Politik oder Sport? Venezuela richtet die Copa America aus. Präsident Hugo Chavez könnte das Fußball-Turnier für seine Zwecke nutzen.
Von Spitzensport ist eher selten die Rede, wenn es um Venezuela geht. Als einziges Großereignis der jüngeren Vergangenheit durfte das Land im Norden Südamerikas 1983 die Panamerikanischen Spiele ausrichten, zuletzt wurde hauptsächlich über Politik gestritten. Seit dem Amtsantritt von Präsident Hugo Chavez vor acht Jahren sind die 28 Millionen Einwohner gespalten in meist fanatische Anhänger und Gegner des Baseball-Freundes Chavez, der einen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ausgerufen hat und mit vollen Händen die staatlichen Milliardeneinnahmen aus dem Ölgeschäft verteilt.
Die Argentinier Hugo Ibarra, Juan Roman Riquelme and Roberto Ayala (von links) trainieren in Maracaibo. Hugo Chavez und Maskottchen Guaki gucken vom Plakat aus zu. (© Foto: AFP)
Anzeige
Die Regeln werden dabei von beiden Seiten immer wieder missachtet - Chavez wurde zwischendurch sogar für zwei Tage aus seinem Palast geputscht, zur Strafe ließ er einer oppositionellen Fernsehanstalt die Lizenz entziehen. Nachfolger ist ein staatlicher Kanal, der nun übertragen darf, wie Venezuela bei der 42. Austragung zum ersten Mal die Copa America beherbergt, das älteste aller Fußballturniere.
Argentinien in Bestbesetzung, Brasilien ohne die Stars
Zunächst will die Regierung bei dieser Gelegenheit zeigen, dass sie einen solchen Wettbewerb stemmen kann, trotz mangelnder Erfahrung und ständigen Zanks um die Zukunft der Nation. Eine Milliarde US-Dollar ließ Chavez investieren, um neun Stadien in neun meist wenig erprobten Städten Fifa-tauglich zu machen. Die ersten Gruppenspiele finden am Dienstag auf 1600 Metern in Merida zwischen Peru und Uruguay und auf 800 Metern in San Cristobal zwischen Venezuela und Bolivien statt. Die übrigen Partien folgen in Maracaibo, Barquisimeto, Barinas, Maturin, Puerto de la Cruz, Puerto Ordaz und Caracas, wobei die Hauptstadt nur das Spiel um Platz drei erleben darf - ein geplantes Halbfinale wurde aus Sicherheitsgründen nach Maracaibo verlegt.
Und das entzweite Volk soll wenigstens dann vereint sein, wenn in ihren weinroten Trikots die Gastgeber antreten. In der Weltrangliste belegen die Hausherren hinter Albanien Platz 70, aber sie waren schon wesentlich schlechter notiert und bezwangen bei der WM-Qualifikation Kolumbien und Ecuador. Mittelfeldspieler Juan Arango, angestellt bei RCD Mallorca, will "für Venezuela Geschichte schreiben".
Im Weg stehen dürfte vor allem Argentinien, das einhellig als Favorit gilt und sich selbst auch als solchen sieht. Man denke einzig daran, diesen Pokal zu gewinnen, "weil wir schon so lange nichts mehr gewonnen haben", erläutert Abwehrchef Roberto Ayala, der wieder Mannschaftskapitän ist. Von Olympiasieg und WM-Triumphen des Nachwuchses mal abgesehen stammt der letzte Titel von der Copa America 1993, damals mit Trainer Alfio Basile, der nach der Enttäuschung bei der WM in Deutschland und dem Rücktritt von Jose Pekerman nun wieder das Kommando übernommen hat. Seinem Aufruf folgten sämtliche Auserwählten, darunter Lionel Messi und Carlos Tevez. Regisseur Juan Roman Riquelme machte nach seinem Triumph mit Boca Juniors im Copa Libertadores seinen Rücktritt rückgängig, Javier Zanetti und Juan Sebastian Veron sind auch wieder dabei.
Titelverteidiger Brasilien dagegen meldet prominente Ausfälle. Ronaldo wurde von Trainer Carlos Dunga gar nicht erst eingeladen mit der Begründung, er werde "andere Angreifer beobachten. Wir wissen, was Ronaldo zu leisten imstande ist". Ronaldinho und Kaka wollen sich erholen, Adriano blieb ebenfalls zu Hause, immerhin stürmen Robinho von Real Madrid und Fred von Olympique Lyon.
Mexiko wiederum verzichtet auf seine müden Stuttgarter Meister, was wohl auch damit zu tun hat, dass sich Pavel Pardo und Ricardo Osorio mit Trainer Ricardo La Volpe besser verstanden als mit dessen Nachfolger Hugo Sanchez. Am Sonntag hatte Sanchez bereits den ersten Reinfall seiner Ära zu verzeichnen, als sein Team im Finale des nord- und mittelamerikanischen Gold Cups in Chicago 1:2 gegen den Nachbarn USA verlor. Die Niederlage kostet die Teilnahme am Confederation Cup 2009 in Südafrika.
Ansonsten darf man gespannt sein, wie politisch diese erste Copa America im Reich des Hugo Chavez wird. Kritiker fürchten, er wolle die Stadien in die roten Farben seiner Bewegung tauchen, offenbar landeten auffällig viele Tickets bei Funktionären. Der Staatschef wiederum schimpft über eine konspirative Offensive der Opposition. Seit Wochen demonstrieren seine Rivalen gegen das Ende des genannten TV-Senders, zur Widerstandsbewegung gehören viele Studenten und Fußballfans. "Die extreme Rechte versucht, die Copa America zu sabotieren und das Land zu destabilisieren", warnt Chavez, zieht sich aber trotzdem zurück. Am Dienstag, dem Tag der Eröffnung, fliegt er zu Wladimir Putin nach Moskau und nachher nach Weißrussland und Iran - seine Verbündeten in der Weltpolitik sind ihm fürs Erste noch wichtiger als der Fußball.
(SZ vom 26.6.2007)