Deutsche Ziele bei Olympia in London Wir müssen nicht überall die Besten sein

Erfolgreich bei Olympischen Spielen, das darf einem Land wie Deutschland ruhig etwas wert sein. Erfolg bemisst sich aber nicht allein an goldenen, silbernen und bronzenen Medaillen. Wer wirklich etwas über den Zustand des deutschen Sports erfahren will, sollte in London nicht nur Auszeichnungen zählen. Sondern zuhören.

Ein Kommentar von Claudio Catuogno, London

Wofür braucht ein Land wie Deutschland Olympiamedaillen? Diese Frage wäre wohl als Erstes zu klären, wenn jetzt zum Ende der Spiele von London über den deutschen Sport diskutiert wird. Olympiamedaillen stopfen keine Haushaltslöcher, lösen kein Bildungsproblem, helfen dem Euro nicht. Und dass Sporthelden die Überlegenheit ihrer Gesellschaftssysteme belegen sollen, darüber ist man hierzulande auch schon seit 20 Jahren hinweg.

Aber Olympia ist eben auch ein globales Kulturereignis, eine Weltmesse der Bewegung. Olympia trägt den Sport in die Gesellschaft hinein. Als der Berliner Robert Harting 2009 Weltmeister im Diskuswurf wurde, wollten danach Hunderte Jugendliche in seinen Verein eintreten. Seit der Turner Fabian Hambüchen als Teenie-Schwarm gilt, gibt es Kinder, die das Reck wieder der Playstation vorziehen. Eine erfolgreiche Olympiamannschaft, die Leidenschaft entfacht für den Sport, darf einem Land wie Deutschland also etwas wert sein.

Erfolg bemisst sich aber nicht nur am Medaillenspiegel. Der bürokratische Eifer ist befremdlich, mit dem der oberste Sachwalter des deutschen Sports, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), Medaillen plant und zählt, mit dem er dann das Erreichen dieser Vorgaben belohnt und das Verfehlen bestraft. Sport ist Wettbewerb. Zwischen Gewinnern und Verlieren liegen oft Zentimeter, Hundertstelsekunden, die Netzkante. Man kann sportliche Leistung planen, aber nicht die Platzierung, zu der diese Leistung im globalen Wettbewerb führen wird. Ob Deutschland in der Nationenwertung nun hinter Russland und vor Italien landet oder umgekehrt - geschenkt! Wer wirklich etwas erfahren wollte über den Zustand des deutschen Sports, der musste in London nicht zählen. Sondern zuhören.

Das Erstaunliche war nämlich: Sogar Athleten, die eine Medaille um den Hals hängen hatten, und Trainer, die ihnen dabei geholfen hatten, freuten sich oft nicht unbeschwert. Viele warnten, mahnten, klagten. Die Zukunft, hieß es, sehe düster aus. Man verliere den Anschluss an die Weltspitze. Den deutschen Sport hat bei diesen Spielen eine Strukturdebatte erfasst, die er so nicht gewohnt ist. Bisweilen konnte man das Gefühl bekommen, es fehle ihm im Grunde an allem: an guten Trainern, an Effizienz, an Nachwuchs, an Konzepten, an Geld. Vor allem an Geld.

Richtig ist: Andere Nationen stecken viel mehr Geld in den Spitzensport. Chinesen, Amerikaner, Briten. Spitzensport ist dort letztlich ein anderes Wort für Medaillengier. Das muss man in einer Sportlandschaft wie der deutschen, die von ihren vielen kleinen Vereinen lebt, nicht unbedingt nachmachen. Zumindest aber müsste der deutsche Sport, der jetzt ebenfalls nach mehr Geld ruft, die Frage beantworten: Wofür will er das Geld eigentlich genau? Um den Hockeyfrauen noch ein Regenerationstrainingslager mehr zu bezahlen und den BMX-Radlern einen höheren Starthügel zu bauen? Oder steckt dahinter ein größeres Bild vom Sport?

Antworten auf solche Fragen bekommt man vom DOSB aber nur selten. Im Gegenteil: Sobald es um gesellschaftliche Verantwortung geht, ist da nur sehr wenig Substanz. In der Dopingfrage betreibt der DOSB aktive Publikumstäuschung: Jedes Kind weiß inzwischen von medizinischen Schnellmachern, die niemand nachweisen kann - die Sportfunktionäre erzählen trotzdem bei jeder Gelegenheit, wie gut ihr Kontrollsystem funktioniert.

Wer wie viele Medaillen gewinnen sollte

mehr...