Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Beim FC Bayern ist es seit Hoeneß' Manager-Tagen eine gute Tradition, irgendetwas wahnsinnig zu finden. Nun ärgert sich van Gaal über den Leistungstest der DFB-Elf - zu Unrecht.

Nach übereinstimmenden Deutungen deutscher Lexika ist das Wort Wahnsinn eine volkstümliche Rückbildung aus dem schon im 15. Jahrhundert gebräuchlichen Adjektiv wahnsinnig. Aber man muss nicht alles glauben, was in dicken Büchern steht. Denn es gibt genügend Beweise, dass der Begriff Wahnsinn von Uli Hoeneß erfunden wurde.

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Louis van Gaal findet es Wahnsinn, dass er seine Spieler zum DFB-Leistungstest abstellen muss. (© Foto: Getty)

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In den tausend goldenen Jahren, in denen Hoeneß Manager des FC Bayern war, hat er in nicht messbarer Häufigkeit den Ausdruck Wahnsinn zu Hilfe genommen, um schlechte Erscheinungen und Entwicklungen im Fußball anzuprangern. Seine klassische Wendung: "Das ist doch Wahnsinn!" Meistens ging es dann um wuchernde Ablösesummen, habgierige Fußballer oder kriminelle Präsidenten. Manchmal auch um Schiedsrichter, deren Entscheidungen nicht dem Wohl des FC Bayern dienten.

In seinem letzten Amtsjahr hat Hoeneß nur noch ab und zu auf den grassierenden Wahnsinn im Fußball gedeutet. Im Herbst immerhin hat es ihn mächtig aufgeregt, dass der DFB mitten im Meisterschaftsbetrieb zwei Test-Länderspiele gegen Chile und Ägypten abgemacht hatte, "das ist doch Wahnsinn!", schimpfte er und meinte: EIN überflüssiges Länderspiel sei doch wohl genug. Man hatte das zur Kenntnis genommen, mehr nicht.

Jetzt hat wieder ein Mann vom FC Bayern den DFB und dessen Spitzentrainer Joachim Löw des Wahnsinns bezichtigt. Louis van Gaal hält es für unzumutbar, dass er zwei Tage auf seine deutschen Nationalspieler verzichten muss, weil sie einen Leistungstest mit dem Nationalteam absolvieren sollen. "Ich denke, dass es Wahnsinn ist", hat van Gaal gesagt, und das Schlimme ist: Er hat nicht bloß seinen Präsidenten zitiert, er meint das ernst. Als DFB-Manager Oliver Bierhoff in einem ehrlichen Moment erwiderte, diese Münchner Einzelmeinung sei "nicht so wichtig", klagte van Gaal wie eine Diva, die in ihrer Suite keinen Whirlpool vorfindet, über Mangel an Respekt.

Doch er blieb allein mit seiner Beschwerde. Keiner stimmte ein in die Kampagne, nicht mal der notorische Skeptiker Felix Magath. Löws Trainerkollegen akzeptieren, dass das Nationalteam ein paar Rechte hat, und sie wissen, dass ihr Wohlwollen mit einem einzigen Länderspiel während der Rückrunde nicht überstrapaziert wird. Und sie wissen, dass es Wahnsinn wäre, wenn sie Löw im WM-Jahr dieses geringe Maß an Unterstützung versagen würden.

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(SZ vom 26.01.2010)