DFB-Kader für Frankreich Löw ist sentimental - und loyal

Enge Vertraue, auch in Frankreich? Bastian Schweinsteiger (links) und Bundestrainer Joachim Löw (Archivbild)

(Foto: dpa)

Von der herrschenden Meinung, dass sich die DFB-Ära von Schweinsteiger/Podolski dem Ende entgegen neigt, wird sich der Bundestrainer kaum beeinflussen lassen. Er setzt auf andere Argumente.

Kommentar von Philipp Selldorf

Das Jahr 2004 liegt nicht so weit zurück, dass man es als Bestandteil der Vor- und Frühgeschichte ansehen müsste. 2004 hatte die Menschheit die Kupfer- und Bronzezeit schon lange hinter sich gelassen, bloß der Fußball der deutschen Nationalmannschaft steckte in einer Phase, die dem Paläolithikum ähnelte. Man wusste beim DFB, dass der Aufbruch in die Moderne kommen müsste, aber man wusste nicht, mit wem man aufbrechen sollte. Im letzten Moment trieb Teamchef Rudi Völler zur EM in Portugal zwei Halbstarke auf, die unter den Chiffren "Poldi" und "Schweini" den Wandel repräsentieren oder zumindest symbolisieren könnten.

Zwölf Jahre später sind Bastian Schweinsteiger, 31, und Lukas Podolski, 30, an einem Punkt angelangt, da sie von weiten Teilen des Publikums als Angehörige einer vergangenen Epoche, mithin als Spieler von gestern und vorgestern wahrgenommen werden. Formell amtiert Schweinsteiger nach wie vor als Kapitän der Nationalelf, während Podolski weiterhin verlässlich und versiert seinen Platz auf der Reservebank einnimmt, aber es ist mehr als bloß ein Hauch des Abschieds, der die beiden umweht. Dass der Bundestrainer noch nicht aufgehört hat, die zwei in seinen Kader zu berufen, ließ sich bisher mit Loyalität und Sentimentalität befriedigend begründen.

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Nun aber ist die Testphase vor dem Start ins Turniertrainingslager beendet, und nach alter Sitte setzt im DFB-Land die Kaderdebatte ein. Podolski, in Istanbul aus dem Blickwinkel geraten, braucht nicht auf viele Fürsprecher zu hoffen, und auch Schweinsteigers Bürgen führen Argumente an, die weniger mit einer aktiven Rolle auf dem Platz zu tun haben als mit seiner möglicherweise hilfreichen Funktion in der Kabine. Ein Kapitän, der nicht mehr als Spielführer, sondern als Teambetreuer agiert - ist dies wirklich das wünschenswerte Finale einer großen internationalen Karriere? Derzeit erscheint es nicht verwegen, in den Fällen Schweinsteiger und Podolski das nahe Ende einer Ära zu erkennen.

Löw hatte auch mit Klose Recht

Den Bundestrainer werden diese volkstümlichen Diskussionen wahrscheinlich aber nicht mal peripher beeinflussen. Seine autonome Entscheidungskraft hat Joachim Löw schon vor anderen Turnieren nachgewiesen, etwa wenn er gegen die herrschende Meinung ein weiteres Mal den vermeintlichen Steinzeitspieler Miroslav Klose berufen - und damit Recht behalten hat. Wenn es nun darum geht, den Kader für die EM zu komponieren, dann wird er, besonders auf den hinteren Plätzen der Bank, nicht nur die sportlichen Einzelfälle betrachten, sondern auch die strategischen Aspekte heranziehen - und auch das: die menschlichen Eigenheiten seiner Kandidaten.

Er braucht keine 23 Spieler, die ihm zum Auftaktmatch gegen die Ukraine in bester Form zur Verfügung stehen. Er braucht die Auswahl, die das Turnier bis zum Endspiel trägt. Irgendwo, für den einen vielleicht mittendrin, für den anderen zumindest am Rande, könnte er dann sogar wieder die Plätze für Schweinsteiger und Podolski finden.

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