Deutsches WM-Quartier in Brasilien Paradies oder Hölle

Moderne Kunst im "Campo Bahia".

(Foto: Vera Gomes/dpa)

In Bahia landeten im Jahr 1500 die Portugiesen - nun sind die Deutschen mit ihrem WM-Quartier "Campo Bahia" hier eingefallen. Nicht alle Nachbarn sind davon begeistert, doch mittlerweile ist fast alles fertig. Ein unangemeldeter Ortsbesuch.

Von Peter Burghardt, Santo André

"Jogis Haus", sagt Helge Achenbach feierlich und öffnet eine breite Holztür. Wir ziehen die Schuhe aus und betreten dezent den Bungalow, in dem während der WM in Brasilien Bundestrainer Joachim Löw wohnen wird. Im Parterre: eine weiße Couchgarnitur, ein mächtiger Flachbildschirm. An den Wänden hängen Cocktail-Rezepte, die ein deutsch-kubanischer Künstler mit Öl auf Textil geschrieben hat. Für die Caipirinha werden auf grünem Leinen "1-2 Limetten, 6 cl Cachaça (Zuckerrohrschnaps) und 2-3 Barlöffel brauner Rohrzucker" empfohlen. "Kann man sich unten an der Bar mixen lassen", erläutert der Kunstberater Achenbach, zur WM-Bar später mehr. Zu erwähnen wäre noch ein geschnitztes Ungeheuer am Eingang neben dem Fußabstreifer, es soll Böses vertreiben.

Aus dem ersten Stock erkennt man hinten einen Spalt türkisfarbenes Meer und schaut auf den restlichen Neubau Campo Bahia. Dies ist das Basislager des Deutschen Fußball-Bundes. Die Ferienanlage belegt neben einer Lehmpiste 15 000 Quadratmeter in dem Dorf Santo André im brasilianischen Bundesstaat Bahia, in ihre 14 Villen mit 65 Suiten zieht am Sonntag die Nationalmannschaft und ihre Entourage ein. Wenn alles gut geht, werden sie fast bis zum Finale in Rio de Janeiro am 13. Juli bleiben. Jetzt, an einem Morgen drei Tage vor der Ankunft, wird noch gebohrt und gesägt und genagelt und manchmal auch gebrüllt. Man ist ein klein wenig in Verzug, kein Grund zur Panik.

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Gesucht wird ein mythischer Ort. Wie vor 60 Jahren Spiez, wo das Wunder von Bern keimte. Oder vor 40 Jahren Malente, als der zweite Titel erbeutet wurde. Beides waren eher bodenständige Adressen. Den Sturm auf Rios Maracanã-Stadion probt der DFB nun in einer brasilianischen Strandgemeinde, in der die meisten Menschen Badelatschen tragen und wo deutsche Unternehmer in elf Monaten ein Luxusresort aus dem Sand gestampft haben.

Die letzte Etappe nach der Landung in Porto Seguro führt zunächst die "Küste der Entdeckung" entlang, auf einer Straße mit tückischen Betonbuckeln, die zur Vollbremsung zwingen. Die Route säumen außer Kokospalmen auch Laternenpfähle und Bordsteine in brasilianischem Gelbgrün und Deutschlands Schwarzrotgelb, die Bemalung war zuletzt noch in Gange. Da sind außerdem Hotels, Kneipen, evangelikale Freikirchen sowie etwas deprimierende Indianerreservate mit Souvenirständen. Nach 24 Kilometern ist das erste Hindernis dieser WM zu bewältigen: der Fluss.

Die Mündung des Rio João de Tiba trennt die Bucht der Kleinstadt Santa Cruz Cabrália von Santo André. Dazwischen gibt es statt einer Brücke eine Fähre. Tuckernde Dieselschlepper schieben alle halbe Stunde ein eisernes Floß ans andere Ufer, vorbei an Booten und Mangroven. Eilig sollte man es nicht haben, die viertelstündige Passage ist wunderbar gemütlich. Die Überfahrt dürfen Löw, Schweinsteiger und Özil vor und nach jedem Flug zu den drei Vorrundenspielen und der möglichen Fortsetzung genießen. Es heißt, der Weltverband Fifa verlange, dass sie dabei aus Sicherheitsgründen aus Bus oder Vans zu steigen hätten. Gewöhnliche Pendler dürfen sitzen bleiben und müssen samt Auto elf Reais bezahlen, 3,30 Euro.

Kräftig wie ein Rinderherz

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Einer der Bauherren des Campo Bahia will die berühmten Ankömmlinge am Wochenende mit einem Ausflugsschiff begrüßen. "Ich freu' mich schon, wenn ich das vom Meer aus betrachte", sagt der Geschäftsführer Tobias Junge in einem Restaurant am Ozean. "Das ist schon der Hammer. Wie im Märchen."

Begangen wird eine zeitgenössische Eroberung.