Deutsches Team Last Man Standing

Ein Westfale ist der beste deutsche Abfahrer: Andreas Sander kommt in Kitz auf Platz 17. Er sagt: "Nach den ganzen Stürzen ist mir das echt egal."

Von Johannes Knuth

Der Dienstag war kein guter Tag. Am vergangenen Dienstag probten sie in Kitzbühel zum ersten Mal auf der Streif, und nach diesem ersten Training, befand der Skirennfahrer Andreas Sander, "war doch noch eine Menge drin". Der Mittwoch war dann kaum besser, am Mittwoch hatten sie das Training in Kitzbühel gestrichen - das Wetter. Der Donnerstag war dann passabel, Sander kroch bei der Generalprobe für die große Abfahrts-Aufführung am Samstag etwas näher an sein Limit heran, aber noch nicht ganz, am Ende, sagte er, sei es ja so: Im Rennen musst du noch mal "zwei, drei Prozent drauflegen, die am Ende den Unterschied ausmachen können". Zwischen einer guten und sehr guten Fahrt.

Die Hahnenkammwoche in Kitzbühel bündelt Sanders Karriere in diesen Tagen recht treffend: Es sind ein paar Winter ins Land gezogen, ehe er sich an sein Limit getastet hat. "Bis man voll attackieren kann und weiß, worauf es ankommt", sagt er. Am Samstag, in der von Stürzen geprägten Abfahrt auf der Streif, wurde er 17. Darauf kam es ihm am Samstag allerdings nicht an: "Nach den ganzen Stürzen ist mir das echt egal. Danach war ich so schockiert, dass ich nur gehofft habe, dass es voll glücklich über die Bühne geht." Und doch: Sander scheint sich langsam aber sicher in den Kreis der besten Abfahrer vorzutasten.

Sander ist der Lichtblick in der kleinen deutschen Abfahrtsmannschaft

Andreas Sander, 26, aus Ennepetal, erlebt gerade eine Saison der kleinen Schritte. In Gröden wurde er 14. (Super-G), in Santa Caterina 10. (Abfahrt), in Kitzbühel nun sehr guter 10. am Freitag im Super-G, 15. in der alpinen Kombination, 17. in der Abfahrt. 14, 10, 15, 17, das sind nicht unbedingt Gewinnzahlen in der Logik der Hochleistungslotterie, in der kleinen deutschen Abfahrtsmannschaft sind sie mit diesen Erträgen aber mächtig zufrieden.

Sander hatte sich in den vergangenen Jahren ja oft irgendwo zwischen den Rängen 32 und 55 verlaufen. Wie die meisten Kollegen, was Wolfgang Maier, Alpindirektor im Deutschen Skiverband (DSV), vor zwei Jahren in Kitzbühel derart in die Verzweiflung trieb, dass er von einem "Trümmerhaufen" sprach. Am Wochenende trug Maier nun eine tiefe Zufriedenheit mit sich herum. Und Sander sprach dann am Ende doch von einer "großen Befriedigung", die auch den 17. Platz überdauerte, den Sander aus den Wirren des turbulenten Samstags trug.

Der Beginn seiner Karriere: Vom Vater in die Alpen gefahren zu werden

Sanders Pfad in die Elite begann in einem für Skifahrer ungewöhnlichen Biotop; aufgewachsen in Ennepetal-Rüggeberg in Westfalen, knapp sieben Stunden Fahrzeit von Kitzbühel entfernt, angelernt auf der Teufelswiese, rund 300 Meter über dem Meeresspiegel. Der Vater fuhr ihn an den Wochenenden in die Alpen, Sander drängelte sich flink in die deutsche Spitze, zog ans Skigymnasium nach Berchtesgaden, es war ein Weg, der ihn flink in die Elite zu führen schien. 2008 wurde er Weltmeister bei den Junioren, im Super-G. Doch Sander hatte mit diesem Etikett, das fortan an seinem Namen klebte, so seine Probleme. "Man hat ihm Flausen in die Ohren gesetzt", sagt Mathias Berthold, der im DSV seit eineinhalb Jahren die Männer anleitet. Sanders Ankunft in der Elite verzögerte sich jedenfalls. Vor drei Jahren riss sein Kreuzband, kurz vor der Abfahrt in Kitzbühel.

Vor zwei Jahren stellte Maier dann Berthold bei den Männern an, er schob zudem Techniktrainer Christian Schwaiger von den Frauen zu den Männern. Es war eine Personalrotation, die Sander half, wie der gesamten deutschen Mannschaft. Schwaiger erteilte zunächst Nachhilfe im Riesenslalom, bei der Abfahrt gewinnt ja nicht unbedingt derjenige, der am schnellsten geradeaus fährt, sondern der in den Kurven am wenigsten Zeit verschenkt. "Wir arbeiten auch etwas anders, beim Konditionstraining und im Schnee", sagt Sander, "das ist alles noch etwas professioneller und durchdachter." Viele Kleinigkeiten also, "die dir am Ende diese zwei, drei Prozent mehr Leistung geben", sagt er.

Sander ist professioneller geworden

Bedeute das auch, dass er selbst professioneller geworden sei? "Ja", sagt Sander, "hauptsächlich sogar. Die Trainer geben Tipps, wir Athleten müssen es letztlich umsetzen." Zum Beispiel, dass er abends, nach zwei fiesen Krafteinheiten, früher ins Bett gehe und nicht noch Freunde treffe. Eines seiner wichtigsten Werkzeuge, sagt Sander, sei mittlerweile die Pause.

Ein Westfale ist derzeit also der beste deutsche Abfahrer, was zum einen den Verletzungen im deutschen Team geschuldet ist. Zum anderen dem Umstand, dass Sander wohl gerade der beste Sander ist, den es bislang gab. Er zeigt seine besten Leistungen nicht mehr nur im Training, er überführt sie immer öfter in den Wettkampf, auch, weil Berthold vor der Saison einen Mentaltrainer engagierte. "Man darf sich von guten Trainingsleistungen nicht zu viel erwarten, von schlechten aber auch nicht aus der Ruhe bringen lassen", sagt Sander.

"Ich bin an einer Station, an die ich noch ein paar Mal hinfahren möchte"

Es wirft ihn auch nicht aus seiner Ruhe, dass er mit seinen Ergebnissen derzeit die deutsche Bilanz definieren muss, nach den Ausfällen von Josef Ferstl, Tobias Stechert und Thomas Dreßen. "Als Trainer blutet da einem schon das Herz, wenn man an die Trainingsleistungen im Herbst zurückdenkt", sagt Berthold, mehr noch: "Für den Rest ist es schon schwierig, wenn so viele verletzt sind und du mit Vollgas weiterfahren musst."

Andererseits haben sie ja den Mann von der Teufelswiese. "Ich bin an einer Station, an die ich noch ein paar Mal hinfahren möchte in dieser Saison", sagt Sander, er fügt an: "Hoffentlich ist es nur eine Zwischenstation."