Deutsche Eishockey Liga Frieren im Fell

Die Eisbären Berlin drohen die Playoffs zu verpassen. Dennoch vertraut der Rekordmeister weiter auf Trainer Uwe Krupp und seine Never-give-up-Mentalität.

Von David Joram, Berlin

Der Eishockeytrainer Uwe Krupp fährt normalerweise gerne nach Köln, er ist dort geboren, er hat Freunde und Verwandte am Rhein - und natürlich auch karnevaleskes Blut in den Adern. "Mer losse d'r Dom in Kölle" kann er jedenfalls auswendig singen. Das hat er mal verraten, ebenso wie seinen typisch kölschen Zug, dass er stets positiv denke. Beim Spiel in seiner Heimatstadt an diesem Sonntag, zwei Wochen vor der heißen Phase des Karnevals, wird der Coach der Berliner Eisbären seinen Spielern aber kein rheinisches Liedgut vorträllern - selbst dann nicht, wenn sein Team überraschend in Köln gewinnen sollte. "Im Moment sind keine Partys geplant", sagt Krupp und blickt dabei so nüchtern, wie es dem Tabellenstand angemessen ist: Die Eisbären aus der Hauptstadt, Rekordmeister der Deutschen Eishockey Liga (sieben Meisterschaften zwischen 2005 und 2013), sind aktuell nur Zehnter - fünf Spiele vor Ende der Hauptrunde, mit fast 40 Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter EHC München.

Warum die Eisbären in dieser Saison dauerkriseln, gibt Rätsel auf, ausschließlich mit Verletzungspech kann der Absturz jedenfalls nicht erklärt werden. Die direkte Playoff-Teilnahme, reserviert für die besten Sechs der Liga, ist nach einem 1:7 zuletzt in Wolfsburg rechnerisch bereits passé. Fünf Spiele stehen noch aus, und wenn es blöd läuft, verpassen die Eisbären sogar die Pre-Playoffs. Jenes Hintertürchen, das den Mannschaften auf den Plätzen sieben bis zehn die Möglichkeit eröffnet, doch noch an der Endrunde teilzunehmen.

Der FC Bayern hätte in einer solchen Krise Trainer Ancelotti wohl schon lange ersetzt

Die Eisbären des positiv denkenden Trainers Krupp sind zuletzt meist negativ aufgefallen. Stünde der Fußballkrösus FC Bayern München kurz vor Saisonende ähnlich schlecht da, würde Trainer Carlo Ancelotti wohl durch den Fahrer des Mannschaftsbusses oder immerhin durch Felix Magath ersetzt werden. Die Atmosphäre in Berlin-Hohenschönhausen, wo die Eisbären im altehrwürdigen Wellblechpalast trainieren, unterscheidet sich von FC-Bayern-Krisen aber entscheidend. So scheint der ehemalige Bundestrainer Krupp unantastbar zu sein, zumindest nach außen kommuniziert man dies so. Vereinslegende Stefan Ustorf, seit 2014 sportlicher Leiter, sagt: "Ich bin beim Training dabei, sehe und höre wie Uwe Krupp mit der Mannschaft umgeht. Deshalb kann ich sagen: Von meiner Seite gibt es keine Gedanken bezüglich eines Trainerwechsels." Ustorf sieht wohl keinen Sinn darin, in diesen Krisenzeiten (zuletzt zehn Auswärtsniederlagen in Serie) auch eine Trainerdebatte anzustoßen. Explosiv ist das Eisbären-Gemisch aus hoher Erwartungshaltung und schlechten Leistungen für Krupp aber schon. Denn Ustorf sagt auch: "Vom Papier her müssten wir zu den Top sechs zählen. Insofern muss sich jeder Kritik gefallen lassen."

Es überrascht daher, dass sich der ehemalige Bundestrainer in seinem Eisbärenfell weiterhin wohl fühlen darf. Fakt ist allerdings: Das Eis wird dünner. Sowohl für die Eisbären am Nordpol wie für ihre Kufengenossen aus dem Berliner Osten. Krupp selbst stellt das deutlich fest: "Wir sind jetzt da, wo wir eben sind, und haben alle Hände voll zu tun, um uns noch für die Pre-Playoffs zu qualifizieren." Falls der Hauptstadtklub Platz zehn noch abgibt, wäre die Horrorsaison perfekt.

Ohnehin schon bemerkbar machen sich die halbgaren Leistungen beim Fan-Zuspruch: Durchschnittlich 11 839 besuchten bislang die Heimspiele in der Arena am Ostbahnhof. Das bedeutet zwar in der Liga Platz zwei; in den Vorjahren waren die Eisbären aber auch in dieser Kategorie Spitze. 2015 und 2016 knackte der Klub knapp die 13 000er Marke. Nachfolger der Berliner als Zuschauerkrösus sind übrigens die Kölner Haie. Dort schauen im Schnitt 12 481 Fans vorbei, und die machen sich noch Hoffnungen auf Platz drei. Krupp ahnt: "Köln wird uns nichts schenken, da müssen wir um jeden Zentimeter kämpfen." So aussichtslos das Unterfangen erscheint, so überzeugt gibt sich Krupp und mimt den großen Motivator: "Dazu gibt es auch keine Alternative, wenn du in einer Führungsrolle bist. Wer jetzt mit hängenden Schultern und hängendem Kopf herumläuft, hat den falschen Job", sagt er. Vielleicht ist es genau dieser Mix aus rheinischem Optimismus und einer in Nordamerika verinnerlichten Never-give-up-Mentalität, die man in Berlin so sehr schätzt an Krupp. Geschult hat er diese in vielen Jahren in der NHL, in der er 1996 mit dem Team aus Denver/Colorado als erster deutscher Spieler den Stanley Cup gewann.

Diese Mentalität spiegelt sich in seinen Aussagen. Krupp sagt: "Ich glaube, man muss Ziele haben. Mein Ziel als Trainer mit Berlin ist es, irgendwann die Meisterschaft zu holen - das hat sich nicht verändert. Und selbst diese Saison läuft noch. Die Tür schließt sich erst, wenn das letzte Spiel verloren ist." Warum Krupp derzeit solche Durchhalteparolen bemühen muss, liegt vor allem an der personellen Situation: Häufig fielen Leistungsträger wie Nick Petersen, Julian Talbot oder Darin Olver aus, Angreifer Marcel Noebels zog sich vor dem ersten Saisonspiel einen Kreuzbandriss zu. Und dass der finnische Weltmeister-Torhüter Petri Vehanen durch seine Ersatzleute Maximilian Franzreb und Marvin Cüpper nicht adäquat vertreten werden kann, sahen die Fans erneut an den sieben Gegentoren in Wolfsburg.

Der benötigte Umbruch wurde bisher nicht vollzogen - auch wegen alter Meisterspieler

Wirklich vorbereitet waren die Berliner auf eine Verletztenmisere nicht, weder qualitativ noch quantitativ: "Manche Teams sind nicht unbedingt besser, aber irgendwann passieren uns Fehler, die zum Teil damit zusammenhängen, dass einzelne Spieler zu viele Minuten spielen müssen", erklärt Krupp. Erschwerend kommt hinzu, dass prinzipiell erfahrene Kräfte wie André Rankel, Constantin Braun oder Florian Busch ihrer Form hinterherlaufen. Dies sind drei jener neun Spieler, die zum alten Meisterschaftsstamm der Berliner zählen, entsprechend hat sie der Klub mit langfristigen Verträgen ausgestattet - was nun kritisch gesehen wird.

"In Berlin herrscht wegen der großen Erfolge der Vergangenheit eine besondere Situation. Aber zu dem Thema gibt es ausreichend Meinungen", kanzelt Krupp die Debatte ab. Ustorf sagt: "Damals wäre die Hölle los gewesen, wenn wir die Verträge mit gestanden Meisterspielern nicht verlängert hätten. Und eines muss man auch sagen: Die Spieler haben sich diese Verträge aufgrund ihrer Leistungen verdient."

Das mag stimmen, der finanzielle Spielraum für den benötigten Umbruch blieb damit aber eingeschränkt. Hoffnung setzten Berlins Planer in erster Linie auf den Ende 2014 geholten Krupp, der ja auch als Entwicklungstrainer gilt. Eine Rechnung, die so bislang noch nicht aufging. "Mit Sicherheit wird es Veränderungen geben", kündigt Ustorf für die neue Saison an. An denen will auch Krupp mitbasteln, seine nähere Zukunft sieht er weiter in Berlin.