Deutsche Eishockey-Liga Im Land der Oma

"Keine Ahnung, was ich in einem Jahr mache." - Austin Madaisky (links, gegen Wolfsburgs Tyler Haskins).

(Foto: foto2press/imago)

Die halbe Liga wollte Austin Madaisky verpflichten - auch, weil er einen deutschen Pass besitzt.

Von Johannes Kirchmeier

Im Januar hat sich Austin Madaisky ausgesperrt. Das kommt mal vor, Madaisky schnappte sich sein Handy und twitterte: "Kann mir mal jemand sagen, warum es Türen gibt, die hinter dir schließen?" Austin Madaisky, 24, ist ein lockerer Typ und unterhielt so die Twitter-Follower mit seiner misslichen Lage. Drei Stunden wartete er vor der Tür, bis der Schlüsseldienst kam und das Problem löste. Inzwischen kommt Madaisky natürlich wieder in seine Wohnung. Und auch sonst läuft es ganz gut bei ihm: Der Straubinger gilt als einer der torgefährlichsten Verteidiger der Deutschen Eishockey Liga (DEL), die halbe Liga wollte ihn vor Kurzem verpflichten, er verlängerte trotzdem als einer von neun Spielern in der Gäubodenstadt. Dort ist er einer der Garanten des derzeitigen Höhenflugs - der kleinste Klub der Liga liegt kuru vor Saisonende und dem Derby am Mittwochabend in Augsburg auf einem Playoff-Platz.

Der Kanadier Madaisky hat eine Gabe, sich in einem neuem Umfeld schnell anzupassen: Während der Rest des Teams schon eingespielt war, fing er mitten im Eishockey-Jahr an. Im November kam er aus den USA nach Straubing, den Sprung in die nordamerikanische Profiliga NHL hatte er in Columbus gerade verpasst, die DEL-Saison lief seit knapp zwei Monaten. Viele Nordamerikaner, die direkt nach Europa kommen, hadern erst einmal mit der größeren Eisfläche. Es gibt Spieler, die ein Jahr zur Umgewöhnung brauchen. Madaisky dachte darüber nicht viel nach: "Klar ist es defensiv härter hier, weil du mehr Raum verteidigen musst. Gleichzeitig ist es aber schön, dass ich im Angriff eine halbe bis eine Sekunde mehr Zeit habe. Das macht einen Riesenunterschied." Schon in seinem zweiten Spiel erzielte er sein erstes Tor: "So habe ich mir das erhofft", sagt er.

Genauso wie sein Sportlicher Leiter Jason Dunham, der durch einen persönlichen Kontakt auf ihn aufmerksam wurde. Dunham hatte ihn ein paar Mal beobachtet. Er wusste vor den Verhandlungen, dass vor ihm ein extrem schussstarker Verteidiger mit einer hohen Spielintelligenz steht, der in Vancouver aufgewachsen ist. Eines wusste Dunham jedoch nicht, Madaisky ließ es im Gespräch nebenbei fallen: "Ich habe auch einen deutschen Pass."

Madaiskys Großeltern, oder wie er sagt seine "Omas and Opas", stammen aus Deutschland. Sie sprechen in Kanada oft Deutsch mit seinen Eltern, der 24-Jährige versteht dann immer nur ein paar Brocken. Wenn er in der Heimat ist, besucht er sie regelmäßig: "Sie haben mir erzählt, wie sie nach Kanada gekommen sind und nichts hatten. Alles, was sie dann taten, war arbeiten, arbeiten und nochmal arbeiten für ein schönes Leben." Madaisky bewundert das. Er versucht, sich auf dem Eis ein Beispiel daran zu nehmen. Seine Großmutter will ihm bald dabei zuschauen, sie ist in Burglengenfeld geboren, etwa eine Autostunde von Straubing entfernt: "Es ist schon lustig, wie meine Omas und Opas aus Deutschland nach Kanada kamen, um ein besseres Leben zu finden. Und jetzt gehe ich den umgekehrten Weg", sagt er.

Für die Tigers war das ein Glücksfall. Und da nur sie vom deutschen Pass wussten, landeten sie mit Madaisky einen Coup. Denn jeder DEL-Klub darf elf ausländische Spieler unter Vertrag nehmen und neun davon pro Spiel einsetzen. Deutsche Spieler unterliegen keiner Begrenzung - zu ihnen zählt Madaisky: "Vielleicht sollte ich den Pass in einen Trophäenschrank legen", sagt er und lacht laut.

Madaisky, der wegen einer Augenverletzung aktuell mit einem Gitter an seinem Helm spielt, ist schnell ein wichtiger Spieler seines Teams geworden. Seine Schüsse von der blauen Linie zählen zu den schärfsten der Liga, sein Motto dabei: "Je mehr ich schieße, desto mehr Pucks gehen rein." Bisher klappt das gut, in seinen inzwischen 30 Spielen für die Tigers hat er neun Tore geschossen und zehn Assists gegeben. Obwohl die restlichen Spieler knapp 20 Partien mehr absolviert haben, ist der 24-Jährige unter den Verteidigern der fünftbeste Torschütze der DEL. "Diese Torgefährlichkeit als defensiver Spieler kannst du nicht lernen", sagt Dunham. Verbessern könne er sich noch bei den defensiven Aufgaben im eigenen Drittel: "Aber das kommt vor allem mit der Reife", sind sich Dunham und Madaisky einig. Er hat noch Zeit.

Aber er hat Großes vor: Schon bei seiner Ankunft sprach er von der Meisterschaft. Daran glaubt er noch immer - er sagt es nur nicht mehr ganz so forsch: "Wir wollen eines der zehn Teams sein, das es in die Playoffs schafft. Und dann hat jeder die Chance zu gewinnen." Dass er seinen auslaufenden Vertrag in Straubing Anfang Februar um ein Jahr verlängerte, überraschte viele. Einige deutsche Klubs sollen an ihm dran gewesen sein. "Klar war woanders mehr Geld auf dem Tisch für Austin. Aber darum ging es ihm nicht", sagt Dunham. Madaiskys Forderungen seien sogar "sehr vernünftig" gewesen.

Der Sportliche Leiter stand in regem Kontakt mit ihm. Er merkte, dass es ihm vor allem um die Sicherheit ging, oft zum Einsatz zu kommen. "Und er weiß ja selbst: Wenn er hier eine gute Saison spielt, kann er sich nächstes Jahr aussuchen, wohin er geht." Madaisky sagt: "Keine Ahnung, was ich in einem Jahr mache." Dass er wieder einen Vertrag im Geburtsland seiner Großeltern unterschreibt, ist nicht unwahrscheinlich.