Debatte in der Handball-Nationalmannschaft Kaputtgespielt im Dauerstress

Konzentration auf den Verein, Absage ans deutsche Team: Flensburgs Holger Glandorf (m.) 

(Foto: dpa)

Wenn die Besten nicht mehr fürs Nationalteam spielen wollen, läuft etwas schief: Im deutschen Handball häufen sich Absagen wie jüngst von Rückraumspieler Holger Glandorf. Länderspiele und Turniere haben für viele Profis längst keine Priorität mehr - ein bedenklicher Trend, den der Sport selbst zu verantworten hat.

Von Saskia Aleythe

Das Unerreichte bleibt immer das Größte. Bei Stefan Kretzschmar ist das nicht anders. Der ehemalige Handballer redet gerne, neuerdings mahnt er sogar, wie man es sonst nur von Matthias Sammer beim FC Bayern kennt. "Zu meiner Zeit konntest du uns aufs Spielfeld tragen, und wir haben gespielt, wenn es für Deutschland ging", empört sich der mittlerweile 39-Jährige. Der Mann, der früher mit extravaganten Frisuren und ebenso herausragenden Treffern glänzte, muss sich ärgern in diesen Tagen. Ihn nervt die jüngste WM-Absage von Holger Glandorf.

Seine Zeit ist in Kretzschmars Fall vor allem eines: Die Umschreibung für eine Hochphase des deutschen Handballs, in der es für Kretzschmar nie mit einem Titel mit der Nationalmannschaft klappte. Egal ob WM-, EM- oder Olympiasieg: Alles blieb dem explosiven Linksaußen verwehrt. Als es 2004 doch mit dem EM-Triumph klappte, fehlte er verletzt.

Zyniker könnten anmerken: Erst als die deutsche Nummer Fünf das Nationaltrikot ablegte, klappte es auch mit dem WM-Sieg. Das war 2007. Holger Glandorf hat Kretzschmar also mindestens einen Titel voraus. Nun hat sich der Flensburger entschieden, der im Januar beginnenden Weltmeisterschaft in Spanien nicht beizuwohnen - und erntet dafür Groll vom Ex-Kollegen.

"Nationalmannschaft absagen aus gesundheitlichen Gründen, aber jedes Wochenende im Verein 100 Prozent geben. Bedenklich und charakterlos", twitterte Kretzschmar nach Glandorfs Entschluss und hielt seine Enttäuschung auch in einem Interview mit dem SID nicht zurück: "Diese Meldung hat das Fass zum Überlaufen gebracht", so Kretzschmar, "Tendenzen in diese Richtung gibt es schon länger. Ich weiß nicht, ob jeder sich darüber im Klaren ist, was für die Nationalmannschaft und den Handball auf dem Spiel steht."

Tatsächlich könnte der Eindruck entstehen, Auftritte mit der DHB-Auswahl seien bei den Spielern mittlerweile so beliebt wie Nachtschichten zu Silvester. Wer nicht ohnehin verletzt ist, sagt aus provisorischen Gründen ab. Den Anfang der Verzichtskultur prägte der Kieler Christian Zeitz, der sich aufgrund von gesundheitlichen Bedenken nach den Olympischen Spielen 2008 eine Pause vom Nationaltrikot erbat. Deutschlands damaliger Bundestrainer Heiner Brand gewährte sie ihm - und holte Zeitz nie wieder zurück ins Team.

2011 folgte Hamburgs Torwart Johannes Bitter, der sich nach der damaligen WM eine Auszeit vom Nationalteam nahm und gerade erst einen Kreuzbandriss auskuriert hat. In diesem Januar beendete sogar Kapitän Pascal Hens seine internationale Karriere - auch er will sich auf die Aufgaben beim HSV konzentrieren.

Nun also Holger Glandorf: Sein Absage mutet auf den ersten Blick seltsam an, steht er doch mit den Flensburgern mehrmals wöchentlich auf dem Parkett, in der Bundesliga, dem DHB-Pokal oder der Champions League. "Diese Entscheidung habe ich schweren Herzens getroffen", sagt Glandorf - er begründet seinen Entschluss so: "Ich brauche aber unbedingt den Januar, um gemeinsam mit den SG-Ärzten meine körperlichen Probleme in den Griff zu bekommen." Eine Erholungspause für den eigenen Körper ausgerechnet zur Zeit der WM? Eine Frage der Priorität eben.