizarro, halblinks vor dem Strafraum. Dummerweise ist Diegos Lieblingsposition für feine Freistöße.

Frank Rost, ohnehin ungewohnt nervös, patschte den Ball aus dem Winkel in die Mitte und vor die Füße von Per Mertesacker - 0:1. Das Tor passte zur ersten Halbzeit, in der Werder besser blieb, wenn auch ohne Tore.

Nach dem Wechsel entwickelte sich eine offenere Partie, Martin Jol hatte fast alle seine Aufstellungs-Schrulligkeiten korrigiert und Trochowski gebracht. Olic belohnte die Rückkehr seiner Elf ins Spiel mit dem Ausgleich (67.). Danach entwickelte sich das, was man einen Pokalfight nennt. Fortsetzung am 30. April im Uefa-Cup.

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(SZ vom 23.04.2009)