DFB-Pleite gegen England "Ich scheiß' nicht aufs Ergebnis, das sag' ich ganz ehrlich"

Toni Kroos (r) zog halt einfach mal ab - doch sein 1:0 war in Berlin lange nicht genug.

(Foto: dpa)

Thomas Müller gibt nach dem 2:3 gegen England zu, dass er sich nicht überwinden konnte. Andere ärgern sich über das Kuddelmuddel. Ist die DFB-Elf doch nicht so gut, wie sie glaubt?

Von Thomas Hummel, Berlin, Berlin

Dem Müllerthomas kann man trotzdem nicht böse sein. Die deutsche Nationalmannschaft hat gerade zu Hause gegen England verloren, 70 000 sind enttäuscht nach Hause gegangen, da kommt der Oberbayer aus der Kabine, schaut recht fröhlich, redet laut mit den Menschen, schaut ihnen direkt in die Augen und zuckt mit den Schultern. "Wir waren heute im Testspielmodus und den konnte ich nie richtig abschütteln."

Da war es, das böse Wort: Testspielmodus.

Thomas Müller lieferte gleich die Erklärung mit, was das bedeutet: Die Mannschaft sei bei Einsatz und Aggressivität nicht an die hundert Prozent Leistung rangekommen. In so einem Spiel, in dem es um nichts Zählbares geht, in so einem Freundschaftsspiel, da "ist man halt doch nicht so, dass man über die Grenze drübergeht. Sollte man eigentlich, aber nun ja, wir sind auch nur Menschen".

Hiermit ist die Debatte eröffnet: Darf man das? Als Nationalspieler? Erst merklich im Testspielmodus spielen und gegen England, immerhin ein historischer Fußball-Erzfeind, 2:3 im eigenen Berliner Olympiastadion verlieren? Vor fast ausverkauftem Stadion und Millionen Fernsehzuschauern. Und dann auch noch öffentlich zugeben, nicht mit ganzem Herzen dabei gewesen zu sein?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass die DFB-Elf ein wenig legerer daherkommt. Schon gar nicht seit dem großen Triumph von Rio. Ein paar Ergebnisse des Weltmeisters in den vergangenen gut eineinhalb Jahren: 2:4 gegen Argentinien, 0:2 in Polen, 0:1 in Irland, 1:2 gegen die USA, 0:2 in Frankreich, nun 2:3 gegen England. Auch der Rest der EM-Qualifikation lief größtenteils zäh und gehemmt. Am Dienstag kommt Italien nach München, ausgerechnet Italien. Ist das immer noch der Nach-WM-Blues, oder deutet sich hier eine nachhaltige Delle an, die sich auch bei der Europameisterschaft im Sommer bemerkbar macht?

Das Spiel in Berlin kann auf diese Frage nur Hinweise liefern. Hinweise in beide Richtungen. Trotz einiger Spieler mit schlapper Körperspannung wie Müller oder Reus dominierten die Deutschen das Geschehen eine Stunde lang, ließen gegen sehr engagierte, quicklebendige, junge Engländer kaum eine Torchance zu und führten 2:0. Toni Kroos hatte einen Angriff mit einem Pfeilschuss aus 20 Metern abgeschlossen (43.), Mario Gomez eine Flanke seines alten Stuttgarter Kumpels Sami Khedira gekonnt ins Eck geköpfelt (57.). Gomez war zuvor schon ein Tor gelungen, was ihm der Schiedsrichter aber zu Unrecht aberkannte.

Sogar Manuel Neuer geht mit unter

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Mats Hummels und Antonio Rüdiger bauten das Spiel von hinten passabel auf, Toni Kroos, Sami Khedira und Mesut Özil zeigten Klasse und entwickelten die Angriffe, Gomez wirkte stets gefährlich. Klar, auch die Gäste hatten ihre Chancen, aber sie brachten diese eben nicht zu Ende. Manuel Neuer musste eine Halbzeit lang keinen Ball halten. Dann war die Partie eigentlich entschieden. Doch was nach dem Anschlusstor von Harry Kane in der 61. Minute geschah, das kann wirklich nur in Berlin passieren.

Es erinnerte fatal an das 4:4 im Herbst 2012 an gleicher Stelle gegen Schweden, als die Deutschen schon 4:0 geführt hatten. Heute wie damals brach zunehmend alles zusammen. Jeder Plan, jede Ordnung schwand dahin und im allgemeinen Tumult streuten einige schlimme Fehler ein. Während die Engländer ihr Glück kaum fassen konnten und immer schwungvoller nach vorne stürmten.

"Die komplette Mannschaft spielte nicht mehr geschlossen. Wir standen nicht mehr eng und kompakt zusammen. Wir haben es gemerkt, konnten es aber nicht mehr ändern" beschrieb Sami Khedira das Kuddelmuddel. Toni Kroos bestätigte: "Wir müssen uns alle vorwerfen lassen, nicht mehr gut verteidigt zu haben."