Von Christof Kneer

Nach einer schwachen Vorrunde hat der Trainerstab die richtigen Lehren gezogen: Mit einer neuen taktischen Ausrichtung gelang gegen Portugal das beste Turnierspiel seit Jahren.

Gut sahen sie aus in ihren weißen Hemden, aus denen gebräunte Gesichter ragten, und nun, da die Anspannung der letzten Minuten abgefallen war, wirkten Hansi Flick und Andreas Köpke beinahe erholt. Gut sahen sie aus, aber sie hatten keine Chance. Der braunste Mensch dieser und vermutlich auch aller anderen Welten ist immer noch Gerhard Mayer-Vorfelder. Nach Spielschluss bog er plötzlich aus den Katakomben in Richtung Spielfeld, und ehe sich Köpke versah, fand er sich in einem Knäuel aus Mayer-Vorfelderschen Armen wieder.

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In der Vorrunde hatten Joachim Löw und Hans-dieter Flick viele Gründe, sich zu ärgern. (© Foto: dpa)

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Hansi Flick entging dieser Liebesattacke, aber ungeküsst kam auch er nicht davon. Ihn umarmte Theo Zwanziger, und auch Generalsekretär Niersbach und DFL-Chef Rauball trugen Hände mit sich herum, die dringend geschüttelt werden wollten. Niemand konnte in dem Moment genau sagen, wem welcher Arm oder welche Hand gehörten, und derart ineinander verkeilt verschwand die deutsche Fußballfamilie in den Katakomben. Nur Gerhard Mayer-Vorfelder stand immer noch da, er ließ Köpke nicht mehr los, und vielleicht erklärte er ihm, wie das früher so war mit dem deutschen Fußball oder vielleicht auch nur, wie man so braun wird.

Mit zwei Mannschaften angetreten

Der deutsche Fußball von früher und der von heute haben an diesem erstaunlichen Abend miteinander Frieden geschlossen. Dort unten standen Mayer-Vorfelder und Zwanziger, der alte und der neue DFB, und ihr gemeinsamer Auftritt stand stellvertretend für das, was sich zuvor auf dem Basler Rasen abgespielt hatte. 3:2 hatten die Deutschen die Portugiesen besiegt, und auch dort unten auf dem Rasen hatten sich der alte und der neue deutsche Fußball auf eine Weise miteinander versöhnt, die kaum einer für möglich gehalten hatte.

Wenn die Uefa ein gewissenhafter Verband ist, wird sie sich die Bänder dieses Spiels noch mal anschauen, und dann wird sie wieder eine lustige Kommission anrufen, und am Ende wird sie Deutschland vielleicht auf die Tribüne verbannen. Auf den Bändern müsste klar zu sehen sein, welch erheblichen Wettbewerbsvorteil sich die Deutschen verschafften: Die Portugiesen kamen allein, die Deutschen dagegen hatten zwei Mannschaften an den Start geschickt - eine neumodische, die Portugal im topmodernen 4-2-3-1-System empfing und ein so todschickes Tor schoss, dass all die portugiesischen Künstler am liebsten auf der Stelle Deutsche geworden wären; und eine althergebrachte, die rannte, kämpfte und mit zwei Tugendtoren (Freistoß-Kopfball-Tor) das Spiel entschied.

An diesem Abend kombinierte die DFB-Elf das Beste aus beiden Welten zu einer intensiven Würzmischung - das Tor zum 1:0 (Lahm direkt auf Ballack, der direkt auf Podolski, der flankt direkt auf Schweinsteiger) konnte man immer weniger glauben, je häufiger man es sah, während man die Tore zum 2:0 (Klose) und 3:1 (Ballack) gerne glauben mochte, weil man sie schon so oft gesehen hat.

Bestes Turnierspiel seit Jahren

Praktisch aus dem Nichts hat die DFB-Elf das beste Turnierspiel hingelegt seit - ja, seit wann eigentlich? Die bis heute völlig überhöhte WM 2006 scheidet als Vergleichsmaßstab aus, sie brachte eine überragende Halbzeit (gegen Schweden, nicht gegen Portugal), einen geordneten Auftritt gegen spielerisch überlegene Argentinier und eine Niederlage gegen taktisch reifere Italiener.

Womöglich muss man bis zur WM 1990 zurückblättern, um DFB-Turnierspiele von vergleichbarer Dichte, Struktur und Qualität zu finden. Zu solchen Partien gehören immer auch die Unzulänglichkeiten, die des portugiesischen, nun ja, Torwarts etwa oder die womöglich spielentscheidenden Fehler des Assistenten, der den Portugiesen ein eher korrektes Tor (wg. Abseits) wegwinkte, oder des Schiedsrichters, der Ballacks Schubser vor dem 3:1 übersah. "Wir haben gezeigt, was für ein Potential wir haben, wenn wir alles abrufen", sagte Joachim Löw.

Wer will, darf es überraschend finden, dass Deutschland Portugal besiegt hat; viel überraschender aber war der Sieg der Deutschen über sich selbst. Unter Druck kommen einem ja manchmal die besten Ideen, und so hat sich der Trainerstab von der insgesamt missratenen Vorrunde offenbar so unter Druck gesetzt gefühlt, dass er sich selbst zum Glück gezwungen hat. Deutschland hat es ja nur der leichtesten aller Vorrundengruppen zu verdanken, dass es überhaupt noch im Rennen ist, und zum Dank haben Löw und Flick daraus eindrucksvoll ihre Lehren gezogen. So haben sie etwa verstärkt Standardsituation üben lassen, was spektakulären Ertrag brachte.

Lesen Sie auf Seite 2: Warum Löw umstellte und ob er bei der neuen Taktik bleiben wird.

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