Von Joachim Mölter

Rekorde, EM-Normen, packende Duelle: Bei der Hallenmeisterschaft streifen die deutschen Leichtathleten den Olympia-Ballast ab.

Es ging gleich gut los am Samstagvormittag bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathleten. In der Arena Leipzig waren noch kaum Zuschauer, als die Jenaerin Katja Demut sich im Dreisprung nach 14,06 Meter in den Sand setzte. Weiter war in der Halle erst eine Deutsche gekommen, die Leverkusenerin Petra Lobinger vor zwölf Jahren (14,36). Seitdem darbte der Dreisprung der Frauen so vor sich hin. Für internationale Meisterschaften waren die Athletinnen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) nie gut genug gewesen.

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Schneller Sprint: Verena Sailer (vorne)gewinnt bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig über 60 Meter. (© Foto: AP)

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Nun hat Katja Demut die Norm für die europäischen Hallenmeisterschaften in Turin (6. bis 8 März) überboten, und der für den Leistungssport zuständige DLV-Vizepräsident Eike Emrich hoffte ob dieses Erfolgserlebnisses, "dass sich das so fortsetzt". Sein Wunsch wurde tatsächlich erfüllt. Die guten Ergebnisse gipfelten im deutschen Hallenrekord von 4,71 Meter durch die Stabhochspringerin Silke Spiegelburg (Leverkusen).

"Wir haben eine schöne Vorwärtsbewegung gesehen", resümierte Rüdiger Harksen, der für die Läufe zuständige Cheftrainer, bereits nach dem ersten Tag der Titelkämpfe, und um diese Behauptung zu belegen, hätte er nicht einmal die Weltjahresbestleistungen in den selten ausgetragenen Geher-Wettbewerben bemühen müssen, die 18:51,01 Minuten des Berliners André Höhe über 5000 und die 12:15,70 der Potsdamerin Sabine Zimmer über 3000 Meter.

Oder die europäische Jahresbestleistung des Wattenscheiders Alexander Kosenkow auf der international nicht mehr zum Meisterschaftsprogramm gehörenden 200-Meter-Strecke (20,78 Sekunden). Denn abgesehen davon gab es etliche neue Norm-Erfüller für die Hallen-EM, und einige der bereits Qualifizierten steigerten sich noch einmal. Beispielsweise die 60-Meter-Siegerin Verena Sailer (Mannheim), die "eine beeindruckende Serie hinlegte", wie Harksen fand: 7,23 Sekunden im Vor-, 7,22 im Zwischen- und 7,25 im Endlauf.

Es waren jedoch die Springer, die für die Höhepunkte sorgten. Gar für "sensationell" hielt der zweite DLV-Cheftrainer Herbert Czingon den Weitsprung der Männer, bei dem zwei Athleten die Acht-Meter-Marke übertrafen: Sebastian Bayer (Bremen) mit gleich zweimal gemessenen 8,13 Meter sowie Christoph Stolz (Wolfsburg) mit 8,01. Dahinter überbot der Leverkusener Nils Winter mit 7,99Meter die EM-Norm (7,90) ebenso wie der Münchner Oliver Koenig (7,92). "Das ist ein Niveau, das wir seit Jahren nicht mehr hatten", urteilte Czingon und fügte hinzu: "Wir haben gezeigt, dass wir die Substanz und das Knowhow haben, um in die Weltspitze vorzudringen."

Vor allem aber freute er sich darüber, dass die besten Leistungen aus starker Konkurrenz resultierten: Beim Stabhochsprung der Männer zum Beispiel, bei dem Altmeister Danny Ecker, 31, aus Leverkusen von Alexander Straub (Filstal) und Malte Mohr (Leverkusen) zu 5,80Meter getrieben wurde. "Man hat gesehen, dass die Leichtathletik nicht nur aus Rekorden besteht, sondern auch aus direkten Duellen", resümierte Czingon.

Beim Stabhochsprung wurde zudem deutlich, dass die Jungen mächtig nachrücken. Straub ist 25, Mohr noch mal drei Jahre jünger. Der geschlagene Senior Tim Lobinger, 36, aus München - Vierter mit 5,70 - gab zwar zu bedenken: "Am Ende zählt die Höhe, nicht das Alter." Doch in Leipzig war nicht zu übersehen, dass in der deutschen Leichtathletik ein Generationswechsel im Gange ist.

Für DLV-Vizepräsident Eike Emrich waren die jüngsten sportlichen Fortschritte der deutschen Athleten jedenfalls "eine Erlösung", wie er zugab: "Der Rucksack von Peking wird mit jeder erfolgreichen Leistung leichter." Der Rucksack von Peking ist eine Last, welche der Deutschen Leichtathletik-Verband seit den Olympischen Sommerspielen mit sich herumträgt - damals hatte es bloß eine Bronzemedaille gegeben durch die Speerwerferin Christina Obergföll. Der Misserfolg belastet den Verband weiterhin, doch Emrich ist nun optimistisch, dass "wir ohne schweres Gepäck zu den Weltmeisterschaften nach Berlin kommen" - zur Heim-WM im August.

Zu dem schweren Gepäck, das der DLV noch mit sich trägt, gehört freilich auch der Fall des dopingbelasteten und deshalb entlassenen Trainers Werner Goldmann, der gerade vor dem Arbeitsgericht auf Weiterbeschäftigung durch den DLV klagt. Für den DLV ist die Causa Goldmann kein isoliertes Problem; auch andere DLV-Trainer - die Rede ist von sieben - sollen Altlasten aus DDR-Zeiten mit sich schleppen.

Am Rande der Titelkämpfe in Leipzig wurde daher über eine Vergangenheitsbewältigung debattiert, welche beispielhaft auch für andere Fachverbände sein könnte. Im Prinzip geht es darum, dass die betroffenen Coaches ihre Verfehlungen in einer Art bekennen, die es ihnen ermöglicht, ihre - von öffentlichen Geldern bezahlten - Arbeitsplätze zu behalten. Es ist ein heikles Thema, in das nun Bewegung kommt. In der deutschen Leichtathletik geht etwas voran, auf der Bahn und auch daneben.

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(SZ vom 23.02.2009)