Deutschland - Portugal Deutschland fliegt raus!
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Eigentlich sind die deutschen Spieler ja keine schlechten Fußballer. Aber derzeit bilden sie einfach keine gute Mannschaft. Sie verlieren gegen Portugal und beenden das ganze Sommermärchen-Gerede für immer, glaubt
Die Franzosen, die Polen, die Schweizer und, ja, auch die Österreicher, das sind vorbildliche Nationen Europas. Sie haben etwas gemeinsam: Sie sind uns nur vorausgegangen. Voraus ins Aus, wenn man das so salopp sagen darf. Denn wir werden nur wenige Tage nach ihnen eine Party verlassen müssen, für die wir dann doch nicht reif genug waren.
Läuft in der Nationalelf oft ins Leere: Mario Gomez (links).
(Foto: Foto: dpa)Wir, damit ist die Auswahl von Kickern mit bundesdeutschem Personalausweis gemeint, die der DFB unter sachkundiger Führung des Übungsleiters Joachim Löw zum Ballspielen auf eine Europameisterschaft hat fahren lassen. Auf dass sie dort sehen, wie richtig guter Fußball gespielt wird. Nach der portugiesischen Lektion für die LÖWchen wird irgendjemand das Licht im deutschen Mannschaftsquartier ausknipsen, Lehmann wird noch mal "Uff" sagen, Ballack "Hoppla", Podolski "Boah" und Gomez trocknet die Tränen - und dann schlafen sie alle ein mit dem Gedanken daran, dass sie etwas Großem beigewohnt haben, für das sie dann doch noch zu klein waren. Und am nächsten Morgen fahren alle wieder nach Hause - von Portugal mit reichlich Erfahrung beschenkt.
Warum schreibt man so, warum sieht man sich von den bundesdeutschen Spielern fast genötigt, im Kindersprech zu schreiben, zwei Jahre nach dem teutonischen Sommermärchen? Ganz einfach: Weil es ein Märchen war. Und nur im Märchen heißt es: Wenn sie nicht gestorben sind, dann kicken sie noch heute. Doch dieses 2006-WM-Märchen im eigenen Land ist keine Fortsetzungsstory mit Happy End - auch wenn sie wirkt, als sei sie gerade nur ein bisschen in Richtung Alpen verschoben worden.
Die EM 2008 in Österreich und der Schweiz hat bisher wenig, das Wenige aber aufs Eindrücklichste gezeigt: Eine Gruppe von phantastischen Einzelspielern formt sich nicht automatisch zu einer phantastischen Mannschaft. Im Gegenteil: Individuelle Unsicherheiten im Team potenzieren sich, bis alles wackelt. Eindrücklichstes Beispiel: Gomez. Ein Mann, der im Stuttgart-Biotop der Bundesliga mit breiter Brust den Meisterschaftszweiten Werder Bremen gewissermaßen im Alleingang bezwungen hat.
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Und dann wummst er irgendwohin
Im EM-Team dagegen wirkt er verzagt, nicht angekommen, nicht Teil einer Mannschaft, sondern wie ein Solotänzer, für den man die falsche Musik aufgelegt hat. Schon seine Körpersprache zeigt, dass er sich nicht wohlfühlt, er macht sich hier viel kleiner als er ist. Der über-uneigennützige Klose verwuselt sich folglich in jeder gegnerischen Abwehr und passt seine Bälle ins Off. Vielleicht auch, um selber nicht Tore schießen zu müssen? Podolski dagegen scheint in jedem Spiel - so ab der 65. Minute - endgültig die Faxen dicke zu haben.
Dann wummst er irgendwohin - wie ein Straßenfußballer, dem die Mannschaft, in die er hineingewählt wurde, einfach zu blöd ist. Manchmal trifft er. Wie auch Schweinsteiger, dem zu Märchenzeiten gegen Portugal drei Treffer gelungen sind und der das Fernschussweh heute Abend, da kann man wetten, auch über Gebühr strapazieren wird. Und wenn wir ehrlich sind: Ballacks feinste Stunde schlug, als er den Podolski-Kawumms gewissermaßen zur Chefsache erklärt hat.
Der Abschied von Fußball-Kerneuropa
Das alles wird begleitet von einer Trainer-Rhetorik, die kolossal klingt, aber nicht meinen kann, was sie sagt. Löw sprach vor dem Österreich-Spiel davon, dass seine Mannschaft "bis an die Grenzen gehen werde - und darüber hinaus". Wir sind froh, dass sich seine Mannschaft nicht daran gehalten hat. Denn das wären Grenzen gewesen, die man verdammt schnell erreicht hätte.
Mit anderen Worten: Auch im Publikum taumeln noch viele wie der Kollege Aumüller durch ein Fußball-Land, in dem das Wünschen zu helfen scheint - jedenfalls solange man noch nicht wach geworden ist. Ist man es aber, dann erkennt man, dass die Lied-Zeile "Herz in der Hand, Leidenschaft im Bein" in die Türkei ausgewandert ist, dass Fußballkunst, die man hierzulande in Bremen verortet, an die Holländer gegangen ist und dass Spielwitz nun Russland, Portugal und Spanien gehören. Selbst die berüchtigten deutschen Tugenden, das analytische Kalkül scheint in die Kroaten gefahren zu sein, während der Kern des alten Fußball-Europas (Frankreich, Deutschland, offen gestanden auch Italien und das nicht einmal mehr teilnehmende England) gezwungen sind, sich nun etwas Neues einfallen zu lassen.
Doch - ebenso offen gestanden - wem, wenn nicht diesen klassischen Fußballnationen, könnte man die Runderneuerung ihres Ensemblespiels zutrauen? Insofern liegt in der absehbaren Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Portugal im ersten Spiel nach der Vorrunde gegen mutmaßlich spielintelligentere Mannschaftsportugiesen auch die große Chance: Dass die Zeit des Märchenerzählens endlich vorbei ist und dass künftig - ohne das Glück der Vorrundenauslosungen bemühen zu müssen - ein Mannschaftsrealismus aus vollwertigen Spielern wieder siegen wird. Die Spieler dazu hat Deutschland. Die Mannschaft dazu noch nicht.