Deutsche Einhockey Liga Die Gunst der Stunde

Hinter Patrick Reimer der Ice-Tigers-Spieler mit den meisten Toren: In der laufenden Saison hat Derek Joslin fünf Treffer erzielt und 19 vorbereitet.

(Foto: imago/Horstmüller)

Der ehemalige NHL-Profi Derek Joslin wechselt von den Ice Tigers nach München. In der DEL sind ausländische Kräfte derzeit leichter zu bekommen als einheimische.

Von Johannes Schnitzler

Ein "bisschen albern" fand Don Jackson die ganze Angelegenheit: Der EHC München, Jacksons Team, führte gegen den Tabellenletzten Krefeld 2:1, spielte in doppelter Überzahl und hatte die Chance auf die frühe Entscheidung. Doch dann patschte Richie Regehr den Puck zum Gegner, als wäre er eine überreife Melone, und Krefeld konterte, 2:2. München gewann die Partie noch 6:2, Jackson grummelte über ein "paar Defensivfehler", ebenso am Sonntag nach dem 1:4 in Düsseldorf, als sie freilich ungleich schlimmere Folgen hatten. Regehrs Patzer war nicht sein erster in dieser Saison und er war albern, ja. Aber ein Grund, gleich zurückzutreten?

Drei Buchstaben brachten Aufklärung: N, H und L. "Der langjährige NHL-Profi Regehr hat seine Karriere offiziell beendet", meldete der Sport-Informationsdienst am Dienstag: Robyn Regehr, 35, Richies großer Bruder, 2014 Stanley-Cup-Sieger mit den Los Angeles Kings.

Richie Regehr, 32, wird also weiterhin für München spielen, zumindest bis zum Saisonende. Don Jackson hat aber Handlungsbedarf ausgemacht. Nach SZ-Informationen wechselt zur kommenden Spielzeit Verteidiger Derek Joslin vom Liga-Konkurrenten Nürnberg Ice Tigers zum EHC, ein ehemaliger NHL-Profi und ähnlicher Spielertyp wie Regehr, 1,85 Meter groß, rund 100 Kilo schwer. Die Transferbörse der Deutschen Eishockey Liga (DEL) verzeichnet damit ihren bislang prominentesten Handel im laufenden Geschäftsjahr.

Offizielle Verlautbarungen wie im Aktiengeschäft gab es am Dienstag dazu keine, die Branche hat in Personalangelegenheiten Stillschweigen vereinbart, solange einer der Handelspartner noch aktiv im Geschehen ist. Gerüchte gibt es um diese Jahreszeit wie immer zuhauf: Angeblich soll Nürnberg an Iserlohns Abwehrkante Colton Teubert interessiert sein, Straubings Goalie Dustin Strahlmeier wird mit Schwenningen in Verbindung gebracht, und auf Augsburgs Jon Matsumoto, Dritter der Scorerwertung, hat die halbe Liga ein Auge geworfen. Laut DEL-Kreisen ist der Wechsel Joslins an die Isar aber bereits sicher. Der Vertrag des Kanadiers in Nürnberg läuft nach dieser Saison aus.

Der Verteidiger Joslin spielte für San José, Carolina und Vancouver 116 Mal in der NHL

Offenbar haben die Münchner die Gunst der Stunde genutzt. Ausländische Kräfte sind derzeit leichter zu bekommen als einheimische, selbst wenn man über ein gut gefülltes Bankkonto verfügt wie die Münchner. Grund ist nicht zuletzt der EHC Red Bull München selbst. Seit der österreichische Getränkehersteller aktiv in den deutschen Eishockeymarkt eingetreten ist, haben die Preise angezogen. "Die Gehälter steigen und steigen und steigen", sagt ein Trainer mit langjähriger DEL-Erfahrung. Nicht immer allerdings sei es der EHC, der die Summen in die Höhe treibe. "Ich habe den Eindruck, manche Spieler setzen ihre Klubs unter Druck: ,Entweder ich bekomme die Summe x, oder ich gehe nach München'", sagt der Experte. Die Ice Tigers, finanziell ebenfalls gut aufgestellt, haben ihre deutschen Talente wie Leo Pföderl (22 Jahre/Vertrag bis 2017), Yasin Ehliz (23/2018), Marco Pfleger (24/2018) oder Torhüter Andreas Jenike (27/2019) zur Sicherheit langfristig an sich gebunden, Ingolstadt seine Lebensversicherung Brandon Buck, 27, bis 2020 vom Markt genommen. Einem aktuell sehr, sehr heißen Markt.

Der EHC München bekommt in Derek Joslin einen Spieler, der im März gerade einmal 29 wird, bestes Verteidigeralter also, aber bereits über reichlich Profi-Erfahrung verfügt. Für San José, Carolina und Vancouver spielte der Kanadier 116 Mal in der NHL, dazu kommen 300 Einsätze in der American Hockey League, eine Saison in der ersten schwedischen Liga und knapp 100 Partien in der DEL. Wie Richie Regehr, der seine gelegentlichen Aussetzer mit Furcht einflößenden Schlagschüssen zu kaschieren wusste, legt Joslin gerne den Vorwärtsgang ein - hinter Nationalstürmer Patrick Reimer ist er der Ice-Tigers-Spieler mit den meisten Torschüssen. Allerdings vergisst Joslin über seiner Begeisterung für die Offensive gelegentlich seine eigentlichen Aufgaben. In der laufenden Saison hat er bereits fünf Treffer erzielt und 19 weitere vorbereitet. Sein Plus-Minus-Wert von -12 ist aber der zweitschlechteste unter den Top 100 der Liga und verrät eine gewisse Nachlässigkeit in der Defensivarbeit. Dennoch: "In Überzahl, Unterzahl und natürlich auch bei gleicher Spieleranzahl übernimmt Joslin defensiv und offensiv Verantwortung und ist damit aus dem Team der Ice Tigers nicht mehr wegzudenken", heißt es auf der Nürnberger Homepage. Sie werden umdenken müssen.