Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird beim 0:3 in München von abgeklärten Tschechen vorgeführt.

Böses Erwachen für die deutsche Fußball-Nationalelf, kaum dass sie vorzeitig die Qualifikation für die Europameisterschaft 2008 geschafft hatte: Beim von Bundestrainer Joachim Löw keck zum "Charaktertest" erhobenen Match um den Gruppensieg deckte Tschechien vor 66.000 Zuschauern in München die Schwächen der DFB-Auswahl auf und sicherte sich durch ein 3:0 (2:0) ebenfalls vorzeitig die EM-Teilnahme. Das Team von Löw, der vor der Verlängerung seines Vertrages bis 2010 steht, musste sich nach Gegentoren von Sionko, Matejovsky und Plasil ein Pfeifkonzert in der Arena gefallen lassen.

Lukas Podolski

Was war denn da los? Lukas Podolski versteht die Fußballwelt nicht mehr. (© Foto: ddp)

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Viel Fleiß, wenig Konzept

"Ich werde fit sein, fragen sie nicht dauernd", hatte Tomas Rosicky in den Tagen vorm Spiel tapfer jedem Journalisten erzählt, am Ende war Tschechiens Spielgestalter doch nicht fit, und die Teamgefährten mussten es allein richten. Was auf Anhieb gelang: Keine zwei Minuten waren gespielt, da stand es 0:1. Beim ersten Angriff der Gäste hatte die deutsche Abwehr auf Abseits gespielt, was man im Strafraum nicht unbedingt tun sollte, und so stand Koller bei einem Zuspiel von Rosickys Stellvertreter Plasil gleich die eine entscheidende Fußbreite hinter Metzelder. Und während der Deutsche vorwärts stürmte, stoppte der tschechische Hüne seelenruhig den Ball und schob ihn zurück auf Sionko, der allein gegen Hildebrand wenig Mühe mit dem Führungstor hatte.

Gewiss kein Auftakt nach Maß also für Löws Eleven, die nun mit Fleiß, aber ohne jedes Konzept aufs Gästegehäuse losrannten. Was zudem eine undankbare Aufgabe war, ein bisschen so, als waberte der Geist Rosickys über Tschechiens Spielhälfte und flüsterte den Kameraden immerzu ein, was der verhinderte Spielmacher ja zuvor schon offiziell erklärt hatte: "Wir müssen uns für die Euro qualifizieren. Danach können wir wieder schön spielen."

Ganz so eng wollte Kollege Matejovsky das nicht auslegen. Nach 23 Minuten fasste er Mut und bescherte den Deutschen einen historischen Moment: Erstmals in der Ära Löw kassierten sie mehr als einen Treffer. Frings und Metezelder konnten den Mann von Mlada Boleslav nicht stoppen, an Hildebrand vorbei lupfte Matejovsky den Ball zum 0:2 ins deutsche Tornetz.

Klingt, als hätte sich die deutsche Auswahl ein wenig hängen lassen, weil doch die EM-Tickets schon am Wochenende zuvor in Irland gelöst worden waren. Doch so sah es nicht aus. Die DFB-Elf mühte sich, offenbarte jedoch spielerische Defizite gegen die tschechischen Techniker, die ohne vier Stammkräfte auskommen musste. Lediglich Schweinsteiger schoss einmal knapp vorbei, der Ball aus 22 Metern touchierte den Außenpfosten (26.). Schon im Gegenzug musste Hildebrand einen Schuss von Plasil über die Latte lenken. Kompat standen die deutschen Recken sowieso nicht, also suchten sie den offenen Schlagabtausch, kamen aber kaum in Strafraumnähe. Und die Stürmer Podolski und Kuranyi waren 36 Minuten lang abgemeldet, erst dann trat Letzterer erstmals in Erscheinung, nach feiner Flanke von Trochowski köpfte er den Ball fast unbedrängt neben das Tor. Etwas misslich, dass ihm dasselbe Kunststück, wieder nach Flanke von Trochowski, in der 43. Minute gleich noch einmal gelang. So gab es von vorne bis hinten Gesprächsbedarf, als die deutsche Elf zum Pausentee in die Kabine trottete - begleitet von gellenden Pfiffen der deutschen Fans.

Nach Wiederbeginn deutete Podolski Kontaktbereitschaft wenn schon nicht zum Spiel, so doch zum Gegner an. Er trat Plasil um und sah Gelb. Löw hatte Fritz und Rolfes für Metzelder und Trochowski ins Spiel geschickt; besser wurde es nicht aus deutscher Sicht. Nur einen Freistoß von Schweinsteiger fischte Torwart Cech (57.) einmal aus der Luft, weitaus gefährlicher blieben weiter die Tschechen: Etwa Matejovsky, der aus 20 Metern den Pfosten (58.) traf. Der deutschen Elf gelang derweil nicht mal, sich einen einzigen Eckball zu erkämpfen.

Der Bundestrainer schickte Mario Gomez zwecks Einwechslung für den stark abbauenden Schweinsteiger zur Seitenlinie. Doch bevor der Stuttgarter Torjäger das Feld betreten konnte, stand es dort 0:3. Diesmal war es Plasil, der nach einem weiten Pass Friedrich im Strafraum ins Leere rutschen ließ und das übliche Duell mit Hildebrand für sich entschied (65.). Als wiederum Plasil zwei Minuten später nur knapp vorbeizielte, gellten Pfeifkonzerte durch die Allianz-Arena und kündeten vom anschwellenden Missvergnügen des in letzter Zeit ja stark verwöhnten deutschen Publikums.

Deren geschockte Helden agierten zunehmend unsicherer, mancher stolperte wie betäubt übers Feld, wo das deutsche Ballgeschiebe zunehmend zu einer Art Zeitlupenfußball gerannen. Diese Situation war neu, sie kratzte mächtig am Selbstvertrauen und wird sich wohl auch für das Trainergespann als neue Herausforderung erweisen. Das Ergebnis zwar spielte gestern Abend keine Rolle mehr, doch das Signal könnte nachwirken, das von einer in jeder Hinsicht überlegenen tschechischen Auswahl gesetzt wurde, die nicht weniger ersatzgeschwächt angetreten war als Löws Mannen.

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(SZ vom 18.10.2007)