Von Philipp Selldorf

Im Falle einer Niederlage gegen Österreich geht es um die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw - auch wenn die Verantwortlichen anderes sagen.

Vor dem EM-Start hatte DFB-Chef Theo Zwanziger beim Besuch im deutschen Quartier in Ascona die Erwartung eines "gnadenlosen Turnieres" geäußert. Für den Erfolg des Teams setzte Zwanziger keine Vorgabe, er begnügte sich damit, auf den Ehrgeiz Joachim Löws zu verweisen ("ich kenne sein Ziel") und seinerseits den Wunsch zu formulieren, "eine Mannschaft mit Charakter" zu sehen sowie "ein Engagement, das die Menschen begeistert". Dann fügte er hinzu: "Dafür haben wir die Voraussetzungen geschaffen."

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Bundestrainer Joachim Löw (rechts) will nicht an eine Niederlage denken (© Foto: dpa)

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Zwanziger hatte damit den großzügigen Etat der Nationalelf angesprochen: Bis zu 20 Millionen Euro hält der DFB für die Operation Europameisterschaft bereit. WIR haben unseren Teil beigetragen - das Übrige muss der Bundestrainer leisten, gab der Präsident zu verstehen. Nun wird sein Argument noch ein Stück nach unten gereicht. Im Namen der Sportchefs erklärte am Wochenende der Teammanager Oliver Bierhoff: "Wir können der Mannschaft nur ein optimales Umfeld schaffen. Jetzt sind die Spieler gefordert."

Laborieren an einem Tabuthema

Solcherlei Versuche, die Verantwortung zu delegieren, setzten Maßstäbe für eine Diskussion, die beim DFB niemand haben will - die aber jeder fürchtet. An der Frage, was geschehen wird, falls die Spieler scheitern sollten, laborieren die Beteiligten seit der verlorenen Partie gegen Kroatien wie an einem Tabuthema. Niemand will eine Debatte um den Bundestrainer. Aber jeder weiß, dass sie kommen wird, falls Deutschland gegen Österreich verlieren sollte. Bis zum Anpfiff versucht man die gestaltlose, aber allgegenwärtige Bedrohung zu verscheuchen wie ein böses Gespenst, Zwanziger hat damit am Freitag begonnen, als er Löw vorsorglich bedingungsloses Vertrauen aussprach.

Löw und sein Stab versuchen ihrerseits den Eindruck zu erwecken, dass sie sich erst gar nicht damit beschäftigen, dass in Wien etwas Fatales passieren könnte. "Wir denken da gar nicht dran", sagt Bierhoff, "wir befassen uns nicht mit Was, Wie, Wenn. Wir glauben fest an unsere Arbeit." Löw selbst sagt: "Ich bin absolut gelassen und denke nicht eine Sekunde daran, was im Falle des Ausscheidens passieren könnte. Ich habe keine Zukunftsängste."

Bierhoff steckt in den Tagen vor dem dramatischen Spiel in dem Dilemma eines Klubmanagers, der seinen Trainer verteidigen möchte, aber weiß, dass er das nicht darf, weil er damit eine Diskussion eröffnen würde. "Theo Zwanziger hat seine Aussage zum Bundestrainer nicht nur in den Medien getroffen, er hat seine Position auch im Gespräch mit Löw und mir bestätigt", sagt Bierhoff betont beiläufig und versichert gelassen, die Schutzerklärung des Präsidenten habe man "nicht benötigt". Im Übrigen gebe es ohnehin ständigen Kontakt zu den DFB-Spitzen.

Dann startet er aber doch noch den Versuch eines Plädoyers und argumentiert wie ein Klubmanager: "Wenn man das Gefühl hätte, da erreicht der Trainer die Mannschaft nicht mehr, müsste man nachdenken, aber das ist absolut nicht so. Und ich glaube, dass die Zeiten, in denen kurzfristig und schnell gehandelt wurde, vorbei sind. Es wird mehr überdacht, was zu tun ist, und professionell analysiert."

Es geht nicht nur um Sport

Die Bilanz der Analyse nimmt er bereits vorweg: "Hier ist zu viel Positives entstanden." Zwei Niederlagen dürften nicht das Werk von vier Jahren - Löws Zeit an Jürgen Klinsmanns Seite hinzugerechnet - zunichte machen, meint er damit. "Was wir seit 2004 aufgebaut haben, das kann nicht mit einem Spiel fallen. Und wir haben ja immer gesagt: Es ist ein weiter Weg, mit all den bestehenden Problemen - wir haben ja nicht nur Spieler, die in der Champions League bei Top-Mannschaften spielen."

Es geht in dieser vorauseilenden Debatte aber nicht nur um den Sport, sondern auch um die von ihm mitverantworteten Organisationsfragen. Dinge, die auch auf ihn zurückfallen würden: die Quartierwahl im Tessin, die Medien- und Publikumspolitik, das rigoros verfochtene System der geschlossenen Gesellschaft, in der die Nationalmannschaft aufbewahrt wird. Bierhoff reagiert genervt: "Wenn jetzt 1500 Zuschauer beim Training gewesen wären, hätten wir denn dann die Kroaten geschlagen? Wir sollten diese populistischen Diskussionen mal bleiben lassen."

Niemand will, dass der Bundestrainer seinen Posten verlassen muss. Löw bekommt vom Präsidenten bis ins Mittelfeld ehrliche und aufrichtige Unterstützung. "Lächerlich" findet es Torsten Frings, dass über ein Ende der Ära Löw "überhaupt geredet wird". Verteidiger Christoph Metzelder sagt es gewohnt staatstragend: "Die Arbeit eines Bundestrainers muss man an den zwei Jahren zwischen den Turnieren messen." So ginge man vor, wenn Fußball eine rationale Wissenschaft wäre, aber so viel ist auch Bierhoff klar: "Wenn die Emotionen hinzukommen, dann werden die Dinge schnell oberflächlich betrachtet." Theo Zwanziger könnte auf bizarre Weise Recht bekommen mit der Prognose vom "gnadenlosen Turnier".

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(SZ vom 16.06.2008/pes)