Von Christian Zaschke

Michael Kraus, 23, verleiht dem deutschen Spiel eine neue Dynamik - gegen Spanien muss er es beweisen.

Die Geschichte hat im Sport nahezu klassischen Charakter: Junger Mann sieht seinen Idolen zu und träumt davon, einmal zu sein wie sie. Nächste Szene: Der junge Mann steht mit seinen Idolen auf dem Feld und spielt eine wirklich große Partie. Im deutschen Handball geht diese Geschichte gerade so: Vor zweieinhalb Jahren saß Michael Kraus vor dem Fernseher, Deutschland spielte gegen Spanien im olympischen Viertelfinale.

Shooting-Star: Michael Kraus.

Shooting-Star: Michael Kraus. (© Foto: dpa)

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Es war eines der unfasslichsten Spiele dieser Sportart, und Kraus sagt: ,,Damals habe ich gedacht, das will ich auch einmal erleben.'' Am diesem Dienstag erlebt er es: Deutschland gegen Spanien im Viertelfinale der WM (ab 17.15 Uhr live in der ARD), und Michael Kraus ist unverhofft einer der wichtigsten Spieler geworden. Da sowohl Oleg Velyky als auch Markus Baur angeschlagen sind, ist Kraus nun Spielmacher des Teams, der Mann, bei dem alles zusammenläuft.

Er könnte nun anfangen nachzudenken. Darüber, dass er erst 23 Jahre alt ist, sehr jung für einen Spielmacher. Darüber, dass er noch nicht so viele Spiele auf diesem Niveau erlebt hat. Doch Kraus hat mit seinem Vereinstrainer aus Göppingen gesprochen, mit Velimir Petkovic, und der hat ihm verraten, wie er mit der Situation umgehen soll: ,,Petko hat gesagt, dass ich nichts in meinen Kopf lassen soll außer der WM'', erzählt Kraus. Und was Petkovic sagt, wird gemacht.

Petkovic heuerte vor gut zweieinhalb Jahren in Göppingen an und gab dem jungen Kraus eine Chance. ,,Er sagte zu mir, ich kann in der Mitte spielen, aber nur, wenn ich die Mannschaft auch wirklich führe'', sagt Kraus. Er hatte einen Förderer gefunden, er durfte Fehler begehen und sich entwickeln. Bei der EM 2006 machte er erstmals international auf sich aufmerksam. Es fehlten wieder Velyky und Baur, und so wechselte sich Kraus mit Frank von Behren auf der Position im mittleren Rückraum ab. Als am Samstag gegen die Franzosen Baur erneut ausfiel, kam Kraus aufs Feld und lieferte eine phantastische Partie, und am Sonntag gegen Island bestätigte er diese Leistung. Jetzt steht er vor dem größten Spiel seiner jungen Karriere.

Kraus ist ein Mann, der gerne erzählt. Zum Beispiel die Geschichte, wie er mal der ,,Bravo-Boy'' des Jahres 2000 geworden ist. Seine Zwillingsschwester hat sich damals bei der Jugendzeitschrift Bravo beworben und Kraus überredet, ebenfalls mitzumachen. Kraus hat dann gewonnen, und kurz, ganz kurz nur, hat er über eine Karriere als Model nachgedacht. Aber dann hat er sich doch für den Handball entschieden, und da hatte sich die nahezu klassische Geschichte schon einmal abgespielt. ,,Als ich klein war, habe ich den Handballern aus Göppingen zugeschaut, und damals war es mein Traum, auch einmal in der Bundesliga zu spielen.'' Jetzt ist er ein Mann, über den Bundestrainer Heiner Brand sagt: ,,Er hat sich sehr positiv entwickelt.''

Der Kopf der Mannschaft kann er trotz aller Entwicklung noch nicht sein. Handballer reifen allmählich, es ist ein komplexer Sport, in dem sich zum Talent die Erfahrung gesellen muss. Deshalb hilft die Mannschaft Kraus jetzt nach Kräften. ,,Er nimmt die Ratschläge an, das ist das Wichtigste'', sagt der 37 Jahre alte Kreisläufer Christian Schwarzer, ,,und er muss jetzt seinen Streifen weiterspielen, so brauchen wir ihn.'' Schwarzer redet besonders viel mit Kraus, und was ihm besonders gefällt, ist die Unbekümmertheit, mit der Kraus zu Werke geht. ,,Die muss er unbedingt behalten'', sagt er, ,,er darf sich jetzt auf keinen Fall verrückt machen lassen.''

Kraus ist 1,87 Meter groß, also ein eher kleiner Handballer. Das nutzt er, seine Wendigkeit ermöglicht es ihm, gegen die meist riesigen Abwehrspieler vorzustoßen und zu werfen. Die Franzosen mit ihrer offensiven Deckung lagen ihm besonders, und der französische Kreisläufer Bertrand Gille bemerkte: ,,Manche meiner Mitspieler wussten offenbar nicht, wie gut er ist.'' Die agile und unberechenbare Spielweise von Kraus verleiht den Deutschen eine neue Dynamik. Das heißt nicht, dass sie mit Baur träge oder schlechter spielen, im Gegenteil, aber mit Kraus kommt ein Moment der Überraschung ins Spiel.

Dass Brand dennoch auf eine rasche Genesung Baurs hofft, liegt an den Schwächen, die Kraus noch hat. ,,In der Spielführung hat er im Vergleich zu Markus Baur sicherlich noch Defizite'', sagt Brand, ,,da ist er manchmal zu unkonzentriert, und es fehlt ihm die Ruhe, die Markus ausstrahlt.'' Diese Ruhe strahlt Baur sogar aus, wenn er nicht spielen kann. In den Partien gegen Frankreich und Island saß er hinter der Bank und gab Kraus Tipps. Wenn die Deutschen in der Abwehr spielen, geht Kraus oft auf die Bank, was sich nun als praktisch erweist, weil die anderen mit ihm reden können.

Die Spanier werden sich Kraus' Spiele angesehen haben, und sie haben mit Sicherheit erkannt, dass die Franzosen mit ihrer offensiven 5-1-Deckung Probleme hatten. Vielleicht wählen sie also eine 6-0-Deckung, alle sechs Mann am Kreis, und dann könnte es schwieriger für Kraus werden. Baur hat da allerdings wenig Sorge. Er sagt: ,,Michael wird die langen Kerls bei den Spaniern schon in Bewegung bringen.'' Damit die Geschichte ihren nahezu klassischen Charakter behält, müsste Kraus die schrankbreiten Spanier so sehr in Bewegung bringen wie 2004, als sie nach dramatischen Kampf verloren. Dann wäre die Geschichte beinahe ein Märchen.

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