Champions League Nur sich selbst treu
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In Krisenzeiten verändert Bayern-Coach Hitzfeld sein Verhalten - gegen Anderlecht setzt er auf drei Stürmer.
Als Ottmar Hitzfeld am Dienstagmorgen den kleinen Anstieg hinein ins Restaurant des Hotel Bachmair gemeistert hat, kommt er kurz ins Straucheln; das Profil seiner Turnschuhe hat sich im tiefen Teppich verfangen. Hitzfeld nimmt nicht einmal seine Hand aus der rechten Hosentasche, mit einem Lächeln setzt er seinen aufrechten Gang fort zum Podium.
Ein äußerst unbedeutender Vorfall ist das gewesen im Trainingslager des FC Bayern am schönen Tegernsee, und dennoch erzählt er sehr viel über den Fußballlehrer Ottmar Hitzfeld, 54, aus Lörrach. Denn er setzt seinen Weg einfach fort. Immer.
Nicht viel anders ist das vor dem entscheidenden Gruppenspiel in der Champions League am Mittwoch gegen den RSC Anderlecht (20.45 Uhr/Sat1 und Premiere). Für den FC Bayern geht es um ziemlich viel, "um unsere Zukunft als Mannschaft", wie Hitzfeld die Situation einschätzt. In München stellen sich solch existenzielle Fragen häufiger als anderswo, und dann sind die Sorgen und die Anspannung noch deutlicher aus seinem asketischen Antlitz zu lesen.
Die Bayern stecken also wieder einmal in der Krise, sie müssen heute (ohne den verletzten Verteidiger Kovac) gegen die Belgier gewinnen. Sonst sind sie draußen. Wie vergangenes Jahr, als der Europaliga-K.o. als "Schande" (Vorstand Karl-Heinz Rummenigge) in die Vereinschronik Einlass fand. Im Spätherbst 2003 droht dem teuren Kader die Wiederholung dieser gravierenden Fehlleistung, und in solchen Momenten merkt ein so genannter Erfolgstrainer wie Hitzfeld, "dass die alten Erfolge nichts mehr zählen".
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Sieben ist eigentlich Hitzfelds Lieblingszahl, und ganz allgemein findet er, das Leben müsse sich alle sieben Jahre erneuern. Dass jedoch sein Engagement in München nach sechs Jahren enden könnte, sollte er erneut an den eigenen Ansprüchen scheitern - das ahnt er selbst. Hitzfeld sagt: "Mich können immer nur Ergebnisse retten - wenn sie ausbleiben, sieht sich der Verein nach einem Nachfolger um, das ist doch legitim."
Klare Linie des Trainers
Mehr möchte er darüber nicht reden, er hält nicht viel davon, über die Folgen von Niederlagen nachzudenken. Er ist ohnehin der Meinung, auch diese Krise zu bewältigen. Auf dem Weg dorthin bleibt er vor allem sich selbst treu, das haben die Menschen bemerkt, die ihm häufig begegnen.
Kapitän Oliver Kahn sagt, sein Trainer verfolge auch in diesen Tagen "eine klare Linie, das macht er seit Jahren - er lässt sich da von keinem abbringen, und das merkt die Mannschaft auch". Manager Uli Hoeneß findet, Hitzfeld sei "so wie immer", und der Trainerassistent Michael Henke sagt: "Er arbeitet wie stets akribisch, da hat kein Prozent nachgelassen - allerdings wird weniger geflachst, wenn er angespannt ist."
Ottmar Hitzfeld begegnet dem größtmöglichen Druck mit Atemübungen und autogenem Training ("tagsüber fünf bis zehn Minuten"). Vor allem aber ist er in Krisenzeiten offenbar in der Lage, sein Verhalten zu ändern. Voriges Jahr hatten die Klubfunktionäre angemahnt, ihr Abteilungsleiter möge stärker den Nachwuchs einbeziehen und mit härterer Hand führen.
Hitzfeld verwahrte sich vorsichtig gegen die Einflussnahme ("Bis jetzt hat mir niemand reingeredet - so wird's auch bleiben"), doch fortan brachte er plötzlich junge Kräfte wie Schweinsteiger und disziplinierte seine Stars mit Geldstrafen. Im Krisenherbst 2003 vernahm er ähnliche Vorwürfe; Rummenigge etwa kritisierte öffentlich den Fitnessstand des Teams. Hitzfeld ist darüber so empört gewesen, dass "ich das nicht kommentieren möchte". Nur so viel: "Jeder darf seine Meinung haben, aber körperlich hatten wir sicher keine Probleme."
Drei Stürmer gegen Anderlecht
Den aktuellen Problemen versuchte er diesmal im Verborgenen beizukommen. Hitzfeld lamentierte nicht über die beträchtliche Verletztenliste, die etwa dazu führte, dass vor dem ersten Alles-oder-Nichts-Spiel in Glasgow der Amateurstürmer Hasenhüttl, 36, zum Sparring gebeten wurde - als Testperson in der Verteidigung.
Stattdessen suchte Hitzfeld intern verstärkt das Gespräch, etwa zum Angreifer Pizarro, der genervt war vom ständigen Wechselspiel mit Santa Cruz als Duettpartner des gesetzten Millionenmannes Makaay - Hitzfeld hat sich dabei überzeugen lassen, es doch einmal mit drei Stürmern zu versuchen. Auch gegen Anderlecht wird er das Trio aufbieten, "um ein Zeichen zu setzen".
Leidtragender der Rochade ist Michael Ballack, doch der vor die Abwehr abkommandierte Mittelfeldspieler mit dem Faible für die Offensive fügt sich glaubhaft ohne Widersprüche: "Man muss sich in den Dienst der Mannschaft stellen."
Der schöne Tegernsee also. Zwei Tage haben sie dort verbracht, und obwohl das Training kurzfristig daheim an die Säbener Straße verlegt werden musste, weil der Platz des SC Rottach mit einer eisigen Schneeschicht überzogen war, ist Hitzfeld von der Maßnahme überzeugt.
"Die Mannschaft sitzt hier zusammen, und das ist wichtig, dass sie ins Gespräch kommt." Allerdings hat er nun genug mit ihnen geredet. Die Spieler hätten es gut, findet Ottmar Hitzfeld, "die können sich draußen auf dem Rasen abreagieren - ich sitze draußen und bin immer noch geladen". Er will sich das nicht anmerken lassen.