Deutsche Handballer verlieren im WM-Viertelfinale 47 Minuten Widerstand

Außenspieler Dominik Klein (links) auf dem Weg zu einem seiner vier Tore. 

(Foto: Reuters)

Die deutschen Handballer halten im WM-Viertelfinale gegen die favorisierten Spanier lange gut mit, spielen besser als viele es erwartet hatten. Doch nach einer Schwächephase in der zweiten Hälfte verlieren sie 24:28 - und scheiden aus. Trotzdem darf das Turnier als Erfolg für die junge Mannschaft von Trainer Heuberger gelten.

Von Joachim Mölter, Saragossa

Die deutschen Handballer schlichen durch die Katakomben des Pabelon Principe Felipe von Saragossa, den Kopf schon halb gesenkt oder noch halb erhoben, noch halb gesenkt oder schon wieder halb erhoben, so genau wussten sie das wohl selbst nicht. Sie waren gerade aus dem WM-Turnier in Spanien ausgeschieden, nach einer starken Leistung zwar, aber trotzdem. 24:28 (14:12) hatten sie gegen den WM-Gastgeber Spanien verloren in der Runde der letzten Acht.

"Es fällt schwer, mir schönzureden, dass wir im Viertelfinale ausgeschieden sind", sagte der Berliner Rückraumspieler Sven-Sören Christophersen, mit sechs Toren bester Werfer seines Teams an diesem Mittwochabend. Andererseits hatte die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) ein prima Turnier gespielt, viel besser, als viele es erwartet hatten, das wussten natürlich auch alle. "Aber das i-Tüpfelchen hat gefehlt", fand Christophersen: "Hier gegen den Gastgeber zu gewinnen."

Es ist ja meistens so bei Handball-Weltmeisterschaften, dass der Gastgeber wenigstens bis ins Halbfinale vorstößt - das sorgt dafür, dass auch am letzten Wochenende die Halle noch voll ist, wenn es um den Titel und die Medaillen geht. In diesem Jahrtausend ist nur einmal ein Ausrichterland vorzeitig auf der Strecke geblieben: Vor zehn Jahren wurde Portugal Zwölfter. Aber die Handballer aus dem Westen der iberischen Halbinsel sind international allenfalls drittklassig, der zwölfte Platz ist bis heute ihr bestes Abschneiden, sie haben sich danach nie mehr für eine WM qualifiziert. Ihre Nachbarn im Osten hingegen gehören seit Jahrzehnten zu den Global Players, obwohl sie es nur einmal ins Finale geschafft haben - 2005 in Tunesien; da gewannen sie auch den Titel.

Für Spaniens Handball war der Halbfinal-Einzug der Männer bei ihrer Heim-WM außerdem fast schon von existenzieller Bedeutung: Die Klubs kriseln, die Liga schwächelt, immer mehr Führungskräfte wandern ins Ausland ab. In dieser Lage wäre ein weiterer Rückschlag verheerend gewesen. Entsprechend bäumten sich die Spanier auch auf, nachdem sie mit einem unerwarteten 12:14-Rückstand in die Kabine gegangen waren. In der zweiten Halbzeit schoben sie den deutschen Angriffen regelrecht einen Riegel vor.

"Wir hätten sogar noch höher führen können"

Die deutschen Spieler hatten sich das Achtelfinale der Spanier gegen Serbien (31:20) am Montagabend im Pabelon Principe Felipe von Saragossa angeschaut, schon da war Bundestrainer Martin Heuberger von ihrer flexiblen Verteidigung beeindruckt: "Es ist wirklich schwierig, gegen diese aktive Abwehr zu spielen. Aber in der Vorrunde haben wir gegen ähnliche Abwehrsysteme auch immer gute Lösungen gefunden." Am Mittwoch fanden sie die nur in der ersten Hälfte, "wir hätten sogar noch höher führen können", fand Kreisläufer Christoph Theuerkauf (Balingen), der vierfache Torschütze. Aber als die Spanier nach der Pause ihre ohnehin aggressive Abwehr noch einmal verschärften, "konnten wir nicht mehr den Druck aus dem Rückraum ausüben wie vorher", analysierte Heuberger, "außerdem haben wir noch ein paar gute Chancen liegen lassen."

Mehrmals scheiterten die deutschen Angreifer in aussichtsreichen Positionen an Torhüter Jose Manuel Sierra - allein Rechtsaußen Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen) vergab dreimal frei bei einem Gegenstoß. Das hatte Seltenheitswert bei diesem Turnier: Bis zum Mittwoch hatte die DHB-Auswahl im ganzen Turnier nur zwei Gegenstöße nicht mit einem Tor beendet. Auf der anderen Seite bekamen die deutschen Verteidigen Spaniens Kreisläufer Julen Aguingalde nicht mehr in den Griff, der sechs seiner sieben Tore in der zweiten Halbzeit erzielte und durch seinen Körpereinsatz immer wieder Zeitstrafen gegen deutsche Spieler provozierte. Diese Unterzahlsituationen, fand Heuberger, haben es seiner Mannschaft zusätzlich schwierig gemacht.

Es gab etliche Situationen, in denen sich die deutschen Spieler über Entscheidungen der kroatischen Unparteiischen aufregten. "Wenn man es politisch korrekt ausdrücken will, dann sind die strittigen Szenen eher für die Spanier ausgegangen", sagte Sven-Sören Christophersen. Aber die Verantwortung für die Niederlage wollte er nicht abschieben: "Dass wir neun Minuten ohne Tor geblieben sind in der zweiten Halbzeit, war nicht nur das Verdienst der Schiedsrichter." Zwischen der 47. und der 56. Minute zogen die Spanier von 21:21 auf 26:21 davon - das war die Entscheidung. Dass sie dem von 11.000 Zuschauern frenetisch angefeuerten Favoriten bis dahin einen Kampf auf Augenhöhe geliefert hatte, tröstete die deutschen Spieler nur wenig. Auch das Lob von Spaniens Kapitän Alberto Entrerrios hörten sie kaum: "Die deutsche Mannschaft hat heute ein exzellentes Spiel geliefert - und ein exzellentes Turnier gespielt."