Von Claudio Catuogno

Zehn Siege in Folge, fünf Punkte Vorsprung vor Augen: Doch der VfL Wolfsburg zeigt Angst vor der Favoritenrolle und verliert 0:2 bei Energie Cottbus.

Angst, hatte Steffen Heidrich vorher gesagt, der Manager des FC Energie Cottbus, Angst wäre wohl "der größte Hemmschuh". Heidrich meinte: Angst vor Grafite und Edin Dzeko, jenem Sturmduo des VfL Wolfsburg, dem in den Stadien der Republik ein Ruf vorauseilt, als würden der gottesfürchtige Brasilianer und der jugendlich-freundliche Bosnier nicht bloß kompromisslos Tore schießen, sondern plündern und brandschatzen.

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Der Anfang von der ersten Niederlage in diesem Jahr: Das 1:0 durch Rangelov für Energie Cottbus. (© Foto: dpa)

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16 Saisontore hatte Dzeko vor dem Sonntagsspiel zwischen Cottbus und Wolfsburg erzielt, Grafite sogar schon 22, das sind zusammen 38. Die gesamte Cottbuser Mannschaft kam bisher nur auf 24. Da kann einen schon ein bisschen Angst befallen als handelsübliche Innenverteidigung, vor allem, wenn man seit 16 Partien nicht zu Null gespielt hat, wie Heidrichs FC Energie.

Soweit die sogenannte Ausgangslage. Doch dann schien die Angst den VfL Wolfsburg ergriffen zu haben, den Tabellenführer. Angst vor Energie Cottbus? Nicht direkt, bei allem professionellen Respekt für den Abstiegskandidaten aus der Lausitz. Wohl eher eine Angst vor der eigenen Courage, nachdem tags zuvor im FC Bayern München und dem Hamburger SV gleich zwei Titel-Konkurrenten überraschend verloren hatten.

Ein verführerischer Tabellenvorsprung von fünf Punkten auf Hertha BSC und sechs Punkten auf die weiteren Verfolger wäre möglich gewesen, mit dem Resultat, dass verschärfte Ambitionen auf die Meisterschaft kaum noch zu leugnen gewesen wären von den Niedersachsen und ihrem sich bisher listig zurückhaltenden Cheftrainer Felix Magath.

Die Auswirkungen dieser Angst auf dem Platz war mit dem Heidrich-Wort "Hemmschuh" nur unzureichend umschrieben. Natürlich lief wenig zusammen. Natürlich verließen viele Pässe die Wolfsburger High-Tech-Schuhe nicht mit der gewohnten Präzision. Auslöser war aber wohl eher die mentale Komponente des Fußballs, ein "Hemmkopf", wenn man so will. Am Ende gewann Energie Cottbus völlig überraschend 2:0.

Es hatte bereits bis zur 13. Minute gedauert, ehe Wolfsburg überhaupt auffällig wurde: Da flankte Marcel Schäfer von der linken Seite, und der Cottbuser Torwart Gerhard Tremmel begann seinen Arbeitstag mit einem Missverständnis. Anstatt seinen Verteidiger Daniel Ziebig die Situation per Kopf bereinigen zu lassen, patschte Tremmel ausgerechnet Grafite den Ball vor die Füße. Der Brasilianer, leicht überrascht, zielte zu hoch, wie auch vier Minuten später, als Tremmel einen Schuss von Zvjezdan Misimovic wieder zu Grafite abprallen ließ (17.).

Die Cottbuser selbst schossen zweimal aus klarer Abseitsstellung auf das Wolfsburger Tor, dann prüfte Ervin Skela den VfL-Schlussmann Diego Benaglio mit ein paar sehenswerten Weitschüssen, jedoch noch ohne Ertrag. Den eigentlichen Arbeitsauftrag jedoch erfüllten sie akribisch: Sie hielten das Wolfsburger Sturmduo aus der eigenen Hälfte fern. So dauerte es bis zur 40. Minute, ehe diesmal Dzeko alleine vor Tremmel auftauchte - und knapp am Pfosten vorbei zielte.

Von der Lethargie, die letzte Woche beim 0:4 auf Schalke um sich gegriffen und einigen Cottbuser Fans gerade eine Rückzahlung ihres Eintrittsgelds aus der Mannschaftskasse beschert hatte, war nichts mehr zu spüren beim Außenseiter. In der zweiten Halbzeit steckten die Cottbuser sogar einen zu Unrecht verweigerten Elfmeter und einen unbegründeten Abseitspfiff weg - und wurden auch in der Offensive mutiger.

In der 72. Minute schickte Ivica Iliev eine vermeintliche Bogenlampe auf den Weg, welche die Wolfsburger Abwehr nicht großartig zu kümmern schien - ehe Dimitar Rangelov zum 1:0 einköpfte. Ervin Skela war es dann, der in der 87. Minute die Überraschung perfekt machte. Von Dzeko und Grafite sprach später niemand mehr.

Bei einem Sieg hätten die Wolfsburger elf Spiele hintereinander gewonnen, das gab es in der Bundesliga-Geschichte noch nie. Einem anderen Trend können sie sich jedoch trotz der Niederlage kaum verschließen: Erst viermal wurde der Tabellenführer des 28.Spieltags nicht deutscher Meister.

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(SZ vom 27.04.2009)