Heute spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Pariser Banlieue: Ein Ortsbesuch im Vorort St. Denis.
Fünf Jugendliche am Rande der Autobahn 1, die am Stade de France vorbeiführt. Ein Arm schnellt hoch, der Stinkefinger wird ausgefahren. Doch er gilt keinem Passanten, sondern einem tief fliegenden Polizeihubschrauber, der über St. Denis patrouilliert. Hier, gleich hinter der Schnellstraße Périphérique, die Paris einschnürt wie eine geteerte Stadtmauer, fängt sie an, die Banlieue.
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Das Stade de France, eingekeilt von Autobahnen, liegt meist verlassen da. (© Foto: AP)
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Kein guter Anfang: Monströse Autobahnen zerschneiden das verödete Viertel; am Canal St. Denis, der das Stadion nordöstlich umläuft, häuft sich der Müll, und über allem thront, aufgespießt von stählernen Nadeln, ein dunkelgrau verwitterter, gigantischer Metallring: das Tribünendach des Stade de France.
Heute tritt hier das deutsche Nationalteam gegen das französische an, aber der Fußball ist dieser Tage nicht so wichtig. "Tous les stades de l'emotion", "alle Stadien der Emotion" verspricht ein Plakat an den vergitterten Zellen der Stadionfassade, die so aussieht, als beherberge sie ein Gefängnis. 80.000 Menschen passen ins Stade de France. Und Gefühle werden die Zuschauer zeigen, das ist sicher, vielleicht werden sie das Spiel auch zum Anlass nehmen, die Wut wieder hochkochen zu lassen, wenn die Kameras der Welt auf sie gerichtet sind.
44 angezündete Autos
Das Spiel beginnt zu vorgerückter Abendstunde, aber es herrscht keine Ausgangssperre in St. Denis, einer der landesweit etwa 700 "sensiblen Zonen" - Stadtviertel also, die jederzeit außer Kontrolle geraten können. Seit dem 3. November zählte man hier 44 angezündete Autos.
Wissen die Jugendlichen, die hier wohnen, dass auch sie "Dionysier" sind? Sie heißen so nach Dionysius von Paris, einem Nationalheiligen Frankreichs und dem Patron der französischen Könige, die in der Basilika Saint-Denis begraben sind. Dem Ort, an dem vor fast neun Jahrhunderten die Gotik erfunden wurde.
Der Nothelfer Dionysius kann wegen Tollwut, Gewissensunruhe oder Seelenleiden angerufen werden, aber was nützt das den verzweifelten Menschen, die am Stadtrand leben? Über die alte Straße der Könige, die heute geradewegs in die Problemviertel führt, hat man brutal die A1 gelegt - eine gewaltige Betonschneise, die nur eines anzeigt: schnell weg von hier.
Das verlassene Stadion
Das Stadion liegt, zwischen den Autobahnen eingekeilt, meistens verlassen da. Nur sporadisch wird es für Spiele der Equipe Tricolore und für die Champions League genutzt; der Verein Paris Saint Germain, der Stolz der fußballverrückten Parisiens, trägt seine Partien lieber im wohlhabenden Südwesten aus, im Prinzenpark.
Eine breite Fußgängerbrücke, die nicht enden will, versandet am Ende doch noch abrupt - vor verschlossenen Stadiontoren. Dort ist ein französisches Fernsehteam auf vergeblicher Suche nach "O-Tönen". Der monströse Gitterbau des Stadions mit der fliegenden Schallplatte darüber ist ein Ufo, eine gebaute Absage an seine Umgebung.
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