Das Wunder von Innsbruck Zurück in die Bronzezeit

40 Jahre nach ihrem Olympia-Coup sieht sich die erfolgreichste deutsche Eishockey-Auswahl wieder. Der Anlass ist die Premiere einer TV-Dokumentation.

Von Johannes Schnitzler

Die Rosi fehlt. Wie damals, 1976, in Innsbruck. Erste in der Abfahrt, Erste im Slalom: die Gold-Rosi. Bei den Winterspielen 1976 fuhr Rosa Katharina Mittermaier aus Reit im Winkl in die deutsche Sportgeschichte und direkt weiter in die Herzen der Nation. Besonders angetan hatte sie es den Eishockeyspielern. Wenn da nur nicht der Christian gewesen wäre. Christian Neureuther, Rosis Freund. Selbst jetzt, 40 Jahre später, Mittermaier und Neureuther sind seit 1980 verheiratet, fehlt die Rosi. Immer noch. Oder: schon wieder. Die Rosi ist "was fürs Herz", sagt einer. Und alle anderen lachen.

An diesem Sonntag jährt sich zum 40. Mal das "Wunder von Innsbruck", jener Tag, an dem die deutsche Eishockey-Mannschaft Olympia-Bronze gewann. Als die Spieler erst dachten, sie hätten die Medaille verpasst, weil sie gegen die USA ein Tor zu wenig geschossen hätten. Und die dann, als die Kampfrichter gerechnet hatten, plötzlich doch aufs Treppchen durften, weil sie um den Quotienten 0,041 vor den Finnen lagen. "0,041 - Das Eishockey-Wunder von Innsbruck", lautet der Titel einer Dokumentation, die das Bayerische Fernsehen am Samstag, 17 Uhr, zeigt. Die Autoren sind mit der Mannschaft noch einmal nach Innsbruck gefahren. Alois Schloder, der Kapitän, hat sein privates Archiv geplündert, in dem er Pucks, Trikots und andere Memorabilien aufbewahrt, darunter Porträt-Zeichnungen von hageren, kantigen Gesichtern. Die Gesichter sind weicher geworden, die Haare grau. Aber die Erinnerungen sind jung und stark. "Was ist denn los mit mir?", fragt Schloder. Weil er feuchte Augen hat.

Die Vorführung beginnt mit einer Schweigeminute für Trainer Xaver Unsinn

Zur Pressevorführung am Donnerstag in einem Münchner Kino hat sich die Branche versammelt: Bundestrainer Marco Sturm ist da, die Spitzen der Liga und des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB). Auch DEB-Vize Daniel Hopp, der als Geschäftsführer des deutschen Meisters Mannheim am selben Tag seinen Trainer entlassen wird, ist gekommen. Hopp sagt: "1976 war eine Sternstunde. Die Zahl 0,041 ist bis heute eine magische Zahl."

Erich Kühnhackl (links) und Alois Schloder (rechts) bejubeln einen Treffer beim olympischen Eishockey-Turnier 1976 in Innsbruck.

(Foto: Sven Simon/Imago)

Damals hätte niemand gedacht, dass sie sich 40 Jahre später an magische Momente erinnern würden. Von den Rodlern, Bobfahrern und Skifahrern wurden Medaillen erwartet. Von den Eishockeyspielern: nichts. Jedenfalls nichts Gutes. Nach einer Niederlage in der Vorbereitung gegen Rumänien riet der damalige NOK-Chef Willi Daume gar, auf die Teilnahme zu verzichten: Von der Mannschaft sei nichts zu erwarten als "schlechte Leistungen und mieses Benehmen". Die Zeitungen schrieben von einer Schande.

Zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung muss sich die Mannschaft erst für die Medaillenrunde qualifizieren. Sie gewinnt 5:1 gegen die Schweiz durch Tore von Lorenz Funk (2), Ernst Köpf, Erich Kühnhackl und Wolfgang Boos. Klaus Auhuber, Teamkollege von Kühnhackl und Schloder in Landshut, erinnert sich an die Eröffnungsfeier: "Bua", habe er sich gedacht, "jetzt hast' es g'schafft". Im ersten Spiel der Hauptrunde folgt ein 7:4 gegen Polen, in den Medien werden aus den verspotteten Olympia-Touristen plötzlich die Lieblinge der Nation - neben der Rosi natürlich. Gegen Finnland (3:5), die UdSSR (3:7) und die CSSR (4:7) setzt es Niederlagen. Aber die Leistung ist respektabel. Was fehlt, ist ein klarer Sieg gegen die USA.

Die Vorführung in München beginnt mit einer Schweigeminute für Xaver Unsinn, den Trainer; für Toni Kehle, den Torwart, für Ferenc Vozar, den gebürtigen Ungarn, und für Rudi Thanner, den Verteidiger aus Füssen. Auch Lorenz Funk steht auf. Der Mittelstürmer aus Bad Tölz, mit 225 Länderspielen hinter Udo Kießling (320) und Dieter Hegen (290) Dritter auf der Liste der westdeutschen Rekordspieler, geht auf Krücken gestützt, für längere Wege als den von seinem Sitz bis zur Bühne ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Vergangenes Jahr, vor Beginn der Dreharbeiten, wurde bei dem 68-Jährigen Krebs diagnostiziert. "Vor 14 Tagen", sagt Funk, "hätte ich nicht gedacht, dass ich es noch packe." Der 1,90-Meter-Mann ist gezeichnet, seine Stimme ist leise. Er hat seine Haare verloren, aber nicht seinen Humor. "Schön, dass du da bist, Lenz", sagt einer. Funks bairische Antwort: "I gfrei mi a."

Lorenz Funk, der Lenz, ist das emotionale Zentrum des Films. Die ehemaligen Mitspieler, in der Liga zum Teil erbitterte Gegner, streicheln ihm den kahlen Kopf und das Gesicht, Köpf küsst ihn auf die Wange. Wie zärtlich diese harten Burschen sein können. Vor 40 Jahren war der Umgang rauer. Zwischen Funk und Köpf krachte es im Spiel gegen die USA, weil Funk selbst schoss statt Köpf anzuspielen. "Du bist schuld!", schrie Köpf, sie dachten, dass sie mit vier Toren Vorsprung gewinnen müssten, dass das 4:1 zu wenig sei. Die Spieler flehen ihren Trainer an, er solle den Torwart vom Eis nehmen, um mit einem weiteren Angreifer spielen zu können. Doch Unsinn reagiert nicht.

Als die Zeit abgelaufen ist, herrscht in der Kabine "Totenstimmung", erzählt DEB-Präsident Franz Reindl, damals ein 21 jahre alter Stürmer. Die letzten Worte von ZDF-Reporter Kurt Lavall: "Schade, schade, schade." Doch was - außer Unsinn vielleicht - niemand weiß: Das 4:1 reicht. Weil Deutschland, Finnland und die USA jeweils 4:6 Punkte haben, wird der Torquotient bemüht - Kühnhackl gibt zu, dass er das Wort "gar nicht gekannt" habe: "Tor ja, aber das andere . . . nein." Weil die USA im direkten Vergleich der drei Teams das schlechteste Torverhältnis haben (6:8), landen sie auf Platz fünf. Zwischen Finnland (9:8) und Deutschland (7:6) wird geteilt: erzielte Tore durch erhaltene. Das ergibt für die Finnen einen Quotienten von 1,125 - Deutschland (1,166) ist um 0,041 besser. Als Erster erfährt es Reindl: "Unser damaliger Sportdirektor Roman Neumayer hat gesagt: ,Wir haben's.' Dann hat er geweint."

Neumayer ist vergangenen Dezember gestorben. Auf den Bildern von der Siegerehrung sieht man ein ernst blickendes sowjetisches Team, das Gold gewonnen hatte, enttäuschte Tschechoslowaken, die gegen die UdSSR 3:4 verloren. Und einen Haufen grinsender junger Männer, die eine Bronzemedaille um den Hals baumeln haben. In der ARD-Tagesschau verkündete Werner Veigel die "völlig überraschende" Nachricht, im ZDF stieß Sportchef Hanns Joachim Friedrichs mit den Spielern "erst einmal" mit Sekt an. Kießling, 1976 der Benjamin im Team, sagt: "Am Anfang waren wir Grüppchen. Am Ende waren wir ein dicker Haufen." Auhuber sagt: "Ich hab' Gänsehaut."

Alois Schloder schüttelt nach der Vorstellung den Kopf, als könne er das Wunder immer noch nicht fassen. Er schaut hinüber zu Lenz Funk: "Mensch, war das ein Kerl." Dann werden Schloders Augen feucht.