Von Ein Kommentar von Thomas Hummel

Einst haben die Fans ihre deutschen Helden angefeuert. Heute braucht der Radsport eine Pause. Auch die Zuschauer.

Die Tour de France und der gesamte Radsport sind im Rückblick eine Posse. Man erinnert sich mit Abscheu an die schweißigen Hände, das fiebrige Gemüt und die Spannung im Magen als Jan Ullrich versuchte, Lance Armstrong nach L'Alpe d'Huez zu folgen. Man wäre am liebsten mitgeradelt oder hätte angeschoben, so lieb wäre einem ein Sieg des melancholischen Helden aus Rostock gewesen.

Zabel Aldag Ullrich

Zwei Geständige, ein Verdächtigter: Zabel, Aldag, Ullrich (v.l.), bei der Tour 1997. (© Foto: AP)

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Udo Bölts wurde verehrt, weil er Ullrich in schlechten Zeiten stilecht anfeuerte ("Quäl dich, du Sau!"). Erik Zabel sollte mit seinen riesigen Oberschenkeln ins Grüne Trikot sprinten, und der nette Herr Aldag gab Interviews stets dreckverschmiert. Sie waren die Götter der französischen Straßen, die Könige des Julis.

Nun ist die Begeisterung von einst der unangenehmen Erkenntnis gewichen: Man hat wohl einer Horde Betrügern zugejubelt. Und deshalb: Schluss jetzt mit diesem Unsinn. Keine Emotionen mehr, kein Anfeuern mehr, keine Tour mehr.

Inzwischen ist der ganze Laden in die Luft geflogen: Dietz, Bölts, Henn, Zabel, Riis, Aldag. Ach ja, der nette Aldag aus dem Fernsehen. Es folgte die Beichte von Jörg Jaksche, die auch von Doping in der Gegenwart handelt. Und die Last der Indizien gegen den Helden Jan Ullrich wiegt schwer.

Nicht nur die Deutschen sind betroffen. Die Beispiele Basso, Hamilton, Landis sind nur die bekannten Namen. Und wie viele wurden nicht erwischt?

Jesús Manzano, der erste offen geständige Fahrer, hat gesagt, ohne Doping sei es unmöglich die Tour de France mitzufahren. Kein Wunder, wenn die Besten drei Wochen lang eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 40 Kilometer pro Stunde fahren. Ähnlich einem Moped.

Es geht dabei nicht nur um die betrogene Leidenschaft der Zuschauer, es geht auch um viel Geld. Zehntausende original Magenta-Trikots sind verkauft worden. Die Einschaltquoten der Sender stiegen in den Himmel, die Gehälter der Fahrer im gleichen Maße. Die Sponsoren hatten das seltene Glück, omnipräsent zu sein. Am Radsport-Boom haben alle Beteiligten bestens verdient.

Während seines Geständnisses lud Bjarne Riis die bösen Kritiker gnädig nach Hause ein, um sein Gelbes Trikot abzuholen. Was sie nicht mehr bekommen, sind die Koffer voller Geld, die der Däne mit seinen Erfolgen verdient hat. Alles ist verjährt.

Und das Doping hält an. Wenn man Experten wie den Heidelberger Professoren Werner Franke glaubt, sind neue Mittel längst auf dem Markt. Mittel, die für Dopingfahnder nicht nachweisbar sind.

Als sich die Leiter der Rennställe am Donnerstag über den neuen Ethikcode des Weltverbands stritten, verließ Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer wütend den Raum. Beim Thema Eigenblut-Doping kam es zum Eklat: "Ein Vertreter eines spanischen Teams hat doch tatsächlich gesagt, das sei kein Doping, sondern Medizin", berichtete Holczer. Einige haben offenbar immer noch kein Unrechtsbewusstsein für ihre Manipulationen am menschlichen Körper.

Und so ist es ausgeschlossen, sich guten Gewissens weiter die Tour de France anzusehen, wie die Männer mit den dicken Waden und der unendlichen Ausdauer die Alpen und Pyrenäen hinaufsprinten. Die Tour de France und der gesamte Radsport brauchen eine Auszeit. Auch der Zuschauer.

Die andere Meinung: Pro Tour de France.

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(sueddeutsche.de)