Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Die deutsche Mannschaft irritiert mit ihrer wechselhaften Leistung selbst gestandene Experten wie Beckenbauer. Doch im Ausland stößt die deutsche Mannschaft auf Bewunderung - nicht ganz zu unrecht.

Wenn der Weiseste der Weisen nicht weiter weiß - wie soll dann der Rest des Landes diese Elf verstehen? Diese Deutschen würden ihm immer mehr ein Rätsel, hat Franz Beckenbauer seine Eindrücke vom Halbfinale zusammengefasst. Staunend sieht er den ständigen Wandel: Polen, Kroatien, Österreich, Portugal, Türkei - während dieser Turnierstationen hat das deutsche Team eine verwirrende Vielfalt seiner Fähigkeiten und Unfähigkeiten vorgeführt.

Franz Beckenbauer (links) hatte erhöhten Gesprächsbedarf nach der Halbfinalleistung der DFB-Elf. (© Foto: Getty)

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Im Halbfinale gab es den Höhepunkt: eine Collage aus guten und schlechten Momenten, die wild durch den Mixer geschüttelt und über die 93 Minuten Spielzeit geworfen wurde. Komprimiert äußerte sich das in zwei Szenen mit Philipp Lahm: Erst verliert er auf für seine Verhältnisse dilettantische Art das Duell vor dem 2:2, gleich darauf schießt er wie der weltbeste Torjäger das 3:2. Beckenbauer war irritiert. Im Finale geht so was aber nicht, mahnte er.

Den deutschen Mythos demonstrativ belebt

Jene Gelehrten, die dem deutschen Betrieb weniger eng verbunden sind als Beckenbauer, haben sicher auch gestaunt, fühlten sich ansonsten aber nur bestätigt in der von den Vätern und Großvätern überlieferten Ansicht. Arsenals intellektueller Trainer Arsène Wenger etwa hatte die Deutschen zu den Favoriten unter den Viertelfinalisten ernannt. Grund: ihre seit Generationen starke Wettkampf-Mentalität. Das ist keine originelle These, sie muss deshalb aber nicht falsch sein.

In Basel wurde der deutsche Mythos demonstrativ belebt: durch die Effizienz, aus wenig viel zu machen; durch den störrischen Willen, sich zu behaupten, obwohl alles schiefläuft; und vor allem durch die Tatsache, am Ende doch zu gewinnen.

Das klingt nach einer zynischen Pointe wie aus den Zeiten des hässlichen grünen Auswärtstrikots, als die ganze Welt die deutschen Finalteilnahmen bei den Weltcups 1982 und 86 beklagte. Die jetzige Elf leugnet diesen Teil ihres Stammbaums nicht, aber sie hat sich eine eigene Identität geschaffen. Ihr historisches Bezugsjahr ist 2006, und die internationalen Reaktionen auf den anhaltenden Dauererfolg der Deutschen im größten Spiel der Welt sind folgerichtig eher Respektbekundungen als Proteste.

Trainer Löw wirkte nach dem Halbfinale so ratlos wie Franz Beckenbauer. Er suchte, aber er fand keine rationale Lösung, das brachte den Sportakademiker Löw durcheinander. Aber dies haben er und Beckenbauer dann doch noch eingesehen, was wirklich wichtig ist: Deutschland ist im Finale, und das verdient Bewunderung.

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(SZ vom 27.06.2008/pes)