Die einstigen Schelmen Poldi & Schweini haben mittlerweile Chancen, als richtige Profis anerkannt zu werden. Zumindest während der 90 Minuten auf dem Platz.
Sogar Zeit zum Fernsehen hat sich Lukas Podolski während der Partie gegen Portugal genommen. Wenn der Ball im Aus war, dann schaute er manchmal hinauf zur Videowand im St. Jakob-Park und war daher bestens unterrichtet, wie es Joachim Löw in der Verbannung erging. "Wir haben auch ein bisschen für den Trainer gespielt", teilte Podolski später mit. "Aber ich denke, der Hansi Flick hat das auch gut gemacht." Ein gnadenvolles Lob von Lukas Podolski für den Aushilfschef: Das mag sich etwas anmaßend für den immer noch sehr jungen Nationalspieler anhören - aber wer redet vom Alter bei einem 23-jährigen Fußballer, der bereits sein 52. Länderspiel absolviert hat? Vier davon entfallen aufs laufende Turnier, und besonders sein jüngster Auftritt ruft den Verdacht hervor, dass Podolski auf dem Fußballplatz allmählich erwachsen wird, typischerweise ebenso wie sein gleichaltriger Weggefährte Bastian Schweinsteiger, der in Basel Länderspiel Nummer 54 beging.
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Lukas Podolski (links) und Bastian (rechts) Schweinsteiger genießen das Bad in der Menge. (© Foto: AP)
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Münchner Leidensgenossen
Er hat Lob erhalten von allen und jedem für sein starkes Spiel, dafür hat er sich höflich bedankt, aber das einzige was Lukas Podolski wirklich interessierte an diesem Abend, war ein technisches Detail: Wie schnell war sein Weitschuss geflogen, der in der zweiten Halbzeit höchstens um eine halbe Ellenlänge das Tor verfehlte? Leider gab es dazu kein Datenmaterial, es wäre ein Fall für die amerikanische Nasa gewesen.
Podolski wurde dann von den Betreuern des Deutschen Fußballbundes dadurch beruhigt, dass sie ihm Dank sagten: Hätte er den Pfosten getroffen, wäre wahrscheinlich das Tor umgefallen, und das Spiel hätte wiederholt werden müssen. Hätte er allerdings ins Netz getroffen, wäre Michael Ballack mit seinem Treffer gegen Österreich nicht mehr alleiniger Anwärter auf das Tor des Monats respektive Jahres gewesen.
Während der Partie ließ sich Podolski von der verspielten Liebe zu seinem grandiosen Weitschuss nichts anmerken, er rannte und er schuftete auf seiner linken Seite mit dem Ausdruck totaler Ernsthaftigkeit. Bei einer Ecke tauchte er einmal vor der Fankurve auf und animierte die Leute zur Unterstützung, und er tat das mit einer wilden Miene, die gar nicht mehr passen wollte zum lustigen Poldi vergangener Tage. Diese Folklore-Figur hat er genauso in der Vergangenheit begraben wie das Bastian Schweinsteiger getan hat, der schon lange nicht mehr Schweini sein will. Ihre Spitznamen tragen sie noch, aber sie wollen jetzt endlich als richtige Fußballprofis anerkannt werden. Für diesen Respekt haben die beiden, deren Schicksale sich irgendwie ständig kreuzen und die auch in München Leidensgenossen sind, in Basel das Richtige getan.
"Ein wasserstoffblonder Arbeiter"
Schweinsteiger war am nächsten Tag die Titelfigur der Neuen Zürcher Zeitung, auf deren Frontseite Fußballer eigentlich nichts verloren haben. "Schweinsteiger entzaubert Portugal", hieß es in der Überschrift, und dann war die Rede vom Untergang des Weltfußballers Ronaldo, dem "ein wasserstoffblonder Arbeiter mit dem wenig glamourösen Namen Schweinsteiger" die Schau gestohlen habe. Eine nicht sehr huldvolle, aber treffende Darstellung.
Schweinsteiger erhob sich in diesem Spiel über die übrige Mannschaft, weil er einerseits künstlerisch wertvoll spielte - mit geglückten Dribblings, perfekten Ballannahmen, seinen idealen Freistößen vor den Toren - andererseits pragmatisch und sachlich. Er schlug keine temporaubenden Haken, er startete keine nutzlosen Fummelzweikämpfe, er spielte zurück, wenn es die klügere Lösung war. Als er nicht mehr konnte, weil er unentwegt zwischen Defensive und Offensive hin und hergelaufen war, gab er das Signal, ausgetauscht zu werden.
Vielleicht wollte er auch den Sonderapplaus haben - aber vor allem war es ein Vernunftakt, der dem Team diente. Er bot, im Wortsinn, eine reife Leistung, und die von Löw ausgerufene "Bringschuld" wegen seines Platzverweises im Kroatien-Spiel hat er bis auf den letzten Krümel abgetragen.
Auf der nächsten Seite: Schweinsteiger wird Spieler des Tages - und was er mit der Bundeskanzlerin besprochen hat.
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