Nach der ersten WM-Niederlage von Trainer Scolari will Portugal seinen Stolz im Spiel um Platz drei gegen Deutschland nähren.
Die Legende saß im Anzug in der Ehrenloge, als sich ein Stück portugiesische Fußballgeschichte wiederholte.
Ihre gute Laune ist zurück: Pedro Pauleta (li.), Maniche und ihr Assistenztrainer Flavio Teixeira. (© Foto: AP)
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Mit Eusebio stand das kleine Land vom Rande Europas 1966 im Halbfinale der Weltmeisterschaft in England, verlor 1:2 gegen die Gastgeber und wurde am Ende glorreicher Dritter - seither werden der Stürmer aus Mosambik und seine Mitspieler verehrt wie in Deutschland die Helden von Bern, der Triumph nährte damals das Selbstbewusstsein einer taumelnden Nation, die um ihre Kolonien kämpfte und um den Anschluss an den Kontinent.
40 Jahre später erlebte der inzwischen ältere Herr mit Brille, wie seine Nachfolger gegen Frankreich zum zweiten Mal die historische Chance verpassten. "Uns hat das Glück gefehlt", murmelte Eusebio und sprach etwas von Elfmetern und davon, dass das keine Entschuldigung sein solle, doch auch seine Trauer verflog bald.
Nur kurze Melancholie
Für eine Nacht nur verfiel Portugal in jene Melancholie, die nach dem Geschmack von Freizeitpsychologen das Gemüt kennzeichnet und Mittelfeldspieler Luis Figo seit seiner Jugend die Gesichtszüge geprägt hat. Saudade nennt sich diese Stimmung zwischen Sehnsucht und Verzweiflung, dieser Weltschmerz, zu singen am besten als Fado im Viertel Alfama von Lissabon.
Zwischen den Stränden der Algarve im Süden und Porto im Norden hatte man tatsächlich gehofft, dass es diesmal klappen und die Auswahl ein WM-Endspiel erreichen könnte. Die Niederlage gegen Frankreich war im ersten Moment eine Enttäuschung wie vor zwei Sommern die Niederlage gegen Griechenland im EM-Finale, es drohte die abrupte Rückkehr in die Realität einer sozialen und ökonomischen Krise. Aber im zweiten Moment war es nur ein entgangener Höhepunkt, dem im Spiel um Platz drei gegen Deutschland ein anderer Gipfel folgt.
Trost kam aus allen Ecken, getränkt in Pathos, das ebenfalls zur portugiesischen Kultur gehört und in solch existentiellen Lagen erlaubt sein muss. "Weine nicht, Portugal", riet das Sportblatt A Bola, und das nur im ersten Moment vergeblich.
"Portugal hatte mehr verdient, aber es hat das Quäntchen Glück gefehlt", schrieb das Jornal da Noticias, "das große Herz der Portugiesen hat nicht ausgereicht gegen die Kälte der Franzosen, die aus dem Halbfinale eine rein taktische Übung gemacht haben."
Der Erlöser
Er sei "sehr stolz auf diese Mannschaft", richtete der sozialistische Regierungschef Jose Socrates von der Tribüne aus. "Dieses Resultat trübt nicht im Geringsten die Leistung unserer Mannschaft bei dieser WM, ich bin stolz darauf, Teil dieser Mannschaft zu sein und mit ihr Geschichte geschrieben zu haben", verkündete Kapitän Figo.
Und dann war da noch der Mann, den die meisten Sportfreunde unter den zehn Millionen Portugiesen seit vier Jahren bewundern wie einen Erlöser aus Dekaden der Depression.
Auch Luiz Felipe Scolari ist Immigrant wie einst der Afrikaner Eusebio, er kommt ebenfalls aus einer früheren Besitzung, allerdings nur auf Zeit und ohne portugiesischen Pass. Mit dem brasilianischen Trainer und seinem eingebürgerten Landsmann Deco im Mittelfeld wandelten sich die erfolglosen Schönspieler zu pragmatischen Ergebniskickern, 32 Mal wurde unter ihm gewonnen, und bis zu diesem schwülen Mittwochabend in der Münchner Arena hatte er bei zwei Weltmeisterschaften nie verloren.
Mit Brasilien eroberte er 2002 den Titel, mit Portugal hatte er das Halbfinale erreicht, erst im 13. WM-Spiel ging die Serie zu Ende. Scolari versuchte, cool zu wirken, doch er ist solche Augenblicke nicht gewöhnt. Nach Carvalhos Foul an Thierry Henry und dem französischen Elfmetertor durch Zinedine Zidane wollte er aufs Spielfeld zu Regelhüter Jorge Larrionda aus Uruguay stürmen, die Kollegen mussten ihn bremsen.
In der Pressekonferenz hielt er die Wut dann in der ersten Frage zurück, in der zweiten platzte sie heraus. "Der Schiedsrichter wusste genau, was er tun wollte. Wir wissen, wie südamerikanische Schiedsrichter ein Spiel killen können."
Sein Lieblingsschüler
Der erste Strafstoß sei berechtigt gewesen, gab er zu, "aber nach dem Foul an Cristiano Ronaldo hätte es auch Elfmeter geben müssen." Normal, fand er, wären Verlängerung und dann Elfmeterschießen gewesen.
Vielleicht hatte Scolari recht, doch er traf auch auf seine Grenzen, seine Strategie misslang. Zu wenig versuchte seine Elf in ihren weinroten Dressen in der Offensive, auch sein Lieblingsschüler Cristiano Ronaldo setzte sich kaum durch, darf aber vermutlich trotzdem von Manchester United zu Real Madrid wechseln, zu einem anderen Ronaldo, sofern der bleibt.
Zu oft sanken Scolaris Spieler wie vom Blitz getroffen ins Gras, statt sich aufrecht dem Ziel zu nähern, sie trugen erheblich bei zu einem einschläfernden Duell. Außerdem zeigte sich ein weiteres Mal, dass Deco und Figo kein Gespann bilden, obwohl die beiden technisch und taktisch dazu in der Lage sein sollten.
Nach dem Wochenende wird Scolari entscheiden, ob er in Portugal bleibt, nach Brasilien zurückkehrt oder es ganz woanders probiert. Vorher hat er noch etwas zu tun. "Ich werde jetzt mit meinen Betreuern, meinen Söhnen und meiner Frau reden, dann wird sich mein Frust wieder legen", berichtete er im weichen Portugiesisch Südbrasiliens.
"Unsere Melancholie sollten wir hinter uns lassen, denn noch haben wir ein wichtiges Ziel vor Augen. Dritter zu werden ist sehr interessant." Die Deutschen wollen sie bezwingen in Stuttgart und es auch ohne den verletzten Verteidiger Miguel und den gesperrten Carvalho den Vorgängern von 1966 gleich tun, sie besiegten im Kampf um den Trostpreis seinerzeit die Sowjetunion.
Eusebio wird wieder dabei sein. Als er in München das Stadion verließ, da trug er bereits wieder ein grünes Polohemd der Nationalmannschaft als gehöre er dazu.
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(SZ vom 7.7.2006)