Für Jens Lehmann war das Spiel gegen Spanien ein doppeltes Finale: Denn sein 61. Länderspiel dürfte wohl auch sein letztes gewesen sein und damit steht Deutschland wieder eine Torwartdebatte ins Haus.
Der spanische König war leider gerade beschäftigt. Die Siegesfeierlichkeiten brauchten den ganzen Mann, und auch aus seinem Hofstaat war keiner aufmerksam. Aber vielleicht hat daheim im Palast ja irgendwer den königlichen Videorekorder programmiert, dann könnten sie später noch mal sehen, was ihnen nach dem Schlusspfiff entging. Sie könnten diesen Mann sehen, der sich in kerzengerader Haltung für die königliche Leibgarde empfahl. So aufrecht wie Jens Lehmann muss man erst mal stehen können, und: so präzise. Er stand exakt auf seiner Torlinie, keinen Millimeter davor und keinen Millimeter dahinter, und Spontanschätzungen von der Tribüne ergaben, dass er 3,66m vom rechten und 3,66m vom linken Torpfosten entfernt war. Er stand genau in der Mitte seines Tores.
Bild vergrößern
Wenn man so ein Finale verliert, dann bleibt die Enttäuschung ein Leben lang", sagt Jens Lehmann nach dem Finale. (© Foto: Getty)
Anzeige
Jens Lehmann, 38, hat Abschied genommen am Sonntagabend in Wien, er hat das nicht gesagt, aber jeder hat es gesehen. Torhüter sind so, die besten von ihnen haben sowieso immer einen praktischen Tunnel zum Aufblasen dabei, und in den ziehen sie sich nicht nur dann zurück, wenn das Elfmeterschießen naht. Sie nehmen auch Abschied im Tunnel. Niemand, der es je gesehen hat, kann das Bild vergessen, wie Oliver Kahn 2002 in Yokohama minutenlang am linken Pfosten saß. Er hatte gerade das WM-Finale verloren, und vielleicht hat ihm sein innerer Kahn da schon signalisiert, dass er keines mehr spielen würde.
Ein Leben lang enttäuscht
Von Lehmann gibt es ab sofort drei Abschiedsbilder: Als Erstes hat er der spanischen Siegesfeier den Rücken zugedreht und völlig abwesend in die Zuschauerränge gestarrt; dann hat er sich auf seine Torlinie gestellt; und am Ende trottete er zum rechten Pfosten, es musste schon der rechte Pfosten sein, nicht der linke von Kahn. Er saß auch nicht wie Kahn, er blieb stehen an seinem rechten Pfosten, und dort stand er so lange, bis vorsichtig ein paar Mitspieler kamen, um ihn aus seinem allerletzten Tunnel zurückzuholen in die warme Nacht von Wien.
Jens Lehmann wollte ein letztes Mal alleine sein mit seinem Tor, seinen Pfosten und seiner Torlinie. Er hat seine Karriere nicht beendet am Sonntagnacht, aber einen Teil davon. Er wird beim VfB Stuttgart noch ein Jahr weiterspielen, aber sein 61. Länderspiel ist mit ziemlicher Sicherheit sein letztes gewesen. "Wenn man so ein Finale verliert, dann bleibt die Enttäuschung ein Leben lang", sagte Lehmann später, "das lässt sich nicht mehr gutmachen."
Enke oder Adler
Was tief drinnen in Kahn damals nur eine Ahnung war, hat sich tief drinnen in Lehmann längst zur Gewissheit verdichtet: Er wird mit der Nationalelf wohl keinen Titel mehr gewinnen - und das schmerzt ihn besonders, weil er dieser Elf bei der WM 2010 einiges zutraut. "Ich rede jetzt erst mal über gar nichts, ich bin noch zu enttäuscht vom Spiel", sagte Lehmann, "wenn ich eine Entscheidung bekanntzumachen habe, werde ich die erst mal Mitspielern und Trainer verkünden."
Es wird vermutlich nichts mehr zu entscheiden geben. Natürlich hat das niemand gesagt an diesem Abend, aber in der sportlichen Leitung des DFB hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Zeit für einen Umbruch im Tor gekommen ist. Er könne sich schwer vorstellen, mit einem 40-Jährigen im Tor in die WM 2010 zu starten, das ist der Satz, mit dem sich Torwarttrainer Andreas Köpke zurzeit gerne zitieren lässt; offizielle Aussagen lassen sich sonst keine auftreiben zu diesem Thema, aber beim DFB sind sie schon der Meinung, dass sie Lehmann jetzt lange genug Gutes getan haben.
Erst kurz vor Turnierbeginn hat Köpke eingeräumt, dass die EM-Teilnahme des Arsenal-Ersatztorwarts Lehmann aller Rhetorik zum Trotz nie in Frage stand. Sie haben sich ihren Lehmann von der Öffentlichkeit nicht madig machen lassen, sie haben ihm radikal vertraut - auch, weil sie dem damaligen Stellvertreter Timo Hildebrand nicht wirklich vertrauten. Nun aber haben sie keinen Grund mehr, am Potential der Erben zu zweifeln: Sowohl Robert Enke als auch Rene Adler trauen sie im Trainerstab jetzt die lange Qualifikationsstrecke bis zur nächsten WM zu, ebenso Manuel Neuer, dem jungen Schalker.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer als Favorit ins Rennen um den Torwartposten geht und warum Andreas Köpke zu Enke hält.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Jahresrückblick 2008: EM-Finale Die Nacht von Wien 03.12.2008
- EM 2008 Der Fußball triumphiert 29.06.2008
- EM-Finale Der ewige Zweite 30.06.2008
Erster Arbeitstag als Chef der Deutschen Bank
ob die Lehmann-Spezi Klinsmann, Löw und Köpke in 2006 für die WM mit ihrer Entscheidung für Lehmann anstelle von Kahn einen Glücksgriff getan haben? Wohl kaum, wenn er heute so sang- und klanglos abserviert wird.
In 10 Jahren wird jeder fragen: Lehmann, who? und Kahn wird als ein wirklich Großer immer noch im Gespräch sein. .
In meiner Kinderzeit nannte sich beim Straßenfußball der Kinder der Torwart immer " Toni Turek", in Thailand habe ich es erlebt, daß sich der Torwart "Kahn" nannte. Ein Lehmann ist mir nicht aufgefallen.
Was für eine Klatsche für die Lehmann-Jünger. 2006 wurde Kahn abserviert weil man einen mitspielenden, das Spiel schneller machenden Torhüter haben wollte. Dass aber ein Torhüter in 1. Linie Tore verhindern soll, hat man vergessen.
Grossos Schuss war nicht unhaltbar und das Herauslaufen mit kurzem Abbremsen im Finale geht ganz klar auf die Kappe des "mitspielenden" Torhüters, obwohl Lahm in die Rolle des Trottels rutschte. Bleibt Lehmann im Kasten, passiert nix. Bezeichnend ist, dass Lehmann nach dem Spiel den Schiri in die Rolle des Sündenbocks für die Niederlage drängte.
Ich glaube, etwas Objektivität könnte Dir nicht schaden!
"Alle Gegentore, besonders das im Finale waren unhaltbar."
Schau mal das Türkei-Spiel an: Der erste Ball geht an seinen Arm und an den Oberschenkel. Ich sage nicht, dass das ein Fehler oder Patzer ist, aber wenn der Ball diese Körperteile berührt, dann KANN er nicht unhaltbar sein. Der Ausgleich der Türken zum 2:2 ist auch mit Sicherheit nicht unhaltbar! Das Tor im Finale ist nicht unhaltbar, wenn er im Tor bleibt.
Tut mir leid, aber Du solltest die Jens Lehmann Brille absetzen...
Was schreibt ihr für einen Unsinn!!!
Lehmann hat ein sehr gutes Turnier gespielt.
Er war hinter Van der Sar und Casilias der beste Torhüter.
Alle Gegentore, besonders das im Finale waren unhaltbar.
Lehmann hat mit vielen Glanzparaden die Mannschaft vorpeinlichen Ergebnissen
bewahrt. Ich finde Lehmanns Kritiker, vornehmlich aus dem süddeutschen Raum, die wahrscheinlich noch immer nicht verkraften können, dass Lehmann Kahn als Nummer 1 abgelöst hat, sollten endlich ihren Mund halten. Denn meistens kommt daraus nur subjektibver Unsinn. Hoffentlich macht er bis zur WM in Südafrika weiter und versabschiedet sich würdig mit dem WM-Titel!!!
Pandro hat es erfasst: Bis auf den Wechsel Kahn zu Lehmann waren alle Torwartwechsel der vergangenen Jahre um mindestens 2 Jahre zu spät. So ist es diesmal auch.
Und zu Lehmann: Sein letztes Tor, das er sich gefangen hat, ist symptomatisch für ihn: Entweder er geht raus und holt den Ball oder er bleibt drin. So sah jetzt Lahm schlecht aus, dabei musste der nur wegen dem rausstürmenden Lehmann bremsen.
Paging