Deutsche Torhüter Wir schaffen das

Manuel Neuer hält im Viertelfinale der WM 2014 gegen Frankreichs Karim Benzema.

(Foto: dpa)

Der Handballer Andreas Wolff, der Fußballer Manuel Neuer: Warum hat Deutschland eigentlich immer so herausragende Torhüter? Eine Zeugenbefragung.

Von Christof Kneer

Lesedauer: 11 Minuten

Für die Sportwelt da draußen müssen das furchtbare Bilder gewesen sein. Auf den Bildern erkennt man zwei deutsche Torhüter, und es ist leider überhaupt nicht zu übersehen, dass die beiden gute Laune haben. Deutsche Torhüter, die gute Laune haben, sind immer ein schlechtes Zeichen, weil das automatisch bedeutet, dass sehr viele andere Menschen keine gute Laune haben. Und sieht es - wenn man ganz genau hinschaut - auf dem einen Bild nicht sogar so aus, als würden sich die beiden deutschen Torhüter über irgendwas lustig machen, über Stürmer im Fußball vielleicht oder über spanische Handballer?

Nein, Manuel Neuer und Andreas Wolff sind anständige Leute, sie würden so was nie machen. Sie haben im Übrigen auch gar keinen Grund, ihre Gegner auszulachen, meistens ist es völlig ausreichend, dass die Gegner vor lauter Angst schreiend wegrennen. Die deutschen Torhüter Manuel Neuer (Sparte: Fußball) und Andreas Wolff (Sparte: Handball) haben sich in dieser Woche auf dem Trainingsgelände des FC Bayern getroffen, sie haben sich ihrer gegenseitigen Bewunderung versichert und dabei ein kleines Fachgespräch geführt. Wolff bleibe bei gegnerischen Angriffen immer "sehr lange stehen", referierte Neuer also nachher, er antizipiere gut und zwinge den Gegner immer zur ersten Aktion. Es klang ein wenig, als spreche Neuer über Neuer, und später sagte er noch, dass er - Neuer - manchmal tatsächlich versuche, Handballtorhüter zu imitieren.

Das war für den Rest der Welt nun die schlechteste von allen Nachrichten. Denn das konnte ja nichts anderes heißen, als dass Manuel Neuer neben allem, was er sonst so wegfängt, wegfischt und wegfaustet, künftig auch noch Sprungwürfe und Siebenmeter hält.

Der deutsche Torwart, so viel lässt sich sagen, ist einer der mächtigsten Männer der Welt. Es ist ein Teil seiner Macht, dass er an verschiedenen Orten der Welt in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten kann, manchmal sogar gleichzeitig. Der deutsche Torwart kann wie Toni Turek, Sepp Maier, Toni Schumacher oder Oliver Kahn aussehen (Fußball), aber es gibt ihn auch als Wieland Schmidt, Andreas Thiel, Stefan Hecker oder Henning Fritz (Handball). Auch wurde er bereits in Person von Erich Weishaupt, Karl Friesen, Helmut de Raaf, Peppi Heiß oder Dennis Endras angetroffen (Eishockey), und an entlegeneren Ecken der Welt führte er auch schon die Namen Michael Knauth oder Max Weinhold (Hockey, ohne Eis). Niemals kann man sich einstellen auf den mächtigsten Mann der Welt, er trägt manchmal Handschuhe, manchmal Helm und Schoner und manchmal einen Tiefschutz.

Einer der Stehsätze deutscher Eishockey-Kommentatoren lautet: "Im Tor hat Deutschland nie ein Problem." Einer der Stehsätze deutscher Handball-Kommentatoren lautet: "Im Tor hat Deutschland nie ein Problem." Fußball-Kommentatoren haben diesen Satz sowieso immer griffbereit herumliegen, und präzise betrachtet lauten so die Stehsätze aller deutschen Mannschaftssport-Kommentatoren, außer vielleicht von jenen, die vom Teamspringen auf der Großschanze berichten.

Und jetzt kennt die Welt also auch noch diesen hier: Andreas Wolff, 24 - einen unglaublichen Menschen, der die deutschen Handballer mit imposanter körperlicher Präsenz und verblüffender Beweglichkeit zum EM-Titel pariert hat, so wie Manuel Neuer, 29, vor anderthalb Jahren die deutschen Fußballer zum WM-Titel pariert hat. Das mag etwas verkürzt klingen in diesen - ja, doch! - Mannschaftssportarten, aber eine Gegendarstellung muss man für diese Behauptung nicht befürchten.

"Ganz schweißige Hände" hätten Spaniens Handballer im Finale gehabt, sagt der große Wieland Schmidt, 62, Olympiasieger mit der DDR-Auswahl 1980 und einer der besten Keeper seiner Zeit. Es sei "schon auffällig gewesen", dass die Spanier "mit zunehmender Spieldauer immer öfter die Angriffe abgebrochen" hätten, sagt Schmidt, "die einfachen Acht-, Neun-Meter-Würfe haben sie sich irgendwann nicht mehr getraut und lieber abgespielt".

Sie hätten ja gern geworfen, aber es ging nicht. Andreas Wolff war in ihrem Kopf.

Andreas Wolff war so sehr in ihrem Kopf wie Oliver Kahn bei der WM 2002 im Kopf des kamerunischen Mittelfeldspielers Olembe war, der frei vor Kahn nur ein verschüchtertes Schüsslein fertig brachte. Er habe "so much respect" vor diesem Kahn gehabt, stöhnte Olembe später, und es gibt Ohrenzeugen, die behaupten, dass der georgische Stürmer Okriashvili im Herbst 2015 verzweifelt "Neuer!" brüllte, nachdem dieser einen unhaltbaren Ball per Flugparade für haltbar erklärt hatte (der Ohrenzeuge, übrigens, war Manuel Neuer).

Andoni Zubizarreta, 54, spanisches Torwart-Ass "Wenn ich an deutsche Torhüter denke, fallen mir vor allem große Torhüter ein, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ihrer Körpergröße nach. Und Torhüter, die eine große Persönlichkeit ausstrahlten: Maier, Kahn, Lehmann..."

"Wenn vor einem Stürmer kein Torwart mehr steht, sondern ein Nimbus, dann hat man es geschafft", sagt der ebenfalls große Andreas Thiel, 55, der sich im westdeutschen Handballtor einst den offiziellen Namenszusatz "Hexer" erwarb. Thiel kennt Statistiken, die belegen, dass die Gegner in seiner besten Zeit seltener aufs Tor geworfen haben als bei anderen Torhütern. "Und es ist sicher auch kein Zufall", sagt Thiel, "dass bei der EM einige Siebenmeter gegen Andreas Wolff an den Pfosten oder vorbei gingen. Die Schützen haben das Gefühl, sie müssten was Besonderes machen, um diesen Kerl da zu überwinden."

Diese Disziplin beherrschen unter den besten Torhütern nur die Allerbesten. Es ist die höchste Form der Meisterschaft: Glanztaten zu vollbringen, ohne überhaupt den Ball zu berühren.

Warum ist der Deutsche so ein guter Torwart? Warum wachsen hierzulande mehr herausragende Torhüter, als in ein Tor hineinpassen? Warum gibt es nie ein Generationen-Loch, warum klafft nie eine Lücke in der Ahnenreihe, warum wird der eine Meister zumeist bruchlos vom nächsten Meister ersetzt?

Wer sich stichprobenartig durch die alte Heldenriege fragt, der findet zunächst eine Antwort, die erstaunlich einfach und erstaunlich einleuchtend ist. Es gibt demnach so viele neue Helden, weil es so viele alte Helden gibt. "Man hat hier über Jahrzehnte einfach immer jemanden zum Nacheifern gehabt", sagt der ebenfalls ziemlich große Fußballtorwart Toni Schumacher, 61, "ich wollte damals auf dem Bolzplatz immer Sepp Maier sein. Und die Generation von Sepp Maier wollte wie Toni Turek sein, und später wollten die Kids wie Schumacher, Kahn oder Neuer sein." In den meisten anderen Ländern gelten Jugendliche, die freiwillig ins Tor gehen, bis heute als mindestens verhaltensauffällig; in Deutschland dagegen konnte man als Kind schon immer gefahrlos einen Torwart als Vorbild angeben, ohne gleich zum Puppenspielen in die Mädchen-Ecke geschickt zu werden.

"Nach unserem Olympiasieg 1980 wollten viele Kinder Wieland Schmidt sein", sagt Wieland Schmidt, "sie haben offenbar gemerkt, dass diese Position wichtig ist, und dass man auch auf dieser Position berühmt werden kann."

"Diese Vorbildfunktion ist auch in unserem Sport wichtig", sagt Helmut de Raaf, 54, ein recht großer Eishockey-Torwart, "und bei uns kommt dazu, dass die Kids die Torwartausrüstung cool finden."

Der deutsche Torwart hat sich quasi selbst fortgepflanzt, und in jedem neuen Nachkommen stecken die Gene von Toni Turek, jenem Ur-Vorfahren, der insgesamt schon recht prima gehalten hat, wenn man bedenkt, dass man damals noch gar nicht so gut sehen konnte, weil die Welt bei der WM 1954 ja noch schwarz-weiß war.

"Toni, du bist ein Fußballgott": Es war der sagenhafte Satz aus der Final-Reportage von Herbert Zimmermann, der aus dem deutschen Tor für immer einen heiligen Ort gemacht hat.

Dino Zoff, 73, italienische Torwart-Legende "Deutsche Torhüter holen immer sieben von sieben Punkten. Ich glaube, das liegt daran, dass deutsche Torhüter kühler sind, sich von keinem Ambiente beeindrucken lassen. Wir hingegen sind gegen Einflüsse von außen weniger immun."

Aber auch die alten Helden finden, dass noch mehr hinter der Torwart-Gläubigkeit dieses Landes stecken muss als nur die Paraden aus dem Berner Wankdorfstadion. Natürlich, sagt de Raaf, müsse man aufpassen, dass man da nicht ins Banale abgleite, "aber es gibt schon typische Charaktereigenschaften in unserem Land, die man auch im Torwartspiel wiederfindet". Ein Torwart müsse "extrem zielstrebig und extrem ehrgeizig sein", sagt de Raaf; "unbedingter Fleiß", das fällt Toni Schumacher ein, dessen rasender Arbeitseifer legendär war; Wieland Schmidt nennt "Verantwortungsgefühl, gute Nerven und Selbstvertrauen" als unerlässliche Torwarttugenden, die man mit einer heimlichen Liebe zum Klischee auch als deutsche Tugenden durchgehen lassen kann.

Andreas Thiel, ein Intellektueller mit einem sehr schönen Hang zur trockenen Ironie, sagt: "Der deutsche Familienvater hat ja schon immer gern Haus, Hof und Scheune bewacht."

Andreas Thiel schmunzelt und meint das aber schon ein bisschen ernst. Seine These geht ungefähr so: Aus einem tief wurzelnden Sicherheitsbedürfnis heraus hat sich hierzulande ein Sportlertyp entwickelt, der, um seiner Mannschaft die größtmögliche Sicherheit zu gewähren, auf dem Feld die herrlichsten Risiken eingeht.

Vielleicht ist die Torwartkunst tatsächlich ein Amalgam aus ein paar nationalen charakterlichen Dispositionen, aber auf jeden Fall steht fest, dass der deutsche Sport seine Leidenschaft fürs Torwartspiel nicht nur als harmlosen Spleen hingenommen, sondern in landestypischer Gründlichkeit ausgebaut hat. Schon Wieland Schmidt hat in den Siebzigerjahren in der DDR ein Torwarttraining genossen, auf dem Henning Fritz später in Magdeburg aufbauen konnte, Schmidts Erinnerung sagt, "dass wir uns schon zu meiner Zeit mehr mit Torhütern beschäftigt haben als andere Nationen". Auch Toni Schumacher erzählt von einer "Pionierzeit in den Siebzigern", als er am freien Montag auf dem Gelände des 1. FC Köln erschien, um mit Torwarttrainer Rolf Herings spezielle Übungen zu absolvieren. "Da waren wir Deutschen Trendsetter und anderen Ländern weit voraus", sagt er, "erst recht, als kurz darauf Sepp Maier mit zum Teil selbst erfundenen Übungen das Torwarttraining revolutioniert hat." Auch im traditionell innovativen deutschen Hockey (ohne Eis) wurden die Keeper schon in den Achtzigern artgerecht gecoacht, während sie anderswo - zum Teil bis in die Gegenwart - halt bloß diese seltsamen Typen sind, die für die Trainingsformen der Feldspieler gebraucht werden.

Der Vorbild-Effekt, die nationale Mentalität, das professionelle Training: Unter diesen Voraussetzungen hat sich in Deutschland über Jahrzehnte und alle Spielsportarten hinweg dieser Typ von Mann (und übrigens auch Frau) entwickelt, dem alle vertrauen. Zum Grundverständnis des menschlichen Lebens gehört seitdem die Erkenntnis, dass man, um ein Turnier oder einen Titel zu gewinnen, einen Turek im Tor braucht; und sollte der deutsche Torwart versehentlich mal nicht zur Legende taugen, dann sollte er wenigstens gut genug sein, um sich wie Bodo Illgner bei der WM 1990 im Elfmeterschießen von einem Engländer ans Knie ballern zu lassen.

Es ist eine, vielleicht die zentrale Erkenntnis der deutschen Turniergeschichte. Man braucht einen Mann oder eine Frau, die hinten drin stehen und nichts anderes ausstrahlen als: Wir schaffen das.

"Die Parade aller Paraden ist für mich die von Manuel Neuer im WM-Viertelfinale gegen Frankreich", sagt Andreas Thiel, dem Neuers kurioser Handballreflex nicht nur deshalb gefiel, weil er auch von Andreas Wolff stammen könnte. Niemand fühlt den Wert von Torhütern besser als Torhüter, und so fühlt Thiel, was auch Schumacher fühlt und Schmidt und de Raaf und all die anderen: So eine Parade, zumal kurz vor Schluss, ist der Sinn des Torwartspiels.

Sie geht direkt in den Kopf des Gegners. Sie lässt ihn "Neuer" brüllen. Sie macht ihn fertig und nimmt ihn aus dem Spiel.

Aber wahrscheinlich braucht man nicht mal die Bilder einer WM, um zu begreifen, wie gut die deutschen Torhüter sind. Manchmal reicht auch ein Blick hinunter an die Basis, zum Beispiel ein Blick zu einem Fußballspiel des Kölner Anwaltvereins. Viele sehr junge und sehr entschlossene Menschen rennen da übers Feld, sie schießen und köpfen, aber manchmal verzweifeln sie. Die meisten ihrer Versuche pariert der 55-jährige Andreas Thiel.

Erschienen in der SZ vom 6./7.2.2016