Von Christian Zaschke

Mit dem 0:4 gegen den FC Barcelona ist der überforderte FC Bayern noch gut bedient. Jürgen Klinsmann muss erkennen, dass seine Mannschaft von der europäischen Spitze so weit entfernt ist wie der Lokalrivale 1860 München von der ersten Liga.

Als es endlich vorbei war, wirkten Spieler und Verantwortliche des FC Bayern geschockt wie selten. 4:0 (4:0) hatte der FC Barcelona im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League die in jeder Hinsicht überforderten Münchner besiegt, es war eine Demütigung, und die Bayern mussten erkennen, dass sie von der europäischen Spitze so weit entfernt sind wie der Lokalrivale 1860 München von der ersten Liga. Es war der Offenbarungseid einer Mannschaft, die derzeit lediglich auf dem vierten Platz in der Bundesliga steht, und der also nach den Ansprüchen des Klubs eine Horrorsaison droht. "Die Frage ist, ob man mehr wütend oder mehr traurig sein soll", sagte der sichtlich mitgenommene Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, "das war ohne Frage eine Riesenblamage." Noch härter ging Klubpräsident Franz Beckenbauer mit der Mannschaft ins Gericht. "Das, was ich in der ersten Halbzeit gesehen habe, war das Fürchterlichste, war ich jemals beim FC Bayern gesehen habe", sagte er, "es war ein Vorführung, fast eine Demütigung."

Lionel Messi

(© Foto: Getty)

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In Barcelona wollte das Team das peinliche 1:5 gegen Wolfsburg vom vergangenen Wochenende vergessen machen, doch Barcelona ist kein gutes Pflaster für den FC Bayern. Im berühmten Stadion Camp Nou erlebte der Klub 1999 die traumatische Niederlage im Champions-League-Finale gegen Manchester United, und im Camp Nou wurde die Elf des deutschen Meisters am Mittwoch von den zaubernden Handwerken des FC Barcelona in ihre Einzelteile zerlegt.

Von Beginn an war ein Klassenunterschied zu sehen, bereits nach fünf Minuten kam Thierry Henry zur ersten guten Chance. Martin Demichelis klärte für die Bayern auf der Linie. Da war bereits das Muster zu erkennen gewesen, nach dem der FC Barcelona in der Folge immer wieder verfahren sollte: Mit einigen schnellen Pässen umspielte die spanische Auswahl den Abwehrverbund der Bayern, dann plötzlich folgte der Pass in die Tiefe.

In diesem Fall war es Xavi, der Henry gesucht und gefunden hatte, wenig später war es Samuel Eto'o, der Lionel Messi suchte und fand. Neunte Minute, Messi lief frei im Strafraum, er schaute, dann schloss er mit links zum 1:0 ab. Torwart Hans-Jörg Butt, der für Michael Rensing in die erste Elf gerückt war, hatte keine Abwehrchance - und die Bayern waren offensichtlich geschockt. Ihre Körpersprache sagte: Oh, so gut sind die.

Dabei hatte sich da noch gar nicht der ganze Zauber des Spiels von Barça entfaltet. Nun ging's erst richtig los. 12. Minute, Messi suchte und fand Eto'o, der schob ein zum 2:0. Die Bayern reagierten nervös, sie wirkten jetzt regelrecht ängstlich, und das sieht man wirklich selten. Doch die Angst war berechtigt, denn sie standen einer Mannschaft gegenüber, die mit ihnen machte, was sie wollte.

In dieser Phase hätte es ganz schlimm kommen können, doch die Bayern hatten Glück, dass Schiedsrichter Howard Webb ein klares Foul im Strafraum von Christian Lell an Messi nicht ahndete, sondern bizarrerweise sogar Messi Gelb zeigte wegen vermeintlicher Schwalbe. Lell spielte Linksverteidiger anstelle von Philipp Lahm, der kurzfristig wegen einer Wadenverhärtung passen musste, und er war gegen den agilen Messi hoffnungslos überfordert.

Überall Schwächen

Damit war er freilich nicht allein, überfordert war auch der Rechtsverteidiger Massimo Oddo, was beim 3:0 besonders deutlich wurde. Henry überlief ihn auf einer Strecke von 15 Metern, dann passte der Franzose in den Strafraum, wo Messi mal wieder flinker war als alle Bayern - insbesondere als die Innenverteidiger Breno und Demichelis - und den Ball ins Netz schob (38. Minute).

In gewisser Weise kam das Spiel für den FC Bayern gerade richtig. Dass es nicht rund läuft im Team, ahnen die Verantwortlichen schon länger; sie überlegten zuletzt, wo genau man eingreifen müsste. Der Barcelona offenbarte nun die Schwächen: Sie liegen fast überall.

Vor dem 4:0 ließ Messi mehrere Münchner einfach stehen, zwar rammte ihn Mark van Bommel dann rüde um, doch das Spiel lief weiter: Gedankenschnell passte Eto'o zu Henry, der die Kugel aus 14 Metern Entfernung ins Netz schoss (43. Minute). Bis zur Pause ließ der FC Barcelona dann freundlicherweise noch einige Torchancen aus, und als endlich der Pfiff ertönte, schlichen die Bayern vom Platz: elf gedemütigte Männer.

In der zweiten Halbzeit passierte nicht viel, das Spiel war de facto vorbei. Nicht viel, außer: Der FC Bayern hatte tatsächlich eine Torchance, sein erste und einzige. Ribéry hatte zu Zé Roberto gepasst, der elf Meter vor dem Tor von Carles Puyol abgegrätscht wurde. Das war nach 71 Minuten. Im Anschluss gab es dann sogar eine Ecke für die Bayern, aber das war's dann auch, der FC Barcelona übernahm wieder das Kommando. Einige Traumpässe von Iniesta waren noch zu bewundern, einige Dribblings von Messi, aber zum Glück für die Bayern keine weiteren Tore. Und immerhin: Barça-Trainer Josep Guardiola hatte darauf verzichtet wie letzten Samstag Felix Magath, die Demütigung durch Einwechslung des Ersatztorwarts zu garnieren.

Die Frage ist nun, wie es weitergeht im Klub, insbesondere, ob Klinsmann Trainer bleibt. Rummenigge sagte dazu: "Man muss die Dinge rational bewerten, nicht spontan. Man ist durch so ein Spiel aufgebraust, und das ist kein guter Ratgeber. Wir müssen jetzt erst einmal darüber schlafen. Wenn man denn schlafen kann." Manager Uli Hoeneß ergänzte: "Eine Stunde nach dem Spiel ist es falsch, Grundsatzdiskussionen zu führen." Diese werden wohl einen Tag nach diesem Spiel nicht zu vermeiden sein.

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(SZ vom 09.04.2009/jüsc)