Von Jürgen Schmieder

"Das Spiel hier werde ich mit ins Grab nehmen", sagte Lehmann nach dem Finale. Nach 19 Minuten wurde er vom Platz gestellt. Und nun? Depressionen? Psycho-Knacks? Ist die WM in Gefahr?

Jens Lehmann schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. Wahrscheinlich überlegte er, ob er nun im Regen stand oder in der Traufe. Er hatte damit gerechnet, dass sein Foul gegen Samuel Eto'o ungeahndet bleiben würde, sein Club FC Arsenal dafür aber mit 1:0 zurückliegen würde. Schiedsrichter Terje Hauge entschied anders: Er gab Freistoß, schickte die deutsche Nummer eins aber vorzeitig zum Duschen. Beide Varianten sind schlimm, doch traf Hauges Regelauslegung den Torhüter extremer. "Das Spiel hier werde ich mit ins Grab nehmen", sagte Lehmann nach dem Finale.

Kopf hoch, Jens!

Die entscheidende Szene: Lehmann packt Eto'o am Bein. (© Foto: rtr)

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Es hätte der größte Abend in der Karriere von Lehmann werden sollen. Als strahlender Held war er ins Endspiel eingezogen, er hielt einen Elfmeter in der letzten Minute. Nun ein Sieg gegen die Favoriten aus Barcelona und Lehmann wäre mit der breitesten Brust seit Arnold Schwarzenegger ins Trainingslager nach Genf geflogen.

Nun aber stand Lehmann bedröppelt am Spielfeldrand, ließ sich emotionslos die Silbermedaille umhängen und entschuldigte sich reumütig bei jedem einzelnen seiner Mannschaftskollegen. Traurig sah er aus, geknickt, gebrochen.

Kann so einer die Nummer eins im deutschen Tor sein? Sollte Klinsmann seine Entscheidung noch einmal überdenken und lieber Double-Gewinner Oliver Kahn (seine Reaktion beim Platzverweis ist nicht überliefert, das Hotel auf Sardinien soll jedoch kurz gebebt haben...) ins Tor stellen?

Nein, auf gar keinen Fall! Denn Lehmann tat gestern, was er tun musste. Das erkannten auch die englischen Fußballfans: "Respekt vor Lehmann. Lieber geht er vom Platz als dass er dem Gegenspieler ein Tor schenkt", sagte einer. "Das hat er fürs Team getan", gab ein anderer an. In England also gilt Lehmann nicht als tragische Figur, sondern als Teamplayer, der sich opfert.

Dazu wird Lehmann noch motivierter in die WM-Vorbereitung gehen. Es gibt im Leben eines Fußballers zwei ganz große Titel zu gewinnen: die Champions League und die Weltmeisterschaft. Den ersten hat er gestern vergeben. Ab heute beginnt für ihn die zweite Mission.

Ein weiterer Grund pro Lehmann ist ausgerechnet Oliver Kahn. Der scheiterte 2002 überaus unglücklich in der Champions League im Viertelfinale an Real Madrid, als ihm Helguera und Guti zwei Eier ins Nest legten. In der Bundesliga wurde Kahn mit dem FC Bayern gar nur Dritter. Und dann spielte er das Turnier seines Lebens - weil er aus den Rückschlägen gestärkt hervorging.

Respekt für eine tolle Saison

Jens Lehmann hat gelernt, Nackenschläge und negative Erlebnisse prächtig wegzustecken. Mittlerweile geht er souverän mit Krisen um und spielte vielleicht auch deshalb die Saison seines Lebens inklusive Champions-League-Rekord und der erneuten Qualifikation für die Königsklasse am letzten Spieltag der Premier League.

Das wissen auch seine Kollegen bei der Nationalmannschaft. Sie werden ihn nicht mit tröstenden Worten und aufmunternden Gesten empfangen, sondern mit Respekt und Applaus für eine tolle Spielzeit.

Die hat gestern einen kleinen Knacks bekommen. Für das totale Happy End könnte Jens Lehmann selbst sorgen, wenn er die deutsche Elf mit grandiosen Paraden in sein zweites Endspiel führt. Das Talent hat er, keine Frage. Die mentale Stärke seit wenigen Monaten auch. Um Jens Lehmann müssen wir uns keine Sorgen machen.

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(sueddeutsche.de)