Das Geheimnis hinter dem Mainzer 1:0 Laufgruppe Schmidt

125 Kilometer hatte Schmidts Elf am Freitagabend zurückgelegt. Einige Meter kamen auch bei beim Jubellauf von Christian Clemens dazu.

(Foto: AP)

Der FSV rennt beim Sieg gegen Gladbach 125 Kilometer -mehr als jede andere Mannschaft. Der Trainer glaubt: Es geht nur so. Im Umfeld wird derweil über die Gage von 05-Boss Strutz geraunt.

Von Tobias Schächter, Mainz

Fast bis Mitternacht sprach Martin Schmidt am Freitag über dieses aus seiner Sicht saumäßig wichtige 1:0 des FSV Mainz 05 gegen Borussia Mönchengladbach. Das war auch für ihn außergewöhnlich lange. Dass die Trainergespräche nach Spielen in Mainz schon seit Jahren so aufschlussreich geraten wie wohl an keinem anderen Bundesliga-Standort, ist hingegen nicht neu: Jürgen Klopp erläuterte hier einst umfangreich seine Geheimnisse der Motivationskunst und des positiven Denkens, Thomas Tuchel unterrichtete sein Publikum regelmäßig über die Kniffe der Taktik. Und nun erweitert der Schweizer Martin Schmidt eben so manchen Horizont unter anderem mit Vorträgen über die physischen Voraussetzungen von Erfolg.

125 Kilometer hatte Schmidts Elf am Freitagabend in diesem beeindruckenden Kampfspiel zurückgelegt, keine Mannschaft rennt mehr in Bundesligaspielen. Aber 125 Kilometer, das ist selbst für die "Laufgruppe Schmidt" Höchstwert. In 90 Minuten ist das eine irre Zahl, die auch Gästetrainer André Schubert ungefragt "Respekt" abverlangte. Mit drei, vier Kilometern weniger hätte es aber auch nicht zum Sieg gereicht, glaubte Schmidt. Oder zumindest wäre es sehr, sehr schwer geworden gegen spielerisch bessere Gladbacher. Aber die Schmidt-Mannschaft übertraf sich in all ihren Stärken an diesem Abend mal wieder selbst. Auch die Zahl in der Rubrik "Sprints" (ein Profi beschleunigt auf über 25 Kilometer in der Stunde) wies einen Höchstwert auf: 262. Der ligaweit unangefochtene Saisonhöchstwert der Mainzer lag bislang bei 214, die Bestmarke der letzten Saison bei 245.

Schmidt und seine Spieler zelteten in den Walliser Bergen

Man muss solche Statistiken im Fußball nicht überbewerten. In diesem Fall erzählen sie aber fast die ganze Geschichte. Seine Elf müsse mehr laufen als der Gegner, um konkurrenzfähig zu sein - davon ist Schmidt überzeugt. Dieses Mainz 05 ist auch unter Schmidt mal wieder eine Trainerelf. Eine erfolgreiche. Einmal mehr gewannen die Nullfünfer ein richtungsweisendes Spiel und sind mit nun 27 Punkten den Gladbachern, die vor dem Anpfiff noch auf Champions-League-Rang vier platziert waren, bis auf zwei Punkte nahe gerückt. Und sie machten das mit ihrer ureigenen Art: mit Lauf- und Willensstärke. Genau darauf hatte Schmidt seinen Kader zu Beginn der Wintervorbereitung beim Zelten in den Walliser Bergen noch einmal eingeschworen.

Die Entstehung des Siegtreffers von Christian Clemens (21.) passte zu der enormen Kraft, die diese Elf ausstrahlen kann: Flügelflitzer Jairo setzte sich im Dribbling energisch gegen drei Gladbacher durch, bevor er Clemens bediente, der den Ball dann aus 20 Metern urgewaltig ins Tor drosch. Jairo ist ein Beispiel dafür, wie Schmidt Spieler entwickelt. Der 22 Jahre alte Spanier wirkte vor anderthalb Jahren, nach seinem Wechsel vom FC Sevilla, noch wie ein Talent, für das die Bundesliga eine Nummer zu groß ist. Dank gezielter Übungen zur Körperstabilität aber ist "aus einem Bübchen ein Kraftpaket" (Schmidt) mit Durchsetzungsvermögen geworden. Dieses Stärkungs-Programm der Muskeln zwischen Knie und Oberkörper durchlaufen alle Spieler in Mainz.

In Gedenken an einen verstorbenen Fan reihen sich die Mainzer nach Schlusspfiff auf.

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)

Gladbach hat "eine Schweine-Situation"

Wahr ist aber auch: Ohne die überragende Leistung von Torwart Loris Karius wäre Mainz nicht als Sieger vom Platz gegangen. Gladbach spielte nicht schlecht, hatte viele Chancen - trotzdem stand am Ende die zweite Niederlage hintereinander in der Statistik. "Wir haben eine Schweine-Situation", sagte Sportdirektor Max Eberl zerknirscht: "Wir kriegen hinten relativ einfache Tore und schaffen es vorne nicht, den Punch zu setzen." Immerhin wurde die Gegentorflut der letzten Monate eingedämmt (zuvor 18 Gegentreffer in fünf Spielen), der Österreicher Martin Hinteregger, von RB Salzburg im Winter gekommen, legte ein gutes Startelfdebüt hin. Für ihn hatte Schubert auf den 19-jährigen Nico Elvedi verzichtet. "Wir müssen weiterarbeiten, dann holen wir drei Punkte gegen Bremen nächste Woche", glaubt Havard Nordtveit, der wegen der Sperre von Granit Xhaka diesmal als alleiniger Sechser agierte.

Den Mainzern gibt der Sieg auch Mut für die nächste Auswärtspartie in Hannover. Und sie beruhigt die Lage am Standort, die ja weiter von den Diskussionen um den erwarteten Weggang von Manager Christian Heidel nach der Saison zum FC Schalke geprägt wird. Dass der Präsident Harald Strutz in dieser Situation Urlaub in Südafrika machte, sollen im Verein nicht alle gut gefunden haben.

250.000 Euro pro Jahr fürs Ehrenamt

Die lokale Mainzer AZ berichtete außerdem vergangene Woche, was schon lange geraunt worden war: Strutz soll für sein Ehrenamt rund 250.000 Euro pro Jahr bekommen. Die Summe wollte Strutz nicht kommentieren, aber das mit der Aufwandsentschädigung sei schon 2009 einvernehmlich im Vorstand geregelt worden durch eine Satzungsänderung, erklärte Strutz am Freitag. Weil der Klub so gewachsen sei, seien Anwesenheitspflichten auch mittags auf der Geschäftsstelle notwendig geworden. Die Zeit fehle ihm in seiner Anwaltspraxis, deshalb bekomme er seit geraumer Zeit eine pauschale Aufwandsentschädigung, bekannte Strutz.

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Der Präsident wirkt angespannt. Es stehen allerdings auch Zukunftsentscheidungen an. Diskutiert wird derzeit, ob und wie Heidel ersetzt werden kann, auch eine Lösung mit zwei Profis - einem Fachmann Sport und einem Experten Finanzen - sei denkbar. Die beste Lösung aber, so Strutz, wäre ein Verbleib von Christian Heidel. Dass der auch selbst seinen möglichen Nachfolger sucht, gab Strutz zu.

Martin Schmidt will diese Debatten von der Mannschaft fern halten. Am Freitag sagte er: "Lasst uns über Sport sprechen, nicht über Politik."