Von Christiane Schlötzer

Heute ist die Türkei ein fußballverrücktes Land. Doch lange Zeit war der Sport bei Muslimen tabu.

Für ihren Lieblingssport fehlen den Türken schlicht die Worte. Sie haben sie sich aus dem Englischen geborgt, was man unschwer erkennen kann, weil man im Türkischen schreibt, wie man spricht: So heißt Fußball "futbol", die Ecke "Korner" und das Tor "gol". Briten und Griechen waren auch die Ersten, die in Istanbul schon 1890 Fußballvereine gründen durften. Der Grund für das Exklusivrecht: Der Osmanen-Sultan fürchtete vereinsähnliche Aktivitäten seiner muslimischen Untertanen in seinem vom Zerfall bedrohten Reich. Zudem war das Rasenspiel bei Strenggläubigen ohnehin verpönt. Schuld daran ist eine religiöse Überlieferung, die da sagt, den Enkelsöhnen des Propheten, Hasan und Hüsseyn, seien die Köpfe abgeschlagen worden, und die Mörder hätten dann mit Füßen nach ihnen getreten.

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Wird inzwischen auch von Frauen bejubelt: Der türkische Kapitän Nihat Kahveci. (© Foto: dpa)

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Auch die kurzen Hosen der Spieler missfielen strikten Muslimen. Aber der Bann brach schon Anfang des 20. Jahrhunderts, da wurden die heute noch berühmten Klubs Besiktas (1903) und Galatasaray (1905) gegründet. Fenerbahce, der dritte Istanbuler Spitzenverein, lange ein Klub für die bessere Gesellschaft, warb einst um einen besonders begabten Mittelstürmer aus dem Armenviertel Kasimpasa am Goldenen Horn. Dem hatten sie den Namen "Imam Beckenbauer" gegeben, weil er fußballerisch so talentiert wie religiös war. Der Mann heißt Tayyip Erdogan und ist heute Premierminister und immer noch ein bekennender Fenerbahce-Fan.

Bei Heimspielen der großen Istanbuler Vereine ist die Stadt am Bosporus ein Fahnenmeer, Taxifahrer lassen die Radioübertragungen auf voller Lautstärke laufen, ob es ihren Fahrgästen passt oder nicht. Und längst strömen auch Frauen in die Stadien, selbst mit Kopftuch, und feuern ihre Mannschaften an. Sogar Mädchen sollen sich einst an einem Spiel aus Mittelasien beteiligt haben, das man durchaus als eine Art Vorläufer des Fußballs bezeichnen könnte. Statt eines Balls benutzte man allerdings noch eine Kugel aus Tierfell oder Stoff. "Tepük" hieß das Spiel, ein Wort für "Tritt", als der Fußball noch einen türkischen Namen hatte.

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(SZ vom 25.06.2008/pes)