Türkischer Schiedsrichter Halil Dinçdağ Platzverweis wegen Homosexualität

Der türkische Schiedsrichter Halil İbrahim Dinçdağ bei der Verleihung des "Respektpreis 2014" des Bündnisses gegen Homophobie in Berlin.

(Foto: dpa)

Weil er schwul ist, darf der türkische Schiedsrichter Halil Dinçdağ in seiner Heimat keine offiziellen Fußballspiele mehr leiten. Vor Gericht klagt er gegen den türkischen Verband - die Verhandlung geht in Runde 14. Die Geschichte eines Kampfes.

Von Sebastian Fischer, Berlin

Die Frage ist, was an diesem Kampf ungeheuerlicher ist: dass er ihn überhaupt führen muss? Oder dass er ihn immer noch führt? Halil İbrahim Dinçdağ denkt darüber lieber nicht nach. Er reckt stattdessen seine Faust in die Luft, sein Gesicht, das eben noch fröhlich gelacht hat, zeigt jetzt kaum eine Regung, er blickt entschlossen, dies ist seine wichtigste Botschaft: "Ich kämpfe, solange ich lebe."

Halil İbrahim Dinçdağ, 38, ist ein türkischer Fußball-Schiedsrichter. Und er ist schwul. Deshalb darf er in der Türkei seit 2009, nach 13 Jahren als Referee in oberen Amateurligen, keine Spieler mehr leiten. Er findet , öffentlich geächtet, keine Arbeit mehr. Seit fünf Jahren klagt er deshalb gegen den türkischen Fußballverband TFF auf Schmerzensgeld, Schadenersatz und Wiedereinstellung. An diesem Donnerstag geht die Verhandlung in die 14. Runde.

In den vergangenen Tagen war Dinçdağ zu Besuch in Deutschland, auf Einladung der Initiative "Fußballfans gegen Homophobie" und dem Klub Roter Stern Leipzig. Er saß in Kneipen in Babelsberg, Bremen und Göttingen, am Montag stand er auf der Bühne eines Berliner Hotels neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und nahm den "Respektpreis" des Bündnisses gegen Homophobie entgegen.

Die Militärärzte attestieren Dinçdağ eine "psychosexuelle Störung"

Und jedes Mal erzählte er seine Geschichte, die 2008 mit seiner Ausmusterung beim türkischen Militär begann. Homosexualität gilt in der Armee als Krankheit, Schwule werden dort diskriminiert, Menschenrechtsorganisationen prangern das oft an. Dinçdağ wollte der Diskriminierung entgehen und erklärte bei der Musterung seine Homosexualität, die er zuvor geheim gehalten hatte. Ärzte untersuchten ihn wochenlang, legten ihn im Militärkrankenhaus zu psychisch kranken Menschen. Sie attestierten ihm eine "psychosexuelle Störung".

Dinçdağ wollte einfach so weitermachen wie davor, als Schiedsrichter und Radiomoderator in Trabzon am Schwarzen Meer. Er wollte weiterleben, mit seinem Geheimnis. Doch der Fußballverband hatte etwas dagegen: Er entzog Dinçdağ die Lizenz. Ausgemusterte seien nicht in der nötigen körperlichen Verfassung, um Spiele zu leiten, so die Begründung. Dinçdağ erhob Einspruch, woraufhin der TFF ohne sein Wissen die Militärakten einsah, den Grund für die Ausmusterung erfuhr - und die Geschichte eines vermeintlichen Sonderlings in einem Sportmagazin lancierte.