Von Andreas Burkert

Nach einer späten Steigerung erreicht Bayer 04 Leverkusen durch ein 4:1 nach Verlängerung über Mainz zum dritten Mal das Pokalfinale.

Leverkusen gewinne nie etwas, hat der brasilianische Mittelfeldspieler Emerson geflucht, als Bayer04 in einem stolzen Fußballdorf namens Unterhaching ziemlich spektakulär seine erste deutsche Meisterschaft verspielte. Nun ja, Emerson (der übrigens am Dienstagabend seinen Vertrag bei Inter Mailand auflöste) irrte sich damals natürlich, wenn auch nur geringfügig. Uefa-Cupsieger und Gewinner des DFB-Pokals sind die Leverkusener ja zuvor schon mal gewesen, der humorlose Mittelstürmer Ulf Kirsten köpfelte beispielsweise im Juni 1993 im Berliner Nieselregen das einzige Tor gegen die Hertha-Amateure zum ersten nationalen Titel für den Werksklub.

DFB-Pokal: Bayer Leverkusen

Arturo Vidal erzielt das 2:1 für Bayer Leverkusen. (© Foto: dpa)

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In diesem Jahr soll es nun mal wieder klappen, und zumindest die Finalteilnahme in Berlin hat Leverkusen am Dienstagabend erreicht: Nach einer späten Steigerung gewann Bayer das Halbfinale gegen den letztlich deutlich unterlegenen Zweitligist Mainz05 4:1 (1:1, 0:0) nach Verlängerung und steht damit zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte im Pokalendspiel. "Wir haben eine Riesenmoral gezeigt", sagte der schwer erleichterte Trainer Bruno Labbadia hinterher, "wir haben einen gut organisierten Gegner müde gespielt."

Einen wie Kirsten ("der Schwatte") könnten sie im Rheinland zurzeit gut gebrauchen - jemanden, der den Ball aus dem Nichts einfach mal mitsamt des Verteidigers über die Linie drückt. Auch am Dienstagabend kontrollierte Bayer zwar die komplette Partie, gefährlich wurde es für die Mainzer jedoch zu selten. Nach einer konstruktiven Startphase merkte man der jungen Leverkusener Mannschaft eben den Druck an, mit diesem einen Spiel eine inzwischen verkorkste Saison unbedingt retten zu müssen.

In der Hinserie, als Leverkusen noch erfrischend auftrat und bisweilen die Bundesliga anführte, hatten die Leverkusener ja oft vor der Pause zugeschlagen; doch von dieser Leichtigkeit ist bei ihnen schon lange nichts mehr sehen. Ein früher Versuch von Renato Augusto, der Kießlings Flanke nicht richtig traf (3.), dazu Kadlec' abgefälschter Distanzschuss (18.) und Helmes' vermeintlicher Abstauber nach einem Querschläger von Noveski (20.) - mehr aufregende Szenen musste der einstige Leverkusener Torhüter Dimo Wache (1990 bis 1992) im Tor der 05er bis zur Pause nicht überstehen.

Der Plan der Mainzer schien somit aufzugehen. Schon im Viertelfinale gegen Schalke (1:0) hatten sie den Favoriten mit konsequentem Pressing gestört und auf Konterchancen gelauert. Gegenstöße zeigten die Mainzer allerdings so gut wie gar nicht, auch sie stecken ja zurzeit in einer mittelschweren Formkrise und müssen als aktueller Tabellendritter um den angestrebten Aufstieg bangen. Im Duell zweier angeschlagener Teams, das war spätestens zur Halbzeit klar, würde ein offener Schlagabtausch eher ausbleiben. "Wir haben gut angefangen, aber die Mainzer machen das sehr geschickt", sagte Leverkusens angespannter Sportchef Rudi Völler zur Pause, "aber wir werden unsere Chancen bekommen."

Nicht nur Völler wartete auch nach Wiederbeginn lange vergebens. Leverkusen erhöhte zwar minimal das Tempo, doch Mainz stand diszipliniert, massiv und konzentriert. Eine unangenehme Aufgabe hatte Bayer hier zu bewältigen, denn für einen lockeren, von allen Experten und vor allem von den Verantwortlichen im Klub erwarteten Sieg über den Außenseiter kombinieren die talentierten Leverkusener im Frühjahr 2009 einfach mit zu wenig Esprit und Präzision. Mainz wiederum tat wenig fürs Spiel, Bancé, die einzige Spitze, sah den Ball meist nur aus der Entfernung und schuftete vorne als erster Verteidiger.

Die ignorierte Verletzung

Als die Leverkusener Ratlosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, reagierte Trainer Labbadia und brachte zwei frische Offensivkräfte: Barnetta für den soliden Ballverteiler Kroos und der Wintereinkauf Charisteas anstelle des erneut enttäuschenden Nationalstürmers Helmes. Die Mannschaft verstand das Signal. Augusto prüfte Wache (78.), und Kießling drückte den Ball dann sogar ins Tor. Doch nach Vidals Versuch und Rolfes' Nachschuss gegen den Pfosten stand der fleißige Stürmer im Abseits (80.).

Aber Bayer 04 drängte jetzt auf eine Entscheidung, zumal die Mainzer Angriffsbemühungen mehr als kläglich ausfielen. Und so zog der starke Augusto abermals fulminant ab, Wache ließ den Ball unglücklich abprallen - und Charisteas, zur Rückserie aus Nürnberg geholt, staubte ab. Leverkusen schaltete jedoch etwas zu früh ab, vor allem nach Charisteas Verletzung im eigenen Strafraum, die sowohl Schiedsrichter Weiner als auch die Gäste ignorierten. Pekovic durfte also noch flanken, und Bancé hielt seine Stirn zum Kopfballaufsetzer ins Eck hin - 1:1, die unverhoffte Verlängerung.

Bayer hatte nun aber die Favoritenrolle endgültig angenommen, man stemmte sich nun mit Mumm und Leidenschaft gegen die Blamage und bestrafte umgehend die kleine Unsportlichkeit der Mainzer. Nach einem der zahlreichen Eckstöße kam Kießling im Strafraum zum Schuss, und Waches Parade ließ Vidal einen Nachschuss zum 2:1 folgen (92.). Kießling hätte die Partie frei vor Wache vorzeitig entscheiden können (97.), ebenso Friedrich per Kopfball, den Wache parierte (103.). Eine Minute später sangen die Bayer-Fans dann aber doch befreit von Berlin, nach Friedrichs zweiten Kopfball hielt Rolfes den Fuß hin. Kadlec erhöhte mit einer Einzelleistung noch auf 4:1 (117.). Ein spätes Solo und gleich drei schmucklose Tore aus kurzer Distanz, der Tribünengast Kirsten wird sehr zufrieden gewesen sein.

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(SZ vom 22.04.2009/jüsc)