Debatte um Schalke-Hymne Dortmund ist schuld

Warum Christen wie Muslime die Schalker Klub-Hymne besten Gewissens singen dürfen und weshalb die Fans hinter den Protesten gegen ihr Vereinslied eine Verschwörung vermuten.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Fans des FC Schalke 04 glauben mittlerweile zu wissen, dass nicht gekränkte Moslems hinter den Protesten gegen ihr Vereinslied stecken, sondern subversive Elemente aus dem Lager des feindlichen Nachbarn Borussia Dortmund, die just vor dem Start der 47. Bundesligasaison Unruhe hatten stiften wollen. Diese Theorie von der miesen Verschwörung mag einem zwar ziemlich abstrus vorkommen. Andererseits ist sie nicht weniger abwegig als die Auffassung der vor allem im Internet aufgebrachten Debatte: dass Schalkes angejahrte Hymne den Glauben von einer Milliarde Muslime beleidige, weil darin die Liedzeilen auftauchen: "Mohammed war ein Prophet/der vom Fußballspielen nichts versteht."

Inzwischen hat zumindest die semantische und theologische Erörterung der im Jahr 1963 verfassten Textpassage ein beruhigendes Ende gefunden. Kenner des Korans und Institutionen wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland haben ihr besänftigendes Urteil gesprochen, und schließlich hat auch ein vom Verein bestellter Gutachter befunden, dass dem Lied keine beleidigende Absicht oder gar islamfeindliche Gesinnung innewohnt. Dafür hätte es allerdingskeiner akademischen Analyse bedurft: Die Hymne ist vom Geist unbedarfter Harmlosigkeit getragen, das erschließt sich jedem Leser, Hörer und Sänger sofort. Und überhaupt: Wer würde das französische Volk für mordgierig erklären, bloß weil es in seiner Nationalhymne heißt: "Zu den Waffen, Bürger/.../ das unreine Blut/ tränke unserer Äcker Furchen."

Nein, Schalke muss seine Klubhymne nicht umdichten, die Fans - Deutsche und Türken, Christen und Muslime - dürfen sie besten Gewissens singen. Dabei hatte sich die Klubführung durchaus Sorgen gemacht. Man muss es zwar nicht über die Maßen ernst nehmen, wenn von interessierter Seite vorformulierte, konfektionierte Protestmails in den Vereinscomputern eingehen, aber man weiß auch nie, wohin so eine Debatte führt.

Das Internet mit seinen wild umeinanderwirbelnden Meinungen rührt Stimmungen auf, die eigene Dynamik entwickeln. In Schalke sah man ein Dilemma heraufziehen: Entweder droht Ärger mit muslimischen Falken, wenn die Zeilen bestehen blieben, oder ein Problem mit königsblauen Extremisten, falls Hand ans Vereinslied gelegt würde.

Dass Schalke nun die Kosten für das Gutachten an die Verschwörer aus Dortmund weiterreicht, ist nicht zu erwarten. Man wird bezahlen und den Fall in der Vereinschronik unter der Rubrik "Albernheiten" ablegen, wo auch das religiöse Gelöbnis des Managers Assauer registriert ist. Der hatte nach dem in letzter Sekunde eingebüßten Meistertitel 2001 öffentlich dem Fußballgott abgeschworen.

Und Muslime mit Humor und Hintersinn nehmen aus der Sache moralischen wie interreligiösen Gewinn mit: Schalke 04, sagen sie, ist immerhin der erste westliche Sportverein, der anerkennt, dass Mohammed ein Prophet ist.

Der Messias ist da

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