Debatte um deutsche Anti-Doping-Behörde Zwei Sätze, die Berlin missfallen

Travis Tygart (li.), hier bei seinem Besuch im Bundestag Ende Januar - der Usada-Chef gilt als Vorkämpfer bei Dopingermittlungen. 

(Foto: dpa)

Usada-Chef Travis Tygart hat es in der Causa Armstrong vorgemacht: Die Unabhängigkeit nationaler Dopingfahnder von Politik und Sportverbänden ist bei der Betrugsbekämpfung essentiell. Eine Broschüre der deutschen Behörde Nada zeigt jetzt, wie weit man hierzulande vom Idealfall entfernt ist.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Kürzlich war Travis Tygart, der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, Gast im Sportausschuss des Bundestages. Dort sprach der Mann, der in jahrelanger Feinarbeit Lance Armstrong überführte, über die Notwendigkeiten im Anti-Doping-Kampf. Eines seiner Kernthemen: die Unabhängigkeit nationaler Dopingfahnder von Politik und Sportverbänden.

Tygart kennt sich aus, bei seiner Jagd auf den einstigen US-Nationalhelden hatte er den Druck der Sportlobby ständig gespürt. Wiederholt wurde er vor Ausschüsse in Washington zitiert, Politiker warfen ihm das Verprassen von Steuermitteln vor. Tygart ignorierte das ebenso wie die Gefahr, über Nacht gefeuert zu werden.

Vor dem Berliner Auftritt, so hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) stolz vermeldet, hätten sich Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper mit Tygart "zum Meinungsaustausch" getroffen. Bach und Vesper wie auch ihre ministeriellen Verbündeten beschwören stets die angebliche Unabhängigkeit ihrer nationalen Anti-Doping-Agentur Nada. Indes liegt die Nada nicht nur strukturell stramm an der Kandare von DOSB und Politik.

SZ-Recherchen zeigen, wie stark der Einfluss sogar in Einzelfragen des Tagesgeschäfts hineinreicht. Die Nada räumt jetzt ein, dass sie im Herbst 2012 die Jubiläumsschrift zu ihrem zehnjährigen Bestehen auf Betreiben des Bundesinnenministeriums (BMI) zurückgezogen und neu aufgelegt habe - weil zwei Sätze nicht genehm waren.

Zu finden sind diese Formulierungen auf Seite sieben der Original-Broschüre. DOSB-Ehrenpräsident Manfred von Richthofen, der die Nada-Gründung einst vorangetrieben hatte, tadelte dort mit Blick auf aktuelle Finanzierungssorgen der Agentur: "Umso unverständlicher ist es, dass der Bundestag eine Million bei der Dopingbekämpfung einspart. Welchen Sport wünscht sich denn unser Gesetzgeber?"

Eine gute, aber auch heikle Frage. Als die Broschüre mit dieser Passage gedruckt war, erhielt die Nada, wie sie mitteilt, rund eine Woche vor der Jubiläumsfeier am 21. November einen Hinweis aus dem BMI-Sportreferat: "Die Nada wurde vom BMI aufmerksam gemacht, dass sich die Faktenlage in der Frage der Finanzierung zwischen dem Druck und dem Erscheinen der Broschüre geändert hat - Herr von Richthofen ging davon aus, dass die Million nicht genehmigt wird, bei Erscheinen der Broschüre war die Million aber bewilligt."

Danach sei in Absprache mit Richthofen "und im Einvernehmen zwischen Nada-Kommunikation und -Vorstand" die brisante Stelle eliminiert und die Neuauflage der Broschüre in Auftrag gegeben worden. Das Innenministerium teilt mit, es habe die Nada "gebeten", einen "unrichtigen Sachverhalt" zu korrigieren: "In welcher Form die Korrektur erfolgt ist, war ausschließlich Entscheidung der Nada." Nach SZ- Informationen kam es im Abstimmungsprozess aber durchaus zu Konflikten.