Cristiano Ronaldo bei Real Madrid Der Narziss von der Blumeninsel

Der Portugiese Cristiano Ronaldo eilt in Spanien von Rekord zu Rekord. Inzwischen steht er bei 41 Saisontreffern und hat damit seine Marke des vergangenen Jahres eingestellt. Doch es haftet ihm der Makel der Eitelkeit an. In der Geschichte des Fußballs gab es wohl noch nie einen Spieler, dem Bizeps und Quadrizeps so wichtig gewesen sind.

Von Javier Cáceres, Madrid

Cristiano Ronaldo, 27, hat noch nie so tief in seine Seele blicken lassen wie neulich fern des heimischen Stadions Santiago Bernabéu in Pamplona nach dem Spiel bei CA Osasuna. Oder wie Mittwochnacht im Estadio Vicente Calderón von Atlético Madrid. In beiden Spielen traf Ronaldo für Real Madrid aus unheimlicher Distanz ins gegnerische Tor. Und dann deutete Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, geboren im Februar 1985 auf der Blumeninsel Madeira, in seiner Euphorie auf das, was ihm am Wichtigsten ist: Ronaldo lief nicht wie sonst jubelnd davon, die Arme ausgebreitet, als wäre er nicht Cristiano, sondern Cristo Redentor, Christus der Erlöser - in der Erwartung, dass seine Mitspieler hinter ihm herrennen, um ihm zu huldigen. Nein.

Neben dieser Pose kennt man von Cristiano Ronaldo auch eine andere: das Zeigen auf seinen mächtigen Oberschenkel.

(Foto: Reuters)

Diesmal warf er sich in eine Pose, die etwas Selbstbildnerisches hatte. Er lupfte das kurze Hosenbein, brüllte mit weit geöffnetem Mund in die Nacht und deutete mit dem Finger auf die zum Zerbersten gespannte, imposante Muskulatur seines rechten Oberschenkels, die sich in ihren einzelnen Strängen unter der Haut abzeichnete. Der Muskel, c'est moi. Der Muskel bin ich.

Es hat wohl in der Geschichte des Fußballs noch nie einen Spieler gegeben, dem Bizeps und Quadrizeps so wichtig gewesen sind wie Ronaldo. In einem Sport, der sogar Dicke wie Maradona triumphieren sah, Säufer wie Best oder El Mágico González, Krüppel wie Garrincha oder wachstumsgehemmte Kinder wie Lionel Messi, ist Ronaldo der Prototyp des Athleten, der triumphiert. Und triumphieren will er mit Real auch am nächsten Dienstag: im Champions-League-Halbfinale beim FC Bayern.

Es gibt mittlerweile keinen Rekord mehr, der vor Ronaldo sicher wäre. Am Mittwoch bei Atlético erzielte er in der Primera Divisíon seine Ligatreffer 38, 39 und 40, schon jetzt hat er mehr Hattricks (sieben) geschafft als jeder andere Fußballer vor ihm in einer einzigen Saison. 38 Mannschaften der vier größten Ligen Europas haben weniger Tore erzielt als Ronaldo allein. 20 seiner inzwischen 41 Tore (ein weiteres am Samstag gegen Gijon) erzielte er in Auswärtsspielen, eine nie zuvor erreichte Marke.

Einzig Messi vom FC Barcelona reicht an ihn heran, er hat jetzt auch 41 Treffer erzielt - durch ihre globale Strahlkraft gilt ihr Wettstreit längst als eine Neuauflage von historischen Duellen wie Magic Johnson gegen Larry Bird, Björn Borg gegen John McEnroe oder Kubala gegen Di Stéfano. Wenn man Pokal und Champions League hinzuzählt, hat Messi (63) zehn Tore mehr erzielt als Ronaldo. Doch keiner von diesen Treffern hatte die Wucht, die Ronaldo an den Tag legt. Fußball-Poet Jorge Valdano schwärmt: "Cristiano Ronaldo ist eine tödliche Waffe."

Als Ronaldo im Sommer 2009 für die Rekord-Ablösesumme von 94 Millionen Euro von Manchester United zu Real wechselte, war Valdano beim spanischen Rekordmeister noch Generaldirektor. Fast 100.000 Menschen wohnten Ronaldos Vorstellung im Bernabéu-Stadion bei, Präsident und Bauunternehmer Florentino Pérez war so beglückt wie Proletarierkinder aus Madrider Vororten, Legenden des Sports wie Alfredo Di Stéfano und Eusébio. Ronaldo hatte noch gar nicht für Real gegen den Ball getreten, als in Spaniens Hauptstadt Glamour-Alarm ausgelöst wurde.

Später wurde Ronaldo bei einem Flirt mit der Hotelerbin Paris Hilton in Beverly Hills fotografiert, eine verprellte spanische B-Prominente breitete in der Presse ihre Erkenntnisse über die sexuelle Potenz Ronaldos aus, jeder dritte Makler von Luxusimmobilien wollte Ronaldo eine Wohnung in Madrids Zentrum vermittelt haben. Die Sportpresse war vom Phänomen Ronaldo ebenso geblendet wie besorgt: So, wie sich die Restaurants und Bars in Madrid erst füllen, wenn Real gewinnt, verkaufen sich auch die Jubelblätter erst dann gut, wenn Real gewinnt. Würde es mit Cristiano Ronaldo also so zugehen wie zu Zeiten der Galácticos bei Real, von Beckham, Zidane und dem brasilianischen Ronaldo? Als Real in aller Munde war, die Vip-Diskotheken an jedem Wochenende gut besucht und auch die Klatschzeitschriften voll waren? "Es wird für Ronaldo weder Discos noch Partys geben", prophezeite Valdano - und behielt recht.

"Eine Person, die jedes Wochenende ausgeht, kann auf dem Platz nicht ihre maximale Leistung bringen", sagt Ronaldo, "meine Ferien genieße ich mit meinen Freunden maximal." Mit Beginn der Saisonvorbereitung entsagt er dem Alkohol, in Madrider Szene-Bars hat man ihn noch so gut wie nie gesehen. Stattdessen lebt der Stürmer in einem gut umzäunten, von Sicherheitsleuten abgeschirmten Vorort - zusammen mit seinem Clan, der es genießt, in Madrid näher an Portugal und der Sonne als damals in Manchester zu sein und in bester Nachbarschaft mit den anderen Portugiesen von Real.

Die denunziatorischen Anrufe von Fans bei Sportzeitungen haben selten Ronaldo zum Thema, meist geht es um seine Kollegen. Sie hätten nie einen professionelleren Spieler erlebt, behaupten nicht wenige Teamkameraden. Täglich feilt der Narziss weiter an seinem Gladiatoren-Körper. "Ich liebe es, meinen Körper zu pflegen, es ist etwas sehr Wichtiges für mich", sagt er. Dass er bei Toren seinen Oberschenkel zeigt, geht auf einen Wettstreit zurück: Ersatztorwart Adán forderte Ronaldo einst heraus - wer wohl den voluminöseren Schenkel habe.

Trotz aller Erfolge - die uneingeschränkte Bewunderung des Publikums im Bernabéu-Stadion hatte Ronaldo lange Zeit nicht. Im Gegenteil. Zwar hatte er schon in der vergangenen Saison 41 Liga-Tore geschossen und in drei Jahren bei Real mehr Treffer als in sechs Jahren für Manchester. Doch noch im Januar pfiffen ihn die Fans aus. Auf den Rängen entlud sich, dass Ronaldo in entscheidenden Spielen gegen seinen Rivalen Messi fast immer den Kürzeren zog. Dass seine Übersteiger oft zu nichts führten und seine Freistöße nicht selten im zweiten Stadionrang landeten.