Abwehrchef, Torschütze, Ballack-Ersatz: Daniel van Buyten muss beim FC Bayern alles auf einmal sein.
Die Ordner sind heute ganz besonders übellaunig und bellen sogar kleine Jungen an, die "gefälligst runter vom Rasen" sollen. Aber der kleine Andreas darf sich jetzt nicht abhalten lassen, er muss das doch sagen, er spricht doch für eine ganze Stadt.
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Daniel van Buyten im Trainingslager des FC Bayerns. (© Foto: ddp)
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"Daniel", ruft er, sich nach vorne zwängend, "Daniel, Hamburg wünscht dir Glück!" Der kleine Andreas wartet auf einen Blickkontakt, dann geht er wieder, raus aus dem Fanpulk, aus dem Trubel um Daniel van Buyten, 28, Verteidiger, zuletzt beim HSV, jetzt beim FC Bayern. Der Abschied fällt echten Hamburger wie dem kleinen Andreas immer noch schwer.
Mit Daniel van Buyten hat es der HSV endlich wieder wie einst 1983 in den Europapokal geschafft, in der Stadt war eine Art von Hysterie um van Buyten ausgebrochen. Die von ihm angeführte Hamburger Abwehr erschien zeitweise unbezwingbar.
Die Begeisterung brauchte ein Gesicht, einen Namen, einen Typen wie ihn: 1,96 Meter groß, kräftige Arme, breites Kreuz, mit streng zurückgekämmten langen Haaren, fast wie Conan der Barbar, nur ohne Schwert und mit besserer Kinderstube.
Andere verglichen ihn, den Sohn eines Berufs-Wrestlers, mit Tarzan, erkannten Ähnlichkeiten zu Johnny Weissmüller, oder gleich zu Godzilla. Etwas weniger Überhitzte zogen Parallelen zum Holländer Jaap Stam.
Am Ziel seiner Träume
Im Garten des Hotels am Tegernsee sieht Daniel van Buyten einfach nur aus wie Daniel van Buyten. Die Strenge, die er auf dem Rasen ausstrahlt, fehlt ihm im Gartenstuhl völlig. Es ist kein besonders schöner Gartenstuhl, aber man darf trotzdem sagen: Hier ist er am Ziel seiner Träume, hier im Trainingslager des FC Bayern.
"Ich habe als Kind Poster von der Bayern-Mannschaft gehabt und Sammelbildchen der Spieler auf mein Bett geklebt", sagt van Buyten. Er sagt auch ganz offen, dass der HSV für ihn immer nur eine Durchgangssation war. Seit sechs Jahren wartet Daniel van Buyten auf das Trikot, das er jetzt trägt, das rote mit dem weiß-blauen Bayern-Wappen.
In der Saison 2000/2001 saß van Buyten schon einmal im Büro von Uli Hoeneß. "Ich bin mit einem Gips dort hingegangen, das kam nicht so gut an", erzählt er. Dabei war der Gips nur eine Vorsorgemaßnahme gewesen für eine unspektakuläre Verletzung. Hoeneß zögerte, van Buyten, damals bei Standard Lüttich, ging zu Olympique Marseille.
Dort spielte er großartig, er spielte Champions League gegen Real Madrid, das wird er nie vergessen, Juventus fragte an, auch Manchester. Dann verletzte er sich, dazu kam ein Streit mit dem Trainer, sein Marktwert sank.
Er konnte froh sein, dass ihn der HSV im Sommer 2004 unter Vertrag nahm. So viel muss man über van Buyten wissen, um seine Begeisterung zu verstehen, seine Hymne auf den FC Bayern ("Besser geht es fast gar nicht", "einer der Top-Fünf-Vereine"), seinen Redefluss.
Wenige Minuten zuvor hatte Lucio bei einer Pressekonferenz noch uncharmant erwähnt, dass er sich bei Bayern wohl fühle - zumindest solange kein Angebot von Real Madrid vorliege. Van Buyten hingegen wähnt sich schon in der obersten Liga des Weltfußballs.
Der Verein hat auch viel mit ihm vor: "Felix Magath hat mir gesagt: 'Wir wollen von dir genau dasselbe, was du in Hamburg gemacht hast'." Van Buyten soll Kopf der Abwehr sein und zudem die Lücke von Michael Ballack schließen, "dafür haben sie mich geholt, als Führungsspieler".
Van Buyten hat ein Lieblingswort: "Kommunikation." Er sagt es immer wieder. "Der moderne Fußball wird immer schneller, die Gegner lassen dir immer weniger Zeit", darum müsse man miteinander reden, dauernd reden, "damit sparst du dir viel Kraft".
Van Buyten soll Anführer bleiben, doch seine Untergebenen sind jetzt andere: der brasilianische Weltmeister Lucio, der französische WM-Finalist Sagnol, der neue Volksheld Lahm. Statt der Viererkette, die van Buyten aus Hamburg kennt, erwägt Magath eine 3-5-2-Taktik.
Ziemliche viele Neuigkeiten sind das, und für das alles hat van Buyten zwölf Tage Zeit; mehr Zeit wird er nicht haben nach der Rückkehr von Lahm und Sagnol aus dem Urlaub bis zum Ligastart gegen Dortmund. "Und Tore schießen sollen Sie auch noch", merkt ein Journalist an, van Buyten verzieht das Gesicht, er weiß, leicht wird das nicht.
Kann er das? Neben viel Lob gab es beim HSV immer wieder auch leise Kritik am Belgier. Mitspieler empfanden seine Chef-Attitüde zunehmend als lästig. Seine Technik ist eher solide, sein Offensivgeist denkt oft über weite Bälle nach vorne nicht hinaus.
In München erwarten sie viel von ihm, und die Boulevardpresse hat ihm schon mal gezeigt, was auf ihn zukommen könnte; er hatte unbedacht über das frühe Aufstehen im Trainingslager geklagt und war plötzlich der faule Millionär.
Es könnte sein, dass van Buyten in München bald kleiner wirkt als die 1,96 Meter in seinem Pass.
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(SZ vom 26.7.2006)
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