Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Was wollte Michael Ballack mit seiner heftigen Kritik am Bundestrainer überhaupt bewirken? Sein Argwohn wegen angeblich unfair behandelter Mitspieler ist unbegründet.

Seit Tagen diskutieren die Deutschen über den Bruch zwischen Joachim Löw und Michael Ballack. Es ist ein Thema für die ganze Gesellschaft, Mann und Frau, jung und alt. Jeder kann mitreden. Nur eines bereitet Probleme: Worum ging es Ballack eigentlich, und was hat er bezweckt mit seinem Vorstoß in die Öffentlichkeit?

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Finden sie wieder zusammen? Bundestrainer Löw (re.) und DFB-Capitano Ballack. (© Foto: AP)

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Angeblich, so hat Ballack jetzt erläutert, wollte er "Mitspieler schützen und unterstützen" - namentlich seinen in die Reserve der Nationalelf abgerutschten Freund Torsten Frings - sowie "Dinge offen und kritisch ansprechen, die mir als Kapitän am Herzen lagen". Aber was läuft falsch im Nationalteam? Löw hat nach der EM Fehler eingesehen und seinen sportlichen Kurs erneuert, die Ergebnisse geben ihm recht. Auch das Raunen von Ballack-Vertrauten und anderen Leuten aus der Fußballszene, dass "da noch mehr passiert ist" hinter den Kulissen des DFB, erklärt nichts.

Auch Löw machte Fehler

Falsch war, dass Löw seinen Kapitän nicht angerufen hat, nachdem der sich hatte operieren lassen. Daraus hat Ballack den Schluss gezogen, der Bundestrainer nehme Abstand vom bisher engen Vertrauensverhältnis. Man kann ihn dafür als "Mimose" bezeichnen, wie es Franz Beckenbauer getan hat, man kann aber auch verstehen, dass er sich Gedanken gemacht hat. Ballack ist empfindlich und argwöhnisch, das war er - wie die Bayern bestätigen können - immer schon.

Er hat dann dieses krause, vor Widersprüchen wimmelnde Interview gegeben, in dem unter anderem eine Ballack-kritische Kolumne von Olaf Thon als Beleg für Stimmungsmache gegen die älteren Spieler in der Nationalelf herangezogen wurde. Bei allem Respekt für diesen verdienten Nationalspieler: Olaf Thon hat nicht viel mehr Nähe zur DFB-Auswahl als Bundespräsident Horst Köhler.

Ballack irrt mit seiner Kritik

Löw war zurecht entsetzt und enttäuscht. Sein Kapitän hatte nicht nur technische Kritik geübt, sondern ihn charakterlich angezweifelt. Ballack unterstellte, dass Frings ebenso mitgespielt werde wie den tatsächlich fragwürdig behandelten Kollegen Christian Wörns und Oliver Kahn. Da saß Ballack jedoch einem Irrtum auf. Weder ist Löw für das Schicksal von Wörns und Kahn verantwortlich (der Chef hieß Jürgen Klinsmann), noch ist Frings Unrecht geschehen, als er auf die Bank gesetzt wurde.

Immerhin ist Ballack bereit, sich bei Löw zu entschuldigen. Vorausgesetzt, es gelingt den beiden, ihre Beziehung zu reparieren, könnte er sich wieder einreihen in die Nationalelf, in der er als Fußballer dringend gebraucht wird. Und vielleicht wirkt es sich sogar produktiv aus, dass die Heile-Welt-Fassade beim DFB-Team ein wenig eingerissen worden ist.

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(SZ vom 27.10.2008/jbe)