Von Claudio Catuogno

Die Innenverteidigung wackelt bedrohlich. Trotzdem steht Deutschland im Finale, weil der Hintermannschaft bisher echte Weltklassestürmer erspart blieben - das wird im Finale anders.

Per Mertesacker, 23, gilt nicht nur als baumlang, sondern auch als selbstkritisch, beides sind hilfreiche Eigenschaften für einen Innenverteidiger. Nach dem 3:2 gegen die Türken sagte Mertesacker urteilssicher: "Das war heute nicht sehr viel von uns. Wir waren lethargisch, schwerfällig, wir haben unsere schwächste Turnierleistung abgeliefert. Wir hatten viel Glück und mussten viel überstehen." Und wenn ihn überhaupt etwas optimistisch stimmen könne, fügte er an, dann dies: "Wenn wir mit so einer Leistung weiterkommen, müssen wir vor dem Finale keine Angst haben."

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Manchmal muss wohl Per Mertesacker (links) selbst die Luft anhalten, so wackelig zeigte sich die deutsche Abwehr bisher. (© Foto: AP)

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Mertesacker sprach im Plural, er sagte "wir" und "uns", was legitim war - weil man ein EM-Halbfinale gemeinsam gewinnt oder verliert. Jede Aussage hätte aber auch im Singular zugetroffen. Lethargisch, schwerfällig - "ich"! Das war erstaunlich. Bisher waren schlechte Spiele der Deutschen oft trotzdem gute Spiele von Per Mertesacker gewesen. Doch diesmal schien der Bremer seine 1,98 Meter Körperlänge noch mit einer anderen Eigenschaft der Bäume zu kombinieren: der Unbeweglichkeit.

Der Ball kam immer zum Gegner

Auch gegen die Türken war Mertesacker seinem Credo treu geblieben, die Gegner lieber mit Hilfe seiner Übersicht vom Ball zu trennen als mit Grätschen. Doch diese Übersicht fehlte seinem Spiel nach vorne. Statt klarer Pässe wählte er oft die komplizierte Variante - der Ball landete beim Gegner. Wenn Mertesacker einfache Varianten wählte, landete der Ball auch beim Gegner. Man musste feststellen, dass Per Mertesacker die Gefahr vor dem deutschen Tor, für deren Bekämpfung er eingeteilt war, oft selbst erst heraufbeschwor.

Das hatten auch die Turnierpropheten nicht erwartet: dass in der deutschen M&M-Abwehr nun Per Mertesacker zu wackeln beginnt. Christoph Metzelder, 27, hatte man das ja ohnehin zugestanden. Der Langzeitverletzte von Real Madrid sollte die Vorrunde gegen Polen, Kroatien und Österreich nutzen wie Roger Federer die erste Turnierwoche in Wimbledon: um sich einzuspielen. Doch nun, da das Finale ansteht, ist man sich nicht sicher, wer im deutschen Defensivverbund eigentlich wen stabilisiert, und wer wen destabilisiert.

Im Grunde ist es fast ein Wunder, in so einem vom DFB-Präsident Theo Zwanziger zu Recht als "gnadenlos" bezeichneten Turnier das Finale ohne intakte Innenverteidigung erreicht zu haben. Doch Weltklassestürmer sind Metzelder und Mertesacker - dem Losglück sei Dank - bisher ja auch keine begegnet. Der gefürchtete Portugiese Cristiano Ronaldo hatte im Viertelfinale vor allem die Außenverteidiger Lahm und Friedrich beschäftigt, den Rest erledigte das Verstopfungkommando Rolfes/Hitzlsperger.

In Polen und Österreich sind keine solchen Stürmer bekannt. Dafür schaffte es schon der kroatische Allerweltsangreifer Ivica Olic, das M&M-Duo zu überlisten. So dürften die DFB-Kicker also im Endspiel das erste Mal mit überragenden Angreifern in Berührung kommen, was nicht nur ihnen selbst Sorgen bereitet. Bundeskanzlerin Angela Merkel gab nach dem Halbfinale zu: "Ich habe oft die Luft angehalten."

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(SZ vom 27.06.2008/pes)