Von Christof Kneer

Für Jens Lehmann war das Spiel gegen Spanien ein doppeltes Finale: Denn sein 61. Länderspiel dürfte wohl auch sein letztes gewesen sein und damit steht Deutschland wieder eine Torwartdebatte ins Haus.

Der spanische König war leider gerade beschäftigt. Die Siegesfeierlichkeiten brauchten den ganzen Mann, und auch aus seinem Hofstaat war keiner aufmerksam. Aber vielleicht hat daheim im Palast ja irgendwer den königlichen Videorekorder programmiert, dann könnten sie später noch mal sehen, was ihnen nach dem Schlusspfiff entging. Sie könnten diesen Mann sehen, der sich in kerzengerader Haltung für die königliche Leibgarde empfahl. So aufrecht wie Jens Lehmann muss man erst mal stehen können, und: so präzise. Er stand exakt auf seiner Torlinie, keinen Millimeter davor und keinen Millimeter dahinter, und Spontanschätzungen von der Tribüne ergaben, dass er 3,66m vom rechten und 3,66m vom linken Torpfosten entfernt war. Er stand genau in der Mitte seines Tores.

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Wenn man so ein Finale verliert, dann bleibt die Enttäuschung ein Leben lang", sagt Jens Lehmann nach dem Finale. (© Foto: Getty)

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Jens Lehmann, 38, hat Abschied genommen am Sonntagabend in Wien, er hat das nicht gesagt, aber jeder hat es gesehen. Torhüter sind so, die besten von ihnen haben sowieso immer einen praktischen Tunnel zum Aufblasen dabei, und in den ziehen sie sich nicht nur dann zurück, wenn das Elfmeterschießen naht. Sie nehmen auch Abschied im Tunnel. Niemand, der es je gesehen hat, kann das Bild vergessen, wie Oliver Kahn 2002 in Yokohama minutenlang am linken Pfosten saß. Er hatte gerade das WM-Finale verloren, und vielleicht hat ihm sein innerer Kahn da schon signalisiert, dass er keines mehr spielen würde.

Ein Leben lang enttäuscht

Von Lehmann gibt es ab sofort drei Abschiedsbilder: Als Erstes hat er der spanischen Siegesfeier den Rücken zugedreht und völlig abwesend in die Zuschauerränge gestarrt; dann hat er sich auf seine Torlinie gestellt; und am Ende trottete er zum rechten Pfosten, es musste schon der rechte Pfosten sein, nicht der linke von Kahn. Er saß auch nicht wie Kahn, er blieb stehen an seinem rechten Pfosten, und dort stand er so lange, bis vorsichtig ein paar Mitspieler kamen, um ihn aus seinem allerletzten Tunnel zurückzuholen in die warme Nacht von Wien.

Jens Lehmann wollte ein letztes Mal alleine sein mit seinem Tor, seinen Pfosten und seiner Torlinie. Er hat seine Karriere nicht beendet am Sonntagnacht, aber einen Teil davon. Er wird beim VfB Stuttgart noch ein Jahr weiterspielen, aber sein 61. Länderspiel ist mit ziemlicher Sicherheit sein letztes gewesen. "Wenn man so ein Finale verliert, dann bleibt die Enttäuschung ein Leben lang", sagte Lehmann später, "das lässt sich nicht mehr gutmachen."

Enke oder Adler

Was tief drinnen in Kahn damals nur eine Ahnung war, hat sich tief drinnen in Lehmann längst zur Gewissheit verdichtet: Er wird mit der Nationalelf wohl keinen Titel mehr gewinnen - und das schmerzt ihn besonders, weil er dieser Elf bei der WM 2010 einiges zutraut. "Ich rede jetzt erst mal über gar nichts, ich bin noch zu enttäuscht vom Spiel", sagte Lehmann, "wenn ich eine Entscheidung bekanntzumachen habe, werde ich die erst mal Mitspielern und Trainer verkünden."

Es wird vermutlich nichts mehr zu entscheiden geben. Natürlich hat das niemand gesagt an diesem Abend, aber in der sportlichen Leitung des DFB hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Zeit für einen Umbruch im Tor gekommen ist. Er könne sich schwer vorstellen, mit einem 40-Jährigen im Tor in die WM 2010 zu starten, das ist der Satz, mit dem sich Torwarttrainer Andreas Köpke zurzeit gerne zitieren lässt; offizielle Aussagen lassen sich sonst keine auftreiben zu diesem Thema, aber beim DFB sind sie schon der Meinung, dass sie Lehmann jetzt lange genug Gutes getan haben.

Erst kurz vor Turnierbeginn hat Köpke eingeräumt, dass die EM-Teilnahme des Arsenal-Ersatztorwarts Lehmann aller Rhetorik zum Trotz nie in Frage stand. Sie haben sich ihren Lehmann von der Öffentlichkeit nicht madig machen lassen, sie haben ihm radikal vertraut - auch, weil sie dem damaligen Stellvertreter Timo Hildebrand nicht wirklich vertrauten. Nun aber haben sie keinen Grund mehr, am Potential der Erben zu zweifeln: Sowohl Robert Enke als auch Rene Adler trauen sie im Trainerstab jetzt die lange Qualifikationsstrecke bis zur nächsten WM zu, ebenso Manuel Neuer, dem jungen Schalker.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer als Favorit ins Rennen um den Torwartposten geht und warum Andreas Köpke zu Enke hält.

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