Christian Cappek Einmal Profifußball und zurück

Einst mit Offenbach im DFB-Pokal - bald Auszubildender zum Industriekaufmann: Christian Cappek

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Christian Cappek spielte einst in Burghausen, Offenbach und Wehen; der BVB und Hertha BSC interessierten sich für den Angreifer.
  • Im März beendete er als Invalide seine Karriere - bald beginnt der 27-Jährige eine Ausbildung.
  • Seine Geschichte zeigt, wie schnell eine Karriere vorbei sein kann, wenn man falsch beraten ist.
Von Johannes Kirchmeier

Wenn die dritte Fußball-Liga am Freitag mit dem Eröffnungsspiel Karlsruhe gegen Osnabrück ihre Saison beginnt, schaut Christian Cappek nur noch zu. Und das, obwohl Cappek eigentlich im besten Fußballeralter ist, wie man in solchen Fällen sagt, und er sehr viel Zeit in dieser Liga verbracht hat. Er galt als eines der größten bayerischen Stürmertalente, der Schwabe schaffte in Burghausen den Sprung in den Profifußball, für Aue spielte er in der zweiten Bundesliga. Bis März stand er beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden unter Vertrag - bis er seine Karriere beenden musste: mit 26 Jahren. Als Sportinvalide.

Cappek lehnt sich zurück auf der gepolsterten Bank im Augsburger Innenstadtcafé Picnic. Er hält Rückschau auf seine Laufbahn als Fußballer und fasst zusammen: "Es ist nicht immer diese heile rosarote Fußballwelt." Besonders nicht in der dritten Liga, besonders ohne einen dieser Millionenverträge. "Wenn du kein Bundesligaspieler bist, reicht es nicht hinten raus. Wenn du es clever machst, kriegst du ein bisschen was auf die Seite, aber 90 Prozent der Spieler gehen raus mit null."

Er selbst hat tatsächlich was zur Seite gelegt, das schon, es sei aber auch nicht so, dass das jetzt viel Geld wäre. Cappek hatte ja noch gehofft, ein paar Jahre zu haben, doch manchmal zeigt sich der Sport von seiner grausamen Seite. In Cappeks Fall heißt das: Bis zum Rücktritt im März pausierte er fast 14 Monate lang, nachdem die Patellasehne angerissen war. Drei Operationen hat er sich seit Februar 2016 am Knie unterziehen müssen, immer wieder gab es Komplikationen. Nach der ersten OP riss die Sehne beim Joggen durch, nach der zweiten rutschte während der Reha die Kniescheibe zwei Zentimeter hoch in den Oberschenkel. Für Cappek stand fest, dass seine Karriere beendet ist, auch weil die Ärzte meinten: "Wenn ich die OP nicht machen lasse, kann ich mir in einem Jahr ein künstliches Kniegelenk abholen."

Cappek beginnt eine Ausbildung zum Industriekaufmann

Cappek ist 1,86 Meter groß, er kann Menschen für sich einnehmen, er ist ein selbstbewusster junger Mann. Im Picnic ist der heute 27-Jährige häufiger zu Gast, er begrüßt die Leute mit Handschlag, unterhält sich kurz über seinen Lieblingsverein FC Bayern (und das, obwohl er in der Jugend für den TSV 1860 München spielte). Er wohnt mit seiner Freundin um die Ecke.

Dass es ihm nun wieder gut geht, und dass er so fröhlich wirkt an diesem verregneten Morgen, an dem er sich erst einmal einen Cafe Americano bestellt, bevor er seinen grauen Mantel ablegt und sich hinsetzt, hängt damit zusammen, dass er den Schritt aus dem Profifußball schnell geschafft hat. Cappek hatte Glück: Er wird im September eine Ausbildung zum Industriekaufmann beginnen, diese ist Teil eines Umschulungsprogramms der Berufsgenossenschaft. "Das ist überragend gelaufen: Montag Vorstellungsgespräch, Dienstag Zusage, Mittwoch OP."

Den meisten Kollegen ergeht es jedoch anders. "Es haben mich so viele Kumpels angerufen und gefragt: Wie geht das? Weil die alle Angst haben. Alle machen Trainerscheine und hoffen, dass sie mal in die zweite Liga kommen." Um die Frage der Kollegen zu beantworten: Cappek hat sich einfach beworben. Er weiß aber auch, dass er sich als Azubi wieder umstellen muss, finanziell muss er sich etwas zurücknehmen: "Ich laufe nicht rum und sage: Wer braucht noch was?"

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Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wechselvolle Karriere und all ihre Etappen. In der Jugend hatte ihn der Vater täglich um sechs Uhr früh zum Bahnhof in Mering gebracht, Cappek pendelte zum TSV 1860. "Um 21.42 Uhr kam mein Zug in Mering wieder an." Die Uhrzeit hat sich eingeprägt - ein Fulltime-Job. Als 17-Jähriger bekommt er jedoch gesagt, dass es mit der Profikarriere bei den Sechzigern nichts wird. Cappek geht nach Burghausen, aufgeben gilt nicht. Beim SV Wacker schafft er den Sprung zu den Profis und wird bereits mit 19 der Kapitän. "Damals hätte ich den Sprung in die Bundesliga schaffen können, aber da stand ich mir selbst im Weg." Cappek nennt einen Grund: "Wir waren, glaube ich, die größte Partytruppe, die es je in der dritten Liga gegeben hat."

Trotzdem weckt er, der Kämpfer, das Interesse der Bundesligisten Hertha BSC und Borussia Dortmund. Doch die Hertha von Trainer Lucien Favre wollte keinen Partykönig ausgerechnet nach Berlin locken; einen Wechsel zum BVB stoppte ein Schlüsselbeinbruch. Ab Sommer 2011 probierte sich Cappek in der zweiten Liga in Aue, sein Fazit fällt kurz aus: "Es war bei mir mehr drin als nur fünf Zweitligaspiele." Es klingt, als hänge er der vergebenen Chance nach. Anschließend nahm er oft die falsche Abbiegung, oder er wurde schlecht beraten. Über Augsburg II, Offenbach, Chemnitz landet er in Wehen.

Während seiner Tour durch Deutschland vermochte Cappek seinen Beruf immer besser einzuschätzen. Er stellte vieles in Frage. Und so findet er heute: "Du hast in der dritten Liga mehr Druck als in der Bundesliga. Wenn du in der dritten Liga nicht spielst oder absteigst, dann kann alles vorbei sein. Da geht es um dein Leben." Es sei ein Knochengeschäft, bilanziert Cappek: "Weil ich immer über Punkte gegangen bin, über die andere nicht gegangen wären, war das am Ende vielleicht zu viel für meinen Körper." Daher trauert er der Karriere kaum nach. Es ging für ihn am Ende darum, dass er einmal mit den Kindern (die geplant sind) im Garten spielen kann. Und nicht nur hinterher humpelt.

Und so freut sich Cappek auf seinen neuen Job. Er hat einen Dreijahresvertrag unterschrieben, im Fußball hatte er nie eine so lange Vertragslaufzeit. Was einiges über das schnelllebige Geschäft verrät, aus dem er ausgestiegen ist. So ganz loslassen kann er dennoch nicht: "Vor Kurzem hat es mich wieder zurückgezogen auf den Platz." Cappek ist jetzt Teammanager und Assistenztrainer des SV Mering. Landesliga. Sein Heimatverein.

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